Fabien

Wenn man den Begriff „tropische Erkrankungen“ hört, dann denkt man zuerst an die Malaria oder andere von sonstigen Parasiten, Viren, Bakterien oder Würmern hervorgerufene Krankheiten. Völlig zu Recht. Infektionen jeglicher Art machen gefühlte 80% der Gründe aus, weshalb jemand in der Zentralafrikanischen Republik einen Gesundheitsposten aufsucht.

Aber auch andere Krankheitsbilder, die in Deutschland vorherrschend sind, gibt es hier: Chronische Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Allergien. Und auch: Krebs.

Da ist ein Tumor, der unter Kindern in Afrika besonders häufig auftritt: das Burkitt-Lymphom. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Non-Hodgkin-Lyphom, das heißt eine Wucherung des Lymphsystems, die bei den kleinen afrikanischen Patienten am häufigsten im Bereich des Kiefers auftritt.

CIMG1673 2

Der elfjährige Fabien aus einem Dorf ungefähr dreißig Kilometer von Mobaye entfernt leidet unter diesem Tumor seines Immunsystems. Rebellion und Bürgerkrieg hatten im vergangenen Jahr auch seine Familie zur Flucht in den Kongo gezwungen. Im Krankenhaus von Gbadolite – wir hatten ihn dort aber nicht getroffen – wurde die Erkrankung richtig diagnostiziert, und der UNHCR (das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, über das ich in einem früheren Eintrag schon einmal kritisch berichtet habe) versprach, den Jungen zur Behandlung in die Hauptstadt Kinshasa zu bringen.

Doch wie so häufig ist es bei leeren Worten geblieben.

Vor ein paar Monaten ist Fabien mit seiner Familie wieder in sein Dorf zurückgekehrt. Der Vater hat ihn von dort aus ins Krankenhaus von Mobaye gebracht, wo unser hiesige Arzt ihm nur sagen konnte, dass, wenn Fabien am Leben bleiben soll, er sofort nach Bangui gebracht werden müsse.

CIMG1658 3

Da traf es sich gut, dass wir im Einbaumboot zur Priesterweihe von Prince fahren wollten, denn so konnten wir Vater und Sohn mit auf die Reise nehmen. Mama Marie-Antoinette, die Leiterin unseres kleinen Krankenhauses in Zangba war auch mit dabei, und so hat sie den Jungen in das große „Hôpital Général“ der Hauptstadt begleitet.

Die Kinderstation ist in einem relativ guten Zustand. Dank… Papst Franziskus! Als dieser im November 2015 die Zentralafrikanische Republik besuchte, legte er den Grundstein für die Zusammenarbeit zwischen dem vatikanischen Kinderkrankenhaus in Rom und der hiesigen Einrichtung. Diese Kooperation, verstärkt durch eine weitere Nichtregierungsorganisation, die im medizinischen Bereich tätig ist, erlaubt eine weitgehend kostenfreie Behandlung in der pädiatrischen Abteilung.

Endlich. Seit nunmehr drei Tagen erhält Fabien seine Chemotherapie. Gestern Nachmittag habe ich noch kurz mit ihm telefoniert. Es geht ihm soweit gut, sein Vater sagt, er verträgt die Medikamente (noch) ohne Probleme.

Niemals könnte die Familie von Fabien ein solches Unternehmen „Tumorbehandlung in der Hauptstadt“ bezahlen. Aber mit Eurer Hilfe (und der von Papst Franziskus) hat der Junge vielleicht noch eine Chance, denn Eure Spendengelder fließen auch hierhin. Selbst wenn der stationäre Aufenthalt und die Medikamente kostenfrei sind, so müssen doch externe Laboruntersuchungen, Lebensmittel, das kleine Handy und die vielen kleinen Dinge des Alltags gekauft und bezahlt werden. Auch das geschieht mit den Euros, die Ihr nach Knechtsteden überweist. Ich weiß: Auf diesem Blog schreibe ich viel zu selten davon. Aber an vielen kleinen Orten, bei vielen kleinen Gelegenheiten erlaubt Eure Hilfe, Hoffnung zu stiften. Ganz unbürokratisch und zumeist ganz unauffällig.

Wie gesagt, vielleicht hat Fabien ja noch eine Chance. Laut meinem dicken Wälzer „Tropenmedizin in Klinik und Praxis“ liegt seine 10-Jahre-Überlebensrate bei 50-90%, je nach Metastasenbefund, den ich aber nicht kenne. Ihr könnt ja mal eine Kerze für ihn anzünden.

 

 

 

 

Eine Primiz in Mobaye

Mittlerweile ist P. Prince wieder nach Mobaye zurückgekommen. Als neugeweihter Priester heißt das dann: Eine Reihe von Primizen feiern. Eigentlich bezeichnet man mit „Primiz“ die erste Eucharistiefeier, der ein Priester nach seiner Weihe vorsteht. Logischerweise kann das ja nur eine sein; aber in der katholischen Welt kann man die auch vervielfachen.

So hat Prince am vergangenen Sonntag seine „Primiz“ in Mobaye gefeiert. Die Eucharistiefeier war ein großes Ereignis für unsere kleine Stadt, denn noch stehen sich verfeindete Rebellengruppen in der Basse-Kotto gegenüber. Nur bei uns in Mobaye leben sie nebeneinander, ohne Krieg zu führen. Und so wurde die Primiz von Prince auch ein politisches Ereignis, das heißt, eine Gelegenheit, den Zusammenhalt der Bevölkerung zu demonstrieren und „Nein“ zu dieser verfluchten Rebellion zu sagen. Deshalb waren alle eingeladen: die politischen Vertreter der Stadt, die Pastoren der verschiedenen evangelischen Kirchen, der Imam mit Repräsentanten der muslimischen Gemeinde, die Angehörigen der drei Nichtregierungsorganisationen, die in Mobaye arbeiten, der Kommandant der Blauhelmsoldaten und die Generäle der Seleka- und der Anti-Balaka-Rebellen. Letztere machen mir immer Bauchschmerzen. Die, die das Land kaputt machen, bekommen beim Mittagessen nach der Messe auch noch einen „Ehrenplatz“. Aber wir müssen „gute Miene zum bösen Spiel machen“, damit die Gewalt nicht eskaliert, damit wir weiter Kontakt zu beiden bewaffneten Gruppen halten können.

(Zur Erklärung wieder die Maus über die Fotos ziehen:)

Gottesdienste sind dann immer Gelegenheiten, den Alltag für einen Moment beiseite zu legen und das Leben zu feiern. Und das können die Leute hier…

In diesen Tagen besucht P. Prince noch mehrere Außenstationen, bevor er in der kommenden Woche wieder nach Bangui fliegt. Da darf er dann weiter „Primizen“ feiern…

 

 

 

Eine Priesterweihe in Bangui, Teil 2

Zusammen mit zwei Diakonen von der Ordensgemeinschaft der „Gesellschaft der Afrikamissionen“ (sma) ist P. Prince vor drei Wochen in der Kathedrale von Bangui zum Priester geweiht worden. Hauptzeleberant war Bischof Richard Appora aus Bambari.

An den dreistündigen Gottesdienst schlossen sich mehrere (!) Empfänge und Feiern an. Die im Familienkreis wurde von einer traditionellen Musikgruppe mitgestaltet.

P1200525 2

Am nächsten Morgen, am Sonntag, dem 17. Juni hat er seine Primiz gefeiert, und zwar in unserem Provinzhaus St Charles. Das ist zwar keine Pfarrei, aber im Laufe der Jahre hat sich eine große Gemeinde um unsere kleine Spiritanerkommunität gebildet, die fast so etwas ist wie eine „Pfarrgemeinde“ geworden ist. Jeden Sonntag findet dort ein Gottesdienst unter freiem Himmel statt – so auch die erste Messe von Prince.

Zeitgleich mit seiner Weihe und Primiz fand auch der Besuch von zwei unserer Generalräte aus Rom statt. Wie jeder Orden sind auch wir Spiritaner etwas hierarchisch strukturiert. Die oberste Ordensleitung befindet sich in Rom, an ihrer Spitze steht der Generalobere, neben ihm ein erster und ein zweiter Assistent sowie einige Generalräte.

