Von einem anderen Tier

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Aber nicht nur Wachhunde haben wir hier.

Vor kurzer Zeit war es eine Schlange, knapp 1,5 Meter lang, die sich unter unserer Treppe versteckt hielt. Weil niemand beim Vorbeizischen einer Schlange im Dunkeln genau sagen kann, ob das eine giftige ist oder nicht, ist es in jedem Fall sicherer, sie zu erschlagen. Kennt jemand von Euch diese Schlangenart?

Poullart

Einige von Euch haben den Namen vielleicht schon einmal gehört: Poullart. In kompletter Form: Claude-François Poullart des Places. Er lebte von 1679 bis 1709, zunächst in Rennes, später in Paris. Dort ist er auch gestorben, aber nicht ohne ein Erbe zu hinterlassen: unseren Spiritanerorden. Den hat er nämlich an Pfingsten 1703 in einer Seitenkapelle der Kirche Saint-Etienne-des-Grès ins Leben gerufen – ohne damals freilich zu ahnen, was aus der kleinen Gruppe von Theologiestudenten werden sollte: ein Missionsorden, der heute knapp 3.000 Mitglieder zählt und in über 60 Ländern dieser Erde tätig ist. Aber von diesem unserem Gründervater wollte ich eigentlich gar nicht schreiben, sondern von einem ganz anderen „Poullart“: unserem neuen Wachhund, den wir uns vor ein paar Tagen angeschafft haben.

Sicher, er muss noch ein wenig wachsen, um auch wirklich eines Tages Diebe zu vertreiben. Aber das schafft er schon. Mit einem solchen Namen…

 

Unsere weiterführende Schule

Im zentralafrikanischen Schulsystem folgt auf die sechs Jahre Grundschule eine Art dreijährige Sekundarschule, im Französischen auch als „collège“ bezeichnet. Die neunte Klasse schließt mit „Mittleren Reife“ ab. Die Klassen 10 bis 12 bilden den gymnasialen Abschluss, das „lycée“ genannt. In der Regel bilden „collège“ und „lycée“ eine Schule, das Gymnasium eben.

In diesem Schuljahr haben wir eine „sixième“ eröffnet, eine siebte Klasse. Der Unterricht findet nachmittags statt, in einer Klasse der Grundschule. Es gibt noch kein eigenes Gebäude, noch keine formelle staatliche Anerkennung, keine Arbeitsverträge. Aber schon einmal eine große Entschlossenheit, eine gut funktionierende, christlich orientierte weiterführende Schule auf die Beine zu stellen.

In der Tat existiert schon seit vielen Jahren ein staatliches Gymnasium in Mobaye. Aber die Zahl der ausgefallenen Unterrichtsstunden scheint mir größer zu sein als die, die stattgefunden haben. Und dann das weitverbreitete Übel der Korruption, um einen Abschluss zu erreichen.

Wir möchten mit unserer Spiritanerschule zudem einen anderen Schwerpunkt setzen, und zwar auf berufliche Ausbildung bis zur mittleren Reife: Maurer(in?), Schreiner(in?), Schneider(in), alles natürlich mit einfachsten Mitteln, die wir vor Ort finden.

Stundenweise sind einige auswärtige Lehrer beschäftigt, aber auch wir selbst: Sr. Blandine gibt den Französischkurs, P Prince den Religionsunterricht, und ich unterrichte Englisch. Ich denke mir, dass die Lehrer(innen) unter Euch jetzt die Stirn runzeln… Aber woher in der Basse-Kotto einen Englischlehrer nehmen?

Wie auch immer, ich habe entdeckt, dass mir das wirklich großen Spaß macht.

 

Chrisammesse in Alindao

Wieder in Alindao. Letzte Woche haben wir uns auf den Weg in unsere Bischofsstadt gemacht, um am Dienstag der Karwoche die Chrisammesse feiern. Das ist jene Messe jedes Jahr in der Karwoche, in der alle Priester (und Diakone) ihr Treueversprechen gegenüber dem Bischof erneuern und in der die drei Heiligen Öle (für Taufbewerber, für Taufe und Firmung, sowie für die Kranken geweiht werden. Nach langer Zeit waren wie wieder einmal versammelt, fast alle Priester der Diözese und die drei Ordensschwestern aus Mobaye.

Zahlreich sind wir nicht: 1 Bischof, 7 Diözesanpriester und 2 Spiritaner für eine ganze Diözese. Ein Bistum, das durch eine sinnlose Rebellion völlig am Boden liegt. Die Bilder der Zerstörung vom Angriff auf das Gelände in Alindao am 15. November 2018 sprechen für sich…

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Das Flüchtlingslager mit über 20.000 Menschen um die Kathedrale herum, von dem ich schon im vergangenen Jahr schrieb, existiert weiter.

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Zum Gloria tanzen wir am Ostermorgen um den Altar

Darauf folgten der Gründonnerstag, der Karfreitag, die Osternachtfeier am Samstagabend und die Ostermesse am Sonntagmorgen in Mobaye. P. Prince und ich haben beschlossen, die großen Festtage gemeinsam zu feiern, das heißt niemand fährt in eine Außenstation, sondern wir bleiben erst einmal alle in daheim, bevor wir nächste Woche beginnen, österliche Gottesdienste in unseren Kapellengemeinden zu feiern.

 

 

 

 

 

 

 

Minister und Berater kommen und gehen…

In einem vorherigen Eintrag hatte ich das Friedensabkommen von Khartum erwähnt (Februar 2019), das bis heute die Richtlinie für die zentralafrikanische Politik darstellt. Darin haben sich die Regierung und die zahlreichen untereinander verbündeten oder verfeindeten Rebellengruppen auf einen Waffenstillstand und eine Lösung der nunmehr 6 Jahre andauernden Krise geeinigt.

Einige bewaffnete Gruppen legen ihre Gewehre und Macheten tatsächlich ab – oder verstecken sie in ihrem Haus. Man weiß ja nie, was kommen mag.

Vereinzelte Gewaltakte dauern jedoch an. Auch in Mobaye.

Als Folge des „Friedensvertrages“ hat es mittlerweile schon zwei „Regierungsanpassungen“ gegeben, denn das Abkommen sieht eine stärkere Beteiligung der Rebellengruppen in der Regierungsverantwortung vor. Einige Minister wurden ausgewechselt, neue Ministerien und Beraterposten geschaffen.

Als „Militärberater“ für die Sicherheit der Region „Nord“ und „Ost“, also auch für unsere Basse-Kotto, wurde der Anführer der Selekafraktion UPC (zu deutsch: „Union für den Frieden in der Zentralafrikanischen Republik“) ernannt, Ali Darassa. Die UPC umfasst jenen Teil der Rebellen, die auch bei uns in Mobaye herrschen.

Eine unabhängige zentralafrikanische Internet-Nachrichtenseite liefert mehr Informationen. Auch wer französisch nicht versteht, versteht, in welcher Situation sich unser Land zurzeit befindet:

http://centrafrique-presse.over-blog.com/2019/03/centrafrique-des-chefs-rebelles-nommes-conseillers-militaires.html

 

PS: Wenn alles gut geht, machen wir uns morgen wieder auf den Rückweg nach Mobaye.

 

 

Erweiterter Ordensrat in Bangui

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Die Teilnehmer mit Kardinal Dieudonné Nzapalainga, dem Erzbischof von Bangui. Auch Spiritaner.

Von Dienstag bis Samstag fand in unserem Provinzhaus St Charles in Bangui unser Erweiterter Ordensrat statt. Alle drei Jahre treffen sich die Mitglieder des Spiritanerordens, die in der Zentralafrikanischen Republik arbeiten (Einheimische sowie Mitbrüder aus anderen Provinzen – so wie ich) und zentralafrikanische Spiritaner, die in anderen Ländern tätig sind oder im Ausland studieren.

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Während einer kurzen Pause

Es geht darum zu schauen, ob und inwieweit die Beschlüsse des Ordenskapitels von 2016 in die Tat umgesetzt wurden, ob wir Dinge neu durchdenken müssen, ob sich uns neue Aufgaben stellen. Es geht um die Ausbildung von jungen Männern, die Spiritanermissionar werden wollen und es geht – leider Gottes viel zu viel – um’s „liebe Geld“.

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links: P.William bei seinem Besuch in Gbadolite während unserer Zeit im Kongo

Außerdem neigt sich die erste Amtszeit unseres Provinzials P. William Anfang Oktober dem Ende zu – und so standen schon jetzt Neuwahlen auf dem Programm. P. William ist euch sicher von dem ein- oder anderen Blogeintrag ein Begriff. Er hat in kurzer Zeit viele Dinge unseres Ordens in Zentralafrika neu strukturiert und konsolidiert, neue Projekte ins Leben gerufen und nicht zuletzt unsere kleine Kommunität in Mobaye tatkräftig unterstützt.

Vorgestern votierte eine knappe Mehrheit der Versammlung für P. Blaise, der zurzeit noch in Rom studiert und ab Herbst die Leitung unserer Provinz übernehmen wird.

Wien auf Platz 1, Bangui auf Platz 230 (von 231)

Beim Lesen der Nachrichten der letzten Tage im Internet bin ich auf die neue Ranking-Liste des Beratungsunternehmen „Mercer“ gestoßen, das die Lebensqualität in den großen Städten dieser Welt beurteilt. Seit 10 Jahren verteidigt Wien seinen ersten Platz. Unsere Hauptstadt Bangui landet auf Platz 230. Nur in einer Stadt sei die Lebensqualität geringer: in Bagdad (Platz 231 und gleichzeitig Schlusslicht). Selbst in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen (Platz 229), lebe es sich „besser“… (siehe: https://www.dw.com/de/ranking-wien-bleibt-stadt-mit-der-weltweit-h%C3%B6chsten-lebensqualit%C3%A4t/a-43045890).

IMG_20161009_174017 2Ich komme ins Grübeln… Im Vergleich zu unserem Mobaye und den Dörfern der Basse-Kotto ist das hier ein „Paradies“. Es gibt Strom, Geschäfte, unzählige Straßenbars, Internet, Telefon rund um die Uhr.

Aber natürlich nur für den, der die Mittel hat.

Krankenhäuser sind in einem desolaten Zustand, die staatlichen Schulen reichen nicht aus und sind zerfressen von Korruption, sauberes Trinkwasser aus den Brunnen im Viertel muss man kaufen. Und dann die Frage der Sicherheit. Die Regierung steht auf wackligen Beinen, manche Stadtviertel sind ein Pulverfass.

All das ist Bangui. Und mittendrin: die vibrierenden Kirchen, die geschichtsträchtige katholische, aber auch die vielen (lauten) evangelischen und evangelikalen.

„Lebensqualität“ ist eben nicht objektiv erfassbar.

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von links nach rechts: Annette (AGEH-Fachkraft), Abiba (Ökonomin der Diözese von Alindao), Eric (einer der beiden neugeweihten Diakone der Diözese von Alindao) und P. Prince (den kennt Ihr ja schon aus Mobaye)

Und als Nachtrag die Worte eines afrikanischen Kommentators ( siehe https://mondafrique.com/avant-bagdad-bangui-est-la-ville-offrant-la-moins-bonne-qualite-de-vie/). Sarkastisch, aber ebenso realistisch :

„Wenn schon Bangui so schlecht bewertet wird, dann lässt sich die dramatische Situation der Bevölkerung außerhalb der Hauptstadt nur erahnen. Dagegen könnte diese neue Mercer-Untersuchung für das auswärtige Personal, die Experten, die Blauhelme und die Diplomaten vor Ort eine willkommene Gelegenheit sein, eine erneute Erhöhung ihrer Zulagen zu fordern.“