Und immer noch kein Friede in Sicht…

Da sind die Momente der Hoffnung, der Freude, der Aufbruchsstimmung: zum Beispiel die feierlichen Gottesdienste zu den Hochfesten, wie im letzten Blogbeitrag geteilt. Oder aber auch unsere Schule „Maanicus“, die mittlerweile über 650 Schüler hat. Jeden Morgen Kindertoben vor der Tür zu haben und die Glocke zu hören, die zum Unterrichtsbeginn und zum Stundenende rappelt, das  vermittelt irgendwie ein Gefühl von Normalität. Ja, hier in Mobaye entspannt mich der Krach von 650 Kindern. Ehrlich. Denn das heißt, dass die militaro-politische Lage zumindest oberflächlich entspannt ist. Doch von unserer Schule will ich noch ausführlicher in einem späteren Eintrag schreiben.

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Mit dem kleinen Joseph, einem der Täuflinge. Seine doppelseitige Lippenspalte erinnert mich an meine Zeit in Alindao… Vielleicht kommt der Friede ja auch irgendwann wieder zu uns, und die Wege öffnen sich, und der Kleine kann operiert werden…

Die Erfahrung vom vergangenen Wochenende zeigt aber leider auch, dass sich die Situation schlagartig ändern kann. Am Samstagmorgen machte ich mich zusammen mit unserem neuen Praktikanten Régis und einem unserer Pfadfinder in die 18 Kilometer entfernte Außenstation Zima 2 auf. Ich wollte nachmittags die Gemeinde treffen und die Tauffeier vorbereiten. Der kleine Fußmarsch tat gut, viele Menschen sind uns am Wegrand begegnet. Am nächsten Tag wollten wir dann „tüchtig“ Gottesdienst feiern. Danach wollte mich eines unserer Chormitglieder mit einem Motorrad weiter in’s 40 Kilometer entfernte Zangba fahren. Doch dazu sollte es nicht kommen…

Während die ganze Gemeinde schon zur Messe versammelt war und ich noch die letzten Beichten hörte, kam Régis auf mich zu und meinte, wie müssten jetzt entscheiden, was zu tun sei. Aus dem Nachbarort Agamounou, durch den wir noch am Vortag gegangen waren, waren zahlreiche Schüsse zu hören. Die ersten Leute verließen die Kirche, unsicher, wohin sie gehen (oder laufen) sollten. Zahlreiche bewaffnete Anti-Balaka-Rebellen eilten an unserer Kapelle vorbei in Richtung des Dorfes, aus dem die Schüsse kamen. Irgendwie ein Konflikt zwischen zwei Balaka-Gruppen, hieß es.

Was tun? Messe absagen? Sich verstecken? Weglaufen? Nach kurzer Beratschlagung mit meinen Katecheten haben wir beschlossen, dass wir trotzdem Gottesdienst feiern. Oder gerade deswegen. Zumal allmählich das Schießen aufhörte und ein General der Milizen sich ebenfalls auf den Weg in nach Agamounou gemacht hatte. Na, dann soll er das mal regeln…

Nach zwei Stunden, ich war in etwa bei der Gabenbereitung angelangt, sah man dann Balaka-Rebellen zurückkehren – mit ihrer Beute: Töpfe, Eimer, Ziegen, ein Schwein, Säcke von Maniok, Erdnüssen, Kaffee. Alles geraubt von den Familien oder einfach Nachbarn der unterlegenen Gruppe.

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Gruppenbild mit den getauften Kindern und ihren Müttern nach der Messe. Trotz der Anspannung.

Als wir aus der Kirche kamen, war die angespannte Lage weiter deutlich zu spüren. Die „siegreiche“ Balaka-Gruppe mit ihrem General hatte damit gedroht, da die meisten gegnerischen Waffenbrüder geflohen waren, am späten Nachmittag wiederzukommen und das Dorf nochmals anzugreifen.

Patrick, der mich mit dem Motorrad weiter nach Zangba fahren sollte, kam tatsächlich an unserer Kapelle an. Er berichtete, dass er ohne Probleme den Weg aus Mobaye in unser Dorf zurückgelegt habe. Jedoch seien in Agamounou, aus dem wir die Schüsse gehört hatten, jetzt einige Häuser niedergebrannt.

In dieser unklaren Situation riet mir ein Jeder, nicht weiter nach Zangba zu fahren. Vor uns lagen einige Anti-Balaka-Straßensperren, die mich sicher nicht einfach so durchgelassen hätten. Womöglich hätten sie gleich das Motorrad konfisziert.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als wieder nach Mobaye zurückzukehren.