IMG_0057 2
Gruppenfoto mit den beiden Generalräten P. Bede (ganz rechts) und P. Alain (rechts neben mir)

Der erste Assistent, Pater Bede aus Nigeria, und ein Generalratsmitglied, Pater Alain aus dem Kongo sind auf Visitation gekommen. Vorgesehen war auch ein Besuch in Mobaye, aber aufgrund der ungewissen Lage war das nicht möglich. Deshalb haben wir uns in Bangui getroffen und viel über unsere Situation gesprochen. Vor allem auch über die Zukunft der Spiritanerpräsenz in Mobaye. Wir sind eben nur sehr wenig Mitbrüder, aber unsere Mission hier in der Basse-Kotto möchten wir auf jeden Fall weiterführen, gerade aufgrund der Lage von Krieg und Rebellion. Deshalb gab’s lange Verhandlungen: So wie ich damals meine Missionsbestimmung für die Zentralafrikanische Republik erhalten habe, so hat auch Prince die seine schon vor etlichen Monaten für ein „fernes Land“ erhalten, nämlich für Guinea Bissau.

Aber wer kommt dann nach Mobaye? Wir haben im Moment keinen weiteren verfügbaren Mitbruder. – Deshalb haben wir offiziell beim Generalrat angefragt, ob er nicht noch ein, zwei Jahre bleiben kann, bevor er „in die Ferne“ aufbricht. Und die Ordensleitung war einverstanden. Und ich bin heilfroh, dass nun unsere Zukunft in Mobaye erst einmal gesichert ist.

IMG_7367
In der Mitte: Sr Yvette, mit der ich in den drei Jahren als Coopérant in Alindao die Mobile Klinik betrieben habe.

 

Eine Priesterweihe in Bangui, Teil 1

Am Samstag, dem 16. Juni war es soweit: Da sollte Prince, unser Diakon, in der Kathedrale von Bangui zum Priester geweiht werden.

Viele unserer Gemeindemitglieder hatten Lust, dabei zu sein, aber wie in die Hauptstadt kommen? – Der Landweg ist weiterhin von unberechenbaren Rebellen versperrt, da bleibt nur noch der Fluss. Wie auch schon vor vier Monaten. Also habe ich mich mit einer Delegation von ungefähr dreißig Leuten  auf den Weg gemacht, zwei Pirogen an aneinander gebunden und los ging’s. Nach drei Tagen auf dem Ubangi sind wir schließlich wohlbehalten an unserem Ziel angekommen, die Rückfahrt stromaufwärts dauerte dagegen fünf Tage.

Alles hätte eine schöne „Flußkreuzfahrt“ werden können, wäre da nicht der Regen gewesen und, vor allem, die Anti-Balakas mit ihren Flußbarrieren. Neun Mal mussten wir anhalten und mit den Rebellen „verhandeln“. Das ist dann immer meine Aufgabe. Manche sind nett, machen keine Probleme, wollen nur ein paar Zigaretten. Andere dagegen stehen unter Drogen, bedrohen uns und schüchtern ein. Da heißt es dann ruhig bleiben und sich nicht provozieren lassen. Gelernt habe ich so etwas auch nicht. Aber man gewöhnt sich daran…

Ein paar Eindrücke von der Reise (einfach die Maus über die Fotos ziehen, und schon erscheinen die Bildunterschriften):

 

 

 

Trotz allem: Die Kirche lebt weiter

Spannungen nehmen zu, und wieder ab. Am Morgen meint man, die Lage habe sich etwas stabilisiert, am Nachmittag erreicht uns dann die Nachricht, dass in einem Nachbarort wieder ein Seleka-Rebell einen Anti-Balaka-Kämpfer niedergestochen habe. Zum Glück habe der Mann den Angriff überlebt.

So geschehen am vergangenen Wochenende.

Am Samstag habe ich mich mit einem unserer Pfadfinder aufgemacht, das Dorf Kossinga zu besuchen, das in 15 Kilometer Entfernung von Mobaye liegt. Ganz in der Nähe des Dorfes waren die zwei Männer, von denen ich in meinem letzten Eintrag schrieb, von desertierten Rebellen schwer verletzt worden.

Wir gehen zu Fuß. Das erlaubt viele Begegnungen am Wegesrand.

CIMG1236 2

CIMG1250 2

 

 

Am Abend Treffen mit den Eltern und Paten der Kinder, die ich am nächsten Morgen taufen darf.

 

CIMG1270 2

 

Vor der Messe, die wir für acht Uhr geplant haben, gibt es Gelegenheit zur Beichte. Der Gottesdienst beginnt schließlich um viertel nach neun.

