Nilpferde

Es kommt sogar in der Bibel vor, das Flusspferd, auch wenn da eine starke mythologische Komponente mitschwingt: „Sieh doch das Nilpferd, das ich wie dich erschuf. Gras frisst es wie ein Rind“, sagt Gott zu Hiob, aber sein bloßer Anblick bringt zu Fall.  So kühn ist keiner, es zu reizen. Wer hat die Tore seines Gesichts geöffnet? Rings um seine Zähne lagert Schrecken. Erhebt es sich, erschrecken selbst die Göttlichen; vor Schrecken wissen sie nicht aus noch ein. (Hiob 40,15; 41,1b.2a.6.17).

Die Erfahrung, wie gefährlich diese auf den ersten Blick behäbigen Dickhäuter sind, haben also schon die Völker der Antike gemacht. Und die Menschen am Ubangi machen sie bis heute. Auch wir in Mobaye.

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Wenn wir mit unserem Einbaumboot die Kapellengemeinden am Fluss besuchen, begegnen uns immer wieder Nilpferde. Meist liegen sie dösend im Wasser. Nachts kommen sie zur Nahrungssuche an Land. Dann sehen wir sie zwar nicht, hören aber ihr Grunzen bis ins Pfarrhaus. Sie ernähren sich von Gras oder dem, was auf den Feldern am Ufer angepflanzt wurde: Erdnüssen, Mais und ähnlichem. Am nächsten Morgen bleibt nur noch ein verwüsteter Acker zurück.

Weit schlimmer als die Vernichtung von Ernten ist jedoch die Aggressivität dieser reinen Pflanzenfresser. Ohne jeglichen Grund greifen sie Fischer in ihren kleinen Pirogen an, vor allem nachts und in den frühen Morgenstunden, aber auch am helllichten Tag kann es zu Attacken kommen. In Internetartikeln über das Verhalten von Flusspferden heißt es häufig, dass diese angreifen, wenn sie sich bedroht fühlen. Doch die Erfahrung der Menschen am Ubangi geht weit darüber hinaus: Eine ruhig auf dem Wasser liegende Piroge kann zum Angriffsobjekt eines Nilpferdes werden, das sich anfangs noch in weiter Entfernung befand. Das mehrere Tonnen schwere Tier nimmt den Menschen wahr, trotz seiner schwachen Augen, taucht unter und schwimmt auf das Boot zu. CIMG9073 3Zumeist bemerkt der Mensch die drohende Gefahr überhaupt nicht. An seinem Ziel angekommen, taucht das Flusspferd wieder auf und schleudert die Piroge mit dem oder den Menschen in die Luft. Mit Hilfe seines ausgeprägten Geruchssinnes spürt es seine Opfer im Wasser auf und schlägt mit seinem Opferkiefer und den mächtigen Hauern auf sie ein. Die schweren Verletzungen führen häufig zum Tod.

Im Januar hat sich genau dieses Szenario auf dem Ubangi vor Mobaye abgespielt. Opfer war ein Fischer namens Levy, der am frühen Abend auf dem Fluss unterwegs war. Das Nilpferd hat ihn gepackt und noch bis ans Ufer gezogen. Von dort haben Augenzeugen ihn rasch ins Krankenhaus gebracht. Hier ist er drei Tage später verstorben.

An jenem Sonntagnachmittag fuhr ich ebenfalls zum Krankenhaus, um einige Leute dort zu besuchen. Levy war gerade gestorben, und so habe ich mit seiner Familie nach einiger Zeit die Leiche zum Haus gefahren. Es gibt ja kein Bestattungsunternehmen hier. Nun darf man sich das nicht vorstellen wie den Transport eines Verstorbenen in Deutschland, das heißt still und diskret. Hier wird ein solcher Leichenzug von markerschütternden Schreien begleitet, die ganze Stadt ist außer sich, die Menschen kommen in Massen zum Krankenhaus gerannt, weinend und kreischend, und folgen dann dem Wagen bis zum Haus des Verstorbenen. Dort wurde Levy an jenem frühen Abend draußen aufgebahrt, so wie es dem Brauch entspricht.

Am nächsten Morgen, als der Sarg fertiggezimmert war, wurde der Verstorbene in unsere Kirche gebracht, wo wir dann den Auferstehungsgottesdienst gefeiert haben. Danach fand die Beerdigung neben dem kleinen Haus der Familie statt (nur die allerwenigsten Menschen werden bei uns auf dem Friedhof bestattet).

Ein solches Unglück zu akzeptieren ist immer und überall schwer. Wie kann Gott so etwas zulassen? – Hier in Zentralafrika wird die Frage jedoch anders gestellt: Wer ist schuld am Tod von Levy?


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