Auf dem Rückweg haben wir kurz in Agamounou angehalten und die sechs abgebrannten Häuser gesehen. Die Anti-Balakas hatten die Türen eingetreten, alles, was sich zu Geld machen lässt, Hausrat und Tiere, geraubt und dann Feuer gelegt. Gott sei Dank ist aber niemand verletzt oder gar umgebracht worden.

Eines der Opfer ist der Dorfchef selber. 2017 waren es die Seleka-Rebellen, die das Dorf angegriffen, geplündert und verwüstet haben. Unter vielen Entbehrungen hatte die Dorfbevölkerung es im vergangenen Jahr wieder aufgebaut. Anfang 2019 sind es die Anti-Balaka-Milizen, die dasselbe Verbrechen begehen…. Die Zivilbevölkerung bleibt den Launen und der Gier der Rebellen hilflos ausgeliefert. Eine staatliche Gewalt existiert bei uns in der Basse-Kotto nicht.

Heute hören wir jedoch, dass die zerstörten Häuser alles Unterkünfte der rebellischen Anti-Balaka-Dorfgruppe waren. Wer ist in diesem Land Opfer, wer Täter? Manchmal lässt sich das gar nicht mehr trennen, so komplex und verfahren ist die Lage, bis in die kleinsten Dörfern hinein.

Ereignisse dieser Art geschehen täglich in der Zentralafrikanischen Republik. Ungehört vom Rest der Welt.

 

 

Ein gutes und friedvolles Neues Jahr 2019

Dass ein altes Jahr zu Ende geht und ein neues beginnt, spielt kirchlich gesehen keine große Rolle. Das neue liturgische Jahr beginnt eben nicht mit dem 1. Januar, sondern mit dem Ersten Advent. Und doch ist der erste Tag des Jahres auch kirchliches Hochfest, nämlich „Maria, die Mutter Gottes“ und auch „Maria, Königin des Friedens“. Deshalb haben wir den Gottesdienst am ersten Morgen des Jahres 2019 auch an unserer neu gestalteten Grotte gefeiert.

Ein weiterer Höhepunkt des Kirchenjahres ist ein paar Tage später dann das Hochfest der Heiligen Drei Könige. Wir kennen hier in Zentralafrika zwar nicht die Tradition, dass Kinder als Könige verkleidet von Haus zu Haus gehen und Gottes Segen zum Neuen Jahr bringen. Wohl aber ist es bei uns auch ein Fest der Kinder. Und so gab es nach dem Gottesdienst auch ein gemeinsames Mittagessen für alle Messdiener und Tänzerinnen.

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Ich stelle mir vor, dass im jetzt kalten, regnerischen und dunklen Deutschland Sternsinger unterwegs sind. Danke für Eure Unterstützung. Denn das Kindermissionswerk hilft auch uns hier in Mobaye.

 

 

 

Weihnacht 2018

Wieder zurück in Mobaye. Endlich. Die Zeit in Deutschland, Frankreich und danach auf Zanzibar war sehr schön, aber als der kleine UN-Flieger am Dienstag wieder auf der Piste von Mobaye landete und ich in unserer Stadt ankam, da habe ich mir gedacht, ja, das ist hier jetzt wirklich mein „Zuhause“.

Innerhalb der ersten Stunde, bevor ich überhaupt meinen Koffer auspacken konnte, holte mich die Realität rasend schnelle wieder ein: Rebellen am Straßenrand, Verhandlungen mit Nicht-Regierungsorganisationen, Gemeindemitglieder mit ihren Sorgen und Nöten. Aber vor allem war ich froh, P. Prince wiederzutreffen und die neuen Ordensschwestern aus dem Kongo, die das Schwesternhaus, das jahrelang leer stand,  neu bezogen haben.

Es ist hier immer dasselbe Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffnung auf bessere Zeiten und Rückschläge, die traurig machen.

Doch dann macht uns das Wort des Propheten Jesaja Mut, das wir am 1. Weihnachtstag hören: „Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König“ (Jes 52,7).

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Und so wünschen wir Euch allen ein gesegnetes und friedvolles Weihnachtsfest!

 

Die kleine Spiritanergemeinschaft in Mobaye

 

Lieben Dank an Frau Jordan aus Waren – Maria, Josef und der kleine Jesus sind aus Mecklenburg tatsächlich im Herzen Afrikas angekommen!

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Bangui: Spannungen zwischen Regierung und Katholischer Kirche

Die politisch-militärische Lage in der Zentralafrikanischen Republik ist höchst komplex. Verschiedenste lokale, nationale und internationale Mächte konkurrieren und streiten sich um bares Geld, Rohstoffe und geopolitischen Einfluss. Wie bei einem Stück der „Augsburger Puppenkiste“ sieht man nur die tanzenden Figuren, nicht aber die Hände, die die Fäden ziehen. Das Bühnenstück könnte den Titel tragen „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer. Wie aus Lummerland ein Trauerland wird“.

Es scheint, niemand kann und – vor allem – will diese Dynamik stoppen, die so viel Gewalt und Leid produziert. Die Kriegsgewinnler sind zu mächtig: Korrupte Politiker, die gemeinsame Sache mit Rebellen machen; Diamanten-und Goldhändler, die auf die zentralafrikanische Ware im Südsudan, im Tschad oder im Kongo warten; MINUSCA-Truppen, die ihre eigenen Interessen verfolgen; bewaffnete junge Männer, die sich erst dann als „echte Männer“ fühlen, wenn sie mit einer Waffe die Zivilbevölkerung bedrohen. Die Zentralafrikanische Republik ist aus den Fugen geraten, seit Jahren schon,  und löst sich auf.

Bislang war die Katholische Kirche in all dem ein loyaler Partner der zentralafrikanischen Regierung gewesen, der einzigen legitimen Macht im Land. Auch wenn ihr „Machtbereich“ allein auf die Hauptstadt Bangui und die benachbarte Präfektur der Lobaye begrenzt blieb.

Nachdem es allerdings am 15. November zu Gewaltexzessen in Alindao gekommen war, kritisierten Vertreter unserer Katholischen Kirche zum ersten Mal öffentlich die Passivität der Regierung und die Komplizenschaft der Blauhelmsoldaten mit den Seleka-Rebellen. Um ein Zeichen zu setzen, veröffentlichte die Bischofskonferenz einige Tage später folgende Erklärung:

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Diese Verlautbarung erschien kurz vor dem 1. Dezember, dem Nationalfeiertag der Zentralafrikanischen Republik. Als besonders heikel sollte sich in den folgenden Tagen der zweite Punkt herausstellen, nämlich der Aufruf der Bischöfe, allen offiziellen staatlichen Festlichkeiten in der Hauptstadt und auf dem Land fernzubleiben. Stattdessen sollten alle Katholiken und alle Menschen guten Willens zu Hause bleiben und in Trauer der Opfer der Gewalt gedenken.

Es geht dabei nicht um einen politischen Boykott. Es geht um die Würde der Ermordeten.

Die Regierung reagierte in Person des Premierministers verärgert, ja sogar wütend mit einer Gegenerklärung, in der sie erklärte, dass es Staatspflicht eines jeden Zentralafrikaners sei, an den Feierlichkeiten aktiv teilzunehmen.

In jenen Tagen war ich auf Sansibar, aber tatsächlich ist ein Großteil der Bevölkerung dem Traueraufruf der Bischöfe gefolgt. Die evangelischen Kirchen haben sich dagegen auf Seiten der Regierung gestellt und mitgefeiert.

Auch in Mobaye hat P. Prince diesen Konflikt genauso durchgestanden wie die Menschen in der Hauptstadt. Es fanden ein Marschumzug und Ansprachen statt, Gottesdienste in der evangelischen Kirche und in der Moschee. Aber nicht bei uns, in der katholischen Kirche.

CIMG0074 2Die Spannungen schwelen weiter. Selbst unter den Ministern der Regierung ist einer den Feierlichkeiten ferngeblieben: der katholische Außenminister Charles Armel Doubane. Das hat ihn gestern seinen Posten gekostet. Der Präsident hat ihn aus dem Kabinett entlassen.

Wenn ich mich hier in der Hauptstadt umhöre, stehen fast alle Katholiken hinter der Entscheidung der Bischöfe, deren prominentester Vertreter natürlich der Erzbischof von Bangui und unser Spiritanermitbruder Dieudonné Kardinal Nzapalainga ist (Rechts: Ansprache während seines Besuches bei uns in Mobaye im April 2018). Und auch wir, einheimische sowie ausländische Priester, teilen ohne „wenn und aber“ die Position unserer Kirchenleitung. Man kann sich nicht selber feiern, wenn das eigene Volk zugrunde geht.