 

Drei Stunden Gottesdienst mit Taufe von zwanzig Kindern. Für drei Stunden „abschalten“ von Gerüchten, Misstrauen, Anspannung.

Doch beim anschließenden Mittagessen erreicht uns eben diese Nachricht, dass in einem großen Dorf in sieben Kilometer Entfernung am Vormittag eine Messerattacke stattgefunden habe. Sofort bewaffnen sich alle Anti-Balaka-Kämpfer in den Dörfern wieder und patrouillieren auf der Straße. Ich habe die Gewehre nicht gezählt, die ich auf dem Rückweg gesehen habe.

Bis jetzt ist es ruhig geblieben. Gott sei Dank.

Die Spannungen nehmen zu

In den letzten Tagen ist es immer wieder zu kleinen oder größeren Zwischenfällen in den Dörfern um Mobaye herum gekommen. Zwei desertierte Seleka-Rebellen haben auf Zivilisten geschossen und drei von ihnen schwer verwundet. Die Opfer sind mittlerweile im hiesigen Krankenhaus und warten auf eine Evakuierung nach Bangui. Der Präfekt tut, was er kann, selbst der Gesundheitsminister in Bangui ist eingeschaltet. Aber wieder einmal versagt die Blauhelmtruppe, die sich weigert, die Verletzten in ihren Hubschraubern mitzunehmen. (Die Hubschrauber landen zweimal wöchentlich in Mobaye, um die mauretanischen Soldaten mit Lebensmittel zu versorgen und fliegen dann leer wieder zurück.)

Gestern hat der Präfekt wieder eine Erweiterte Sicherheitsversammlung einberufen; dazu werden alle Dorfchefs der Umgebung eingeladen. Da unser Pfarrsaal der größte Raum in der Stadt ist, dient dieser jetzt häufiger politischen Krisensitzungen als kirchlichen Gruppenstunden.

Bild links: am Tisch der Präfekt, in der Mitte zwei Seleka-Rebellen, unter dem Kreuz der „General“ der „Anti-Balaka“-Milizen

Geheimnisvolle Zeichen vom Himmel in Mobaye

Es war am Freitagnachmittag, als nach dem Rosenkranzgebet unserer Legio Mariae drei Frauen zu mir kamen, um mir die neuesten Neuigkeiten aus der Stadt mitzuteilen.

Gott sende eine Botschaft an die Bevölkerung von Mobaye.

An einem Baum hinter der Präfektur löse sich nach und nach die Rinde ab. Darunter kämen dann immer wieder neue Schriftzeichen zum Vorschein. Arabische Buchstaben seien das. Nur die Muslime könnten sie lesen. Aber sie würden nicht sagen, was da steht. Die ganze Stadt habe sich schon auf den Weg gemacht, das „Wunder“ zu sehen…

„Nein, ich gehe da jetzt nicht hin“, habe ich mir gesagt. Erst einmal abwarten.

Am Samstagnachmittag wollte ich’s dann selber sehen. Und Fotos machen:

Na prima, da hatte ich meinen Predigtstoff für den Sonntag.

Zumal die Interpretationen wie Pilze aus dem Boden schossen. Erklärungen, die zu gefährlichen Manipulationen werden: Das sei eine Botschaft an die Muslime, dass Mobaye nicht ihre Stadt sei, und dass sie zu verschwinden hätten. Gott habe dies jemandem in einer protestantischen Kirche in einer Vision „geoffenbart“. Die Muslime sagten, das seien keine arabischen Schriftzeichen. Dann machten Behauptungen die Runde, das seien hebräische Buchstaben. Ein anderer meinte, das sei griechisch. Auch eine Menge unserer Leute schwankte zwischen Zweifel und Angst.

Ich habe in meiner Predigt heute Morgen die „geheimnisvollen“ Maserungen des Baumes an eine große Tafel gemalt, daneben den Beginn des griechischen, hebräischen und arabischen Alphabets. Um zu zeigen, dass die vermeintlichen „Zeichen vom Himmel“ einfach nur eine Laune der Natur und keine göttliche Unheilsbotschaft sind. Und dass wir das Ganze mit Humor nehmen können. Jetzt bin ich trotz allem gespannt, wie viel Restzweifel bleibt: „Und wenn Gott uns doch etwas sagen wollte…?“

Ja gut, aber dann dies: „Macht endlich Frieden in der Zentralafrikanischen Republik!“