Eine Friedenswallfahrt

Am vorvergangenen Wochenende haben wir es gewagt, unsere Wallfahrt nach Pengue. Pengue, das ist der Ort in ca. 10 Kilometer Entfernung von Mobaye, in dem der Verstorbene Spiritaner Piet de Groot vor 20 Jahren begonnen hatte, eine Wallfahrtsstätte zu errichten. Jedes Jahr – zu Friedenszeiten – fand dort ein großes Treffen auf Diözesanebene statt. Seit dem blutigen Wiederaufflammen der Rebellion im Mai 2017 war das nicht mehr möglich gewesen, und das Dorf sowie die Wallfahrtstätte haben unter dem Wüten der Seleka-Rebellen arg gelitten.

Aber aus eigener Kraft, mit Beteiligung vieler Kapellengemeinden haben wir innerhalb von zwei Monaten den Ort halbwegs wieder hergerichtet und unsere Wallfahrt auf Pfarreiebene gefeiert. Natürlich sind aus Angst etliche Christen ferngeblieben, vor allem die, die in weit entfernten Dörfern am Fluss leben. Aber es wurde trotzdem ein Erfolg. Wir haben unser neues Pastoraljahr eröffnet und es in die Hände von „Mama Marie, wali ti amara kwe“ gelegt – „Maria, Frau aller Völker“, so der Name des Ortes.

Seit Donnerstag bin ich nun wieder in Bangui und warte auf meinen Flieger am Mittwoch, der mich nach zwei Jahren auf einen ersten Heimatbesuch bringen soll. Ich freue mich, habe aber auch ein ungutes Gefühl im Bauch. Am Montagnachmittag sind wieder Schüsse gefallen in Mobaye. Einige Seleka-Rebellen, die mit einem neu geschlossenen „Friedensvertrag“ nicht einverstanden waren, haben den Stützpunkt der „Anti-Balakas“ mitten in der Stadt angegriffen und die Gegenrebellen vertrieben. Wie die nächsten Tage aussehen werden (Rache, neue Verhandlungen?), wir wissen es nicht. Die Menschen in der Basse-Kotto bleiben den Rebellen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Die Blauhelmsoldaten sind in ihrer Kaserne geblieben, als im Ort scharf geschossen wurde. Von ihnen ist keinerlei Schutz für die Bevölkerung zu erhoffen. Die Regierung in Bangui wechselt den Präfekten aus und schickt eine pensionierte Schuldirektorin. Der Präsident treibt sich in Armenien auf dem sogenannten  „Frankophonie-Gipfel“ herum. Touadera fliegt nach Eriwan, um über die Zukunft der französischen Sprache auf der Welt nachzudenken und dem armenischen Volk „Guten Tag“ zu sagen. Währenddessen krepieren seine eigenen Landsleute unter dem Joch von Rebellen, die er aushebeln könnte, es aber nicht tut. Nicht die Mittel fehlen, sondern der politische Wille. Kriegsgewinnler tummeln sich bis in die Spitzenposten der zentralafrikanischen Regierung hinein.

 

 

Wenn Rebellen wüten…

In der vergangenen Woche haben wir uns wieder für vier Tage auf den Weg gemacht, um drei Außenstationen am Ufer des Ubangi zu besuchen: Libanga, Sako und Fiato. Jedes der drei Dörfer hat die Rebellion und den Krieg in unterschiedlicher Weise erlebt. Während viele der Bewohner von Fiato vor Ort geblieben sind (und sich mit den „Anti-Balakas“ verbündet haben), sind alle Bewohner von Sako und Libanga im Mai 2017 in den Kongo geflohen. „Anti-Balaka“-Milizen haben die Einwohner von Sako, die sich mittlerweile auf einer Insel in der Mitte des Flusses niedergelassen hatten, um den Schikanen der kongolesischen Behörden zu entkommen, Anfang August unter Gewaltandrohung gezwungen, in ihr Dorf zurückzukehren. Die Menschen von Libanga befinden sich auch heute noch größtenteils im Kongo, das Dorf ist über weite Strecken von Gräsern und Sträuchern überwuchert.

In allen drei Orten haben wir Gottesdienst gefeiert und Taufen gespendet. Das ist unsere Antwort auf das Wüten der Rebellen.

In Sako durfte ich in einem einzigen Gottesdienst 52 (zweiundfünfzig!) Kinder und Jugendliche taufen, und 23 junge Christen haben die Erstkommunion empfangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Tabaski

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Beim Gebet vor der Moschee von Mobaye

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Am 21. August feierten Muslime in der ganzen Welt « Tabaski » – das islamische « Opferfest ». Sie erinnern an den Propheten Ibrahim, der auf Gottes Weisung hin seinen erstgeborenen Sohn Ismael opfern soll. Doch im letzten Augenblick verhindert der allbarmherzige Gott das Menschenopfer. Stattdessen schlachtet Ibrahim einen Widder. In der Sure 37 des Koran heißt es dazu: Als sie (Ibrahim und Ismael) sich beide (Gottes Willen) ergeben hatten und er ihn mit der Stirn auf den Boden hingelegt hatte, da riefen wir ihn an: ‚Abraham, du hast den Traum erfüllt. […]‘ Dies ist in der Tat eine deutliche Prüfung. Und wir lösten ihn durch ein gewaltiges Schlachtopfer aus.“ (Sure 37,103-107). Juden und Christen kennen eine ähnliche Erzählung aus der Bibel. Im Buch Genesis ist es derselbe Abraham, der jedoch seinen zweitgeborenen Sohn Isaak als Opfer darbringen soll: „Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu und sagte: […] Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide!“ (Gen 22, 11f).

Auch die Muslime von Mobaye feierten das Fest und luden staatliche und religiöse Vertreter der Stadt zum Gottesdienst ein. Die Moschee von Mobaye ist zu klein, um alle Gläubigen zu fassen. Deshalb fand das Gebet vor dem Gotteshaus statt. Wir nicht-muslimischen Gäste nahmen auf Stühlen Platz, hinter dem Imam, mit Blick auf die Gemeinde. Es hätte ein gutes interreligiöses Ereignis werden können – wenn unsere Stadt nicht in der Hand von „halbstarken“ Seleka-Rebellen wäre.

Die jungen Männer, die offensichtlich Langeweile und nicht zu tun hatten, begannen während der Predigt des Imams an verschiedenen Orten mit ihren Kalaschnikows „rumzuballern“: auf dem Markt, in ihrem Stützpunkt, um die Moschee herum. Kinder laufen ziellos davon, die Marktfrauen ramschen ihre Ware zusammen und fliehen. „Keine Aufregung, alles unter Kontrolle“, versichern uns die Rebellen – und die mauritanischen Blauhelmsoldaten. Das seien alles Freudenschüsse aus Anlass des Festes…

Was für eine absurde und gefährliche Idiotie, die sich da vor unseren Augen abspielt: In einem hochangespannten Gebiet mit scharf geladenen automatischen Waffen „aus Spaß“ in die Luft zu schießen… dass es keine Verletzten oder gar Tote gegeben hat ist ein Wunder.

Wir sind einfach sitzen geblieben, der Imam hat weiter Koranverse zitiert. Anschließend gab es Protestnoten von Seiten der Stadt, und die Anti-Balaka-Milizen haben einen Tag lang die zwei Zufahrtswege in die Stadt gesperrt.

Aber ansonsten: alles „normal“ in Mobaye und dem Rest der Zentralafrikanischen Republik.

Das Drama der Mbororos, Teil 2

Was tun? – Essen kaufen und verteilen? Jeden Tag?

„Gutes tun“ ist in diesen Tagen in der Zentralafrikanischen Republik immer hochpolitisch, weil parteiisch.

Irgendwann haben wir in einem unserer Caritas-Treffen die Not der Mbororos zur Sprache gebracht. Mit Geld aus unserer örtlichen Caritas-Kasse haben wir Maniok, Zucker, Salz und Seife gekauft. Den Imam von Mobaye habe ich gebeten, uns eine Liste der Mbororo-Familien zu erstellen, die zu der Zeit gerade in Mobaye lebten und vom Hungertod bedroht waren.

An einem Samstagvormittag haben wir die Familienoberhäupter von ca. 30 Großfamilien in unseren Pfarrsaal eingeladen und das kleine Lebensmittelpaket mit einigen Kleiderspenden, die wir aus Bangui erhalten haben, überreicht.

Was mussten sich unsere Caritas-Mitarbeiter in den Tagen danach nicht alles anhören, in ihrem Stadtviertel, auf dem Markt, auf den Feldern? – „Die Caritas und ihre Priester – heute geben sie den Mbororos Nahrung, und wenn diese wieder zu Kräften gekommen sind, bringen sie uns alle um. Und die Christen bekommen von dem Kuchen nichts ab.“ Niemand hat sich getraut, mir persönlich einen solchen Vorwurf zu machen. Irgendwo spürt dann wohl doch jeder Christ, dass diese Haltung nicht ganz so christlich ist. Aber böse Worte  machten die Runde, und so war ich gezwungen, in einer Sonntagspredigt dieses Problem auf den Tisch zu bringen:

Samaritain
(c) Jésus Mafa

„Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen…“ (Lk 10,29f). Ich glaube, nicht alle haben sich vom Beispiel des „Barmherzigen Samariters“ überzeugen lassen, dass es gerade „der Andere“ ist, der „mein Nächster“ sein soll… Aber natürlich sehe ich auch die Position der Verärgerten: Das Haus niedergebrannt, alles verloren, gelitten auf der Flucht in den Kongo oder in den Busch – und dann bekommen „die Anderen“ Hilfe. Da macht die eigene Not blind und wütend zugleich.

Deshalb helfen wir im Stillen. Jeden Tag kommen Mbororos zu uns, vor allem Kinder. Viele sind unterernährt. Maurice, unser Koch, gibt ihnen zu essen, ganz diskret, hinter’m Haus. Ich weiß, dass das keine Lösung ist…

Wendet man sich an die staatlichen Stellen, erhält man ein Achselzucken, die Nichtregierungsorganisationen schicken Fotos nach Bangui und nichts passiert, die Blauhelmsoldaten verteilen ihre Essensreste unter den Kindern (das ist immer noch besser als Munition und Kalaschnikows unter die Seleka-Rebellen zu bringen, was sie sonst nämlich immer gerne tun).

Und so machen auch wir irgendwie weiter, in diesem Land, das seinen „warlords“ – seinen Kriegsherren weiter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Auch wenn uns die Phantom-Regierung in Bangui versichert, dass alles unter Kontrolle sei. Nichts ist bei uns in der Basse-Kotto unter Kontrolle. Und die Schwächsten der Zivilbevölkerung leiden zuerst.

 

 

Das Drama der Mbororos

Der Krieg im Herzen Afrikas wird angeheizt von ausländischen „Warlords“ – Kriegsherren, die in ihren Herkunftsländer (Tschad, Niger, Sudan) keine leichte Beute machen können und sich deshalb auf das schwächste und instabilste Land der Region stürzen, die Zentralafrikanische Republik. Schwach und instabil ist unser Land vor allem deshalb, weil es zum Spielball geopolitischer Interessen geworden ist, ein Nebenkriegsschauplatz, auf dem sich Franzosen, Chinesen, Amerikaner und seit kurzem auch Russen tummeln. Es geht um Gold, Diamanten, Erdöl und um neuen militaro-politischen Einfluss der Weltmächte. Und lokale korrupte politische Eliten mischen kräftig mit.

Aber wie motiviert man ein Volk zum Krieg, das eigentlich gar keine Lust auf Krieg hat? – Man gießt das Öl von Religion und ethnischer Identität ins Feuer! In diesem Blog hatte ich schon mehrfach davon geschrieben, dass der Name Gottes auf islamischer sowie auf christlicher Seite instrumentalisiert und missbraucht wird. Ähnliches geschieht im Namen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe. Hier am Südrand des Landes leben vor allem drei ethnische Gruppen: die Sangos, ein traditionelles Volk von Fischern, deren Lebensader der Ubangi-Fluss ist, die Ngbugus, eine große Gruppe, die traditionell vom Ackerbau lebt, und die Mbororos oder auch Peuls genannt, ein (halb-)nomadisches Volk von Viehzüchtern, das in verschiedene Untergruppen aufgespalten über ganz West- und Zentralafrika verbreitet lebt. Sie sind es bis zum Ausbruch des Krieges gewesen, die das Land mit Fleisch- und Milchprodukten versorgten.

Zwei Aufnahmen aus dem Jahr 2011, als ich als „Missionar auf Zeit“ in Alindao gearbeitet habe. Bei unseren  Touren im Busch begegneten uns immer wieder die umherziehenden Mbororos mit ihren Rinderherden.

Während Sangos und Ngbugus zum großen Teil Christen sind, in etwa gleichermaßen auf die katholische und die evangelischen Kirchen verteilt, haben die Mbororos schon früh den Islam angenommen, allerdings sind Elemente ihrer traditionellen Religion weiterhin stark in ihrem Alltag verankert.

Neben der religiösen Identität pfropft sich seit Ausbruch der Rebellion auch die ethnische Zugehörigkeit auf den Konflikt auf.

Der Begriff „Seleka“ bezeichnet in der Nationalsprache Sango ein Bündnis, eine Allianz. Die Rebellen hatten sich in 2013 diesen Namen gegeben, weil sie selbst ein Zusammenschluss verschiedener bewaffneter Gruppierungen waren und sind, die zunächst nur das eine Ziel einte, den Sturz des damaligen Präsidenten Bozize. Die Rebellengruppe, die unsere Region der Basse-Kotto in ihre Gewalt gebracht hat, nennt sich UPC – „Union pour la Paix en Centrafrique“ – „Union für den Frieden in der Zentralafrikanischen Republik“. (Alle Namen der verschiedenen Seleka-Fraktionen sind makabrer Zynismus. Es handelt sich ausnahmslos um Mörderbanden.)

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Die UPC setzt sich zu 90% aus Angehörigen der Volksgruppe der Mbororos zusammen. Schon ihr äußerliches Erscheinungsbild verrät ihre ethnische Zugehörigkeit. Und jetzt passiert folgendes: Die Viehhirten im Busch werden mit den Seleka-Rebellen gleichgesetzt. Auf eine Kurzformel gebracht, die religiöse, ethnische und politische Zugehörigkeit zusammenwirft, heißt das dann:

Mbororo = Muslim = Seleka-Rebell = Feind der Sangos und Gbugus = Feind der Christen.

Die Gemengelage von Wahrheit und Verleumdung in dieser Gleichung ist unüberschaubar, die Wirklichkeit hochkomplex. Mbororos haben mit den Rebellen kollaboriert, Selekas haben die Viehherden der Mbororos zu Tausenden geplündert. Beides ist wahr.

Die im Busch lebenden Mbororos wurden rasch zu lebendigen Zielscheiben der „Anti-Balaka“-Milizen. Viele fanden einen gewaltsamen Tod. Männer, Frauen, Kinder, die niemals eine Waffe in die Hand genommen haben, starben.

Geflohen sind sie dann in die Dörfer, die in der Hand der Seleka-Rebellen waren und bis heute sind. Was sollten sie auch anderes tun? Aber da wartete der Hunger auf sie. Und tötete nochmals viele unter ihnen. Innerhalb der ersten Jahreshälfte 2018 sind knapp 300 Mbororos in Langandji, einem großen Dorf etwa 25 Kilometer von Mobaye entfernt, verhungert.

Mbororo-Kinder dieser Tage in Mobaye. Unterernährt.

Die Nichtregierungsorganisation AHA hat sie in großer Zahl irgendwann einmal, als die Straße wieder offen war, nach Mobaye geholt. Ohne allerdings nachhaltig für sie zu sorgen. Hilferufe wurden nach Bangui gesandt, damit PAM, das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, so rasch wie möglich zur Hilfe kommt. Es ist bei den ausgefüllten Formularen geblieben. Auch in unserer Stadt sind Menschen den Hungertod gestorben.

Fortsetzung folgt

Die Magie und der Krieg

Nein, es herrscht noch kein Friede in der Zentralafrikanischen Republik. Noch lange nicht. Und eines der Pulverfässer bleibt die Basse-Kotto, unsere Präfektur, irgendwo vergessen am südlichen Rand des Landes.

Die Rebellion ist wie ein Waldbrand in der Sommerhitze. Ist eine Feuerstelle nach schwerer Arbeit gelöscht, flackern zwei, drei neue Brandherde an anderer Stelle wieder auf. Die schwer bewaffneten Seleka-Rebellen bekommen immer neue Kalaschnikows, geliefert über dunkle Wege aus dem Sudan, dem Tschad oder dem Kongo, direkt von gegenüber.

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Spuren von „Impfungen“ mit „yoro“ am Unterarm eines jungen Mannes. Andere sind mit Narben am ganzen Körper übersät.

Die Gegenbewegung aus dem Volk, die „Anti-Balaka“-Milizen rüsten teilweise ebenfalls auf – und vor allem: einige der jungen Männer „ritzen“ sich weiter. Mit einem scharfen Messer fügen sie sich kleine blutende Verletzungen zu, auf die sie dann ihr „yoro“ streuen. „Yoro“ bezeichnet im Sango ganz allgemein einen pharmazeutischen oder auch magischen Wirkstoff; das kann eine Tablette Paracetamol sein, das können zerstampfte Heilkräuter sein, das kann aber auch ein Gemisch von Pflanzen sein mit berauschender oder lähmender Wirkung. Drogen eben. Untersetzt mit Staub aus menschlichen Knochen. Zubereitet von einem „marabu“, einem Mann, der die Schwarze Magie beherrscht. Das ist die „Waffe“ der „Anti-Balaka“-Kämpfer. Mit diesem „yoro“ ausgestattet glauben die jungen Leute, dass die Kugeln der Feinde ihnen nichts anhaben können… Was dagegen Wirklichkeit ist: Wer unter dieser „magischen Droge“ steht, gerät rasch in Zorn, zittert am ganzen Körper, ist in Sekundenschnelle zur Gewalt bereit. Ich habe des mehrmals erlebt. Und ehemalige „Anti-Balakas“ sagen mir, dass, wenn sie unter „yoro“ standen, sie niemals einem Muslimen die Hand hätten reichen können, geschweige denn einem Seleka-Rebellen.

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In einem Dorf trägt der Lektor demonstrativ ein Hemd mit aufgesticktem Logo einer „Anti-Balaka“-Gruppierung, der „R.D.R.“

Wer mit der Kolonialgeschichte Afrikas ein wenig vertraut ist, dem kommt das alles sehr bekannt vor. In den Kämpfen um Unabhängigkeit von europäischen Imperialmächten spielte die Kraft der Magie und der oft trügerische Glaube an sie immer eine große Rolle – auch wenn das viele, viele Todesopfer forderte.

Umgangssprachlich wird dieser Vorgang, den manche „Anti-Balakas“ regelmäßig wiederholen, mit „se faire vacciner“ (französich für „sich impfen lassen“) bezeichnet. Das führt dazu, dass, wenn Du heute jemanden in der Basse-Kotto fragst „Bist Du geimpft?“, niemand mehr an Kinderlähmung oder Tetanus denkt, sondern an die Entscheidung, ob Du auf Seiten der „Balakas“ kämpfst oder nicht.

Es gibt solche, die die Waffen nicht niederlegen und sich kontinuierlich „impfen“. Es gibt aber auch solche, die sagen „Es reicht. Ich mache das nicht mehr“.

So haben in der vergangenen Woche besonnene „Anti-Balakas“ in dem Dorf Ngouala, etwa 15 Kilometer von Mobaye entfernt, sich von einer Gruppe schwer bewaffneter Seleka-Rebellen eben nicht provozieren lassen und somit ein Blutbad verhindert. Vier Tage später habe ich den Ort besucht, bin zum Stützpunkt der Milizen gegangen, habe mich mein Kommandanten bedankt und ihn ermutigt, sich nicht in den Strudel von Rache und Vergeltung hineinziehen zu lassen.

Unter den „Anti-Balakas“ gibt es eben alle Schattierungen: patriotische Freiheitskämpfer, manipulierte Mitläufer aber auch gewissenlose Mörder.

All dies ist eine enorme pastorale Herausforderung, nicht so sehr in der Stadt Mobaye, sondern vor allem in den vielen kleinen Außenstationen, die zu unserer Pfarrei gehören. Wie eben das Dorf Ngouala. Ein Teil auch unserer Christen hat sich dem Ritus des „Impfens“ unterzogen, einige von ihnen haben sich sogar aktiv an den Kämpfen beteiligt. Widerstand gegen Rebellen ist legitim, Notwehr erst recht. Aber wenn aus der anfänglichen Entschlossenheit, sein Land zu verteidigen, allmählich marodierende Räuberbanden entstehen, dann hat das keine Berechtigung mehr.

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Tauffeier am vergangenen Sonntag in Goumanda: Einige der Täuflinge sind Kinder von ehemaligen oder noch aktiven „Anti-Balaka“-Rebellen

Deshalb haben wir in den ersten Monaten des Jahres viele Gruppen-Wochenenden in der Pfarrei organisiert, um unseren Leuten zu zeigen, dass für einen Christen der Weg der Gewalt und Gegengewalt keine Option ist. Jetzt sind wir mittlerweile jede Woche zu Fuß zwei, drei Tage auf dem Land unterwegs, um unsere Außenstationen zu besuchen, um Gottesdienst zu feiern und um immer wieder die Geschichte von Kain und Abel in Erinnerung zu rufen:

„Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders? Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders erhebt seine Stimme und schreit zu mir vom Erdboden.“ (Gen 4,9f)

Fabien

Wenn man den Begriff „tropische Erkrankungen“ hört, dann denkt man zuerst an die Malaria oder andere von sonstigen Parasiten, Viren, Bakterien oder Würmern hervorgerufene Krankheiten. Völlig zu Recht. Infektionen jeglicher Art machen gefühlte 80% der Gründe aus, weshalb jemand in der Zentralafrikanischen Republik einen Gesundheitsposten aufsucht.

Aber auch andere Krankheitsbilder, die in Deutschland vorherrschend sind, gibt es hier: Chronische Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Allergien. Und auch: Krebs.

Da ist ein Tumor, der unter Kindern in Afrika besonders häufig auftritt: das Burkitt-Lymphom. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Non-Hodgkin-Lyphom, das heißt eine Wucherung des Lymphsystems, die bei den kleinen afrikanischen Patienten am häufigsten im Bereich des Kiefers auftritt.

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Der elfjährige Fabien aus einem Dorf ungefähr dreißig Kilometer von Mobaye entfernt leidet unter diesem Tumor seines Immunsystems. Rebellion und Bürgerkrieg hatten im vergangenen Jahr auch seine Familie zur Flucht in den Kongo gezwungen. Im Krankenhaus von Gbadolite – wir hatten ihn dort aber nicht getroffen – wurde die Erkrankung richtig diagnostiziert, und der UNHCR (das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, über das ich in einem früheren Eintrag schon einmal kritisch berichtet habe) versprach, den Jungen zur Behandlung in die Hauptstadt Kinshasa zu bringen.

Doch wie so häufig ist es bei leeren Worten geblieben.

Vor ein paar Monaten ist Fabien mit seiner Familie wieder in sein Dorf zurückgekehrt. Der Vater hat ihn von dort aus ins Krankenhaus von Mobaye gebracht, wo unser hiesige Arzt ihm nur sagen konnte, dass, wenn Fabien am Leben bleiben soll, er sofort nach Bangui gebracht werden müsse.

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Da traf es sich gut, dass wir im Einbaumboot zur Priesterweihe von Prince fahren wollten, denn so konnten wir Vater und Sohn mit auf die Reise nehmen. Mama Marie-Antoinette, die Leiterin unseres kleinen Krankenhauses in Zangba war auch mit dabei, und so hat sie den Jungen in das große „Hôpital Général“ der Hauptstadt begleitet.

Die Kinderstation ist in einem relativ guten Zustand. Dank… Papst Franziskus! Als dieser im November 2015 die Zentralafrikanische Republik besuchte, legte er den Grundstein für die Zusammenarbeit zwischen dem vatikanischen Kinderkrankenhaus in Rom und der hiesigen Einrichtung. Diese Kooperation, verstärkt durch eine weitere Nichtregierungsorganisation, die im medizinischen Bereich tätig ist, erlaubt eine weitgehend kostenfreie Behandlung in der pädiatrischen Abteilung.

Endlich. Seit nunmehr drei Tagen erhält Fabien seine Chemotherapie. Gestern Nachmittag habe ich noch kurz mit ihm telefoniert. Es geht ihm soweit gut, sein Vater sagt, er verträgt die Medikamente (noch) ohne Probleme.

Niemals könnte die Familie von Fabien ein solches Unternehmen „Tumorbehandlung in der Hauptstadt“ bezahlen. Aber mit Eurer Hilfe (und der von Papst Franziskus) hat der Junge vielleicht noch eine Chance, denn Eure Spendengelder fließen auch hierhin. Selbst wenn der stationäre Aufenthalt und die Medikamente kostenfrei sind, so müssen doch externe Laboruntersuchungen, Lebensmittel, das kleine Handy und die vielen kleinen Dinge des Alltags gekauft und bezahlt werden. Auch das geschieht mit den Euros, die Ihr nach Knechtsteden überweist. Ich weiß: Auf diesem Blog schreibe ich viel zu selten davon. Aber an vielen kleinen Orten, bei vielen kleinen Gelegenheiten erlaubt Eure Hilfe, Hoffnung zu stiften. Ganz unbürokratisch und zumeist ganz unauffällig.

Wie gesagt, vielleicht hat Fabien ja noch eine Chance. Laut meinem dicken Wälzer „Tropenmedizin in Klinik und Praxis“ liegt seine 10-Jahre-Überlebensrate bei 50-90%, je nach Metastasenbefund, den ich aber nicht kenne. Ihr könnt ja mal eine Kerze für ihn anzünden.