 

 

 

Sansibar, Teil 2

Unser Spiritanerforum zum Thema „Interreligiöser Dialog“ ist zu Ende gegangen. Es war eine wirklich sehr schöne Woche. Vielleicht können ein paar Fotos mehr vermitteln als Wörter:

Themen diskutieren, Texte erarbeiten, Beschlüsse fassen.

Gottesdienste feiern (war richtig schön, wieder Messen unter anderem auf Kiswahili zu haben)

Land und Leute und das Meer entdecken

Heute Nacht soll es über Nairobi wieder nach Bangui gehen. Und dann am Donnerstag nach Mobaye. Hoffentlich klappt alles. Es geht schon das Gerücht, dass unser Flieger von Sansibar in die kenianische Hauptstadt ausfalle. Warten wir einmal ab…

 

 

Sansibar

Mit dem Flugzeug werden Entfernungen plötzlich ganz kurz – auch in Afrika.

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Düsseldorf – Amsterdam – Nairobi – Bangui.

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Und 24 Stunden später habe ich mich wieder auf den Weg gemacht:

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(c) Tagesschau

Bangui – Nairobi – Sansibar. Nach 15 Jahren bot sich mir zum ersten Mal wieder die Gelegenheit, nach Tansania zu reisen, und zwar auf die im Indischen Ozean gelegene Insel Sansibar. Das Eiland ist bekannt für seine wunderschönen Sandstrände, aber auch für seine faszinierende Swahili-Kultur, einer Mischung aus Bantu- und arabischen Traditionen.

Bis heute setzt sich seine Bevölkerung zu 99% aus Menschen muslimischen Glaubens zusammen. Nur ein verschwindend kleiner Rest gehört einer der Kirchen (katholisch, lutherisch, anglikanisch) an.

Damit bot sich ein bestes Umfeld für unser Spiritanerforum zum Thema „Interreligiöser Dialog“.

Ich darf als einer der Delegierten an diesem internationalen Treffen teilnehmen, und zwar im Namen unserer Spiritanerprovinz Zentralafrikanische Republik. Die anderen Vertreter kommen aus Missionen in Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Algerien, Mauretanien, dem Kongo (Brazzaville), Nigeria, Kenia, Tansania, der Insel Mauritius, Pakistan, Indien, den Philippinen, und den USA. Ein jeder bringt seine Erfahrungen mit: wir hören von gelingendem Zusammenleben von Gläubigen verschiedener Religionen, aber auch von Kontexten von Misstrauen, Unterdrückung und Gewalt.

Im Laufe dieser Woche entsteht Schritt für Schritt ein Papier, das im Jahr 2020 unserem Generalkapitel vorgelegt werden soll. Wir wollen konkrete Vorschläge erarbeiten, wie wir uns als Spiritaner in Zukunft noch intensiver im interreligiösen Miteinander engagieren können.

Nicht umsonst heißt es in unserer Lebensregel:

„16.3. Wir treten ein in den Dialog und arbeiten auf loyale Weise zusammen mit den Verantwortlichen und den Gläubigen anderer Religionen […], und wir vertrauen darauf, dass der Heilige Geist uns, die einen sowie die anderen, immer tiefer in die ganze Wahrheit führen wird.“

 

 

 

In Deutschland und in Frankreich

Der Heimatbesuch neigt sich langsam dem Ende zu. Ich weiß nicht, wie viele Kilometer ich auf Schienen in Deutschland und Frankreich zurückgelegt habe, aber es waren eine ganze Menge. Die Zeit war schön, viele Begegnungen, viel Wiedersehen, viel Erzählen.

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Eine Woche im Kloster der Trappisten von Tamié in den französischen Alpen

Aber mit einem Ohr war ich immer in der Zentralafrikanischen Republik. Die Nachrichten, die uns in den letzten Wochen aus unserer Diözese von Alindao erreichten, waren keine guten. Prince hält weiter in Mobaye aus und versucht, an pastoraler und humanitärer Arbeit zu tun, was möglich ist.

Wenn ich Dienstag wieder zurück nach Bangui fliege, dann werde ich leider noch nicht direkt nach Mobaye weiterreisen können. Ich „muss“ zuvor noch nach Sansibar aufbrechen, zu einem Spiritanertreffen in Vorbereitung auf unser Generalkapitel im Jahr 2020 in Polen. Es geht um das Thema „interreligiöser Dialog“ als Teil unserer heutigen Spiritanermission.