Der kleine Jean, Teil 2

Jean bekommt seit gestern seine Chemotherapie, zumindest die zwei Produkte, die in der Krankenhausapotheke vorrätig sind.

Das Carboplastin, von dem ich vorgestern schrieb, ist in dem einen Depot in Douala jetzt doch nicht vorrätig, aber unsere Apotheke hat zugesagt, dass sie es bei einem anderen Großhändler versuchen wolle. Allerdings hatte die engagierte Apothekerin gestern noch einen kleinen Autounfall, so dass, als ich sie heute Morgen anrief, sie auf dem Weg zur Polizei war. Deshalb lief heute auch nichts mehr in Sachen Bestellung.

Das ist der Alltag hier.

Die Chemotherapie macht dem kleinen Jean schon zu schaffen. Fieber, keinen Hunger, viel Weinen. Als ich heute Abend im Krankenhaus vorbeiging, war er aber die ganze Zeit nur am Schlafen.

Morgen geht es wieder zurück Richtung Mobaye. Wenn alles gut geht, wollen wir Donnerstagabend ankommen.

Frankreich oder Russland?

Im Geschichtsunterricht lernen wir, dass der „Kalte Krieg“ jene Zeit war, in der sich die beiden Blöcke „Ost“ und „West“ feindlich gegenüber standen, und ein Jeder irgendwie nur darauf wartete, dass der Andere zuschlagen würde (was ja – Gott sei Dank – nicht geschehen ist).

Und Afrika? – Afrika war dabei „Nebenkriegsschauplatz“. Washington und Moskau kämpften um die Vorherrschaft in jedem Land, machten sich zu „Waffenbrüdern“ im Kampf gegen Kommunismus oder Kapitalismus. Je nachdem. In Afrika war der Krieg aber nicht kalt, da waren es echte „Stellvertreterkriege“, die vielen Menschen das Leben kosteten.

Heute ist das alles vorbei. Denkt man. Bis man die neuen Plakate auf den Straßen Banguis sieht. Heute buhlen Paris und Moskau um die Zuneigung der Zentralafrikaner.

In der Tat hatte sich Frankreich nach ungefähr zwei Jahren Rebellion in der Zentralafrikanischen Republik militärisch herausgezogen und das Feld den Vereinten Nationen überlassen. Zu kostspielig, zu gefährlich, bei  der Gewinn- und Verlustbilanz fand sich die Operation „Sangaris“ eher im Negativbereich wieder.

Doch dann wurde Russland hellhörig: ein Vakuum, das sich da auftat im Herzen des „Schwarzen Kontinents“, mit seinen Gold- Diamanten- und Uranvorräten. Putin lieferte Offiziere, Waffen und Panzer, und plötzlich reisten zentralafrikanische Politiker häufiger nach Moskau als nach Paris.

Das wiederum gefiel dem Elysées-Palast nicht, und Makron begann, sich wieder etwas mehr in der Zentralafrikanischen Republik zu engagieren. So schnell lässt man seine alte Kolonie nicht im Stich.

Heute fragt sich der aufmerksame Zentralafrikaner in den Straßen der Hauptstadt, wer denn nun der bessere Freund sei: Frankreich oder Russland?

Aber urteilt selber:

 

Der kleine Jean

Ich habe hin- und her überlegt, ob ich dieses Foto auf unserem Blog veröffentlichen soll. Aber ich glaube, es ist nicht falsch.

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Der fünfjährige Junge heißt Jean und lebt mit seiner Familie in Langandji, einer großen Außenstation unserer Gemeinde, 22 Kilometer von Mobaye entfernt.

Am Sonntag nach der Messe, die Bischof Cyr-Nestor in eben jener Kapellengemeinde gefeiert hatte, kam sein Vater Kossi auf mich zu. Das sei sein Sohn  Jean, und er wisse nicht mehr, was er noch tun solle.

Während meiner drei Jahre als Missionar-auf-Zeit in Alindao war ich einem ähnlichen Fall begegnet. Da war der bösartige Augentumor bei einem kleinen Mädchen aber noch weiter fortgeschritten und hatte schon Metastasen abgesiedelt. Damals hatte ich ein ähnliches Foto gemacht und zwei Augenärzte in Deutschland per E-Mail um Rat gefragt. Ich lernte, dass man unter den hiesigen Umständen nicht mehr heilend eingreifen, sondern die kleine Patientin nur noch palliativ begleiten könne. Das haben wir getan, ein französischer Chirurg hatte uns Morphin mitgebracht. Einige Wochen später war Chancela gestorben, ohne viel Schmerzen.

Unbehandelt steht Jean dasselbe Schicksal bevor. Ein Retinoblastom ist ein Tumor der Netzhaut, der sich am häufigsten bei Kindern im Alter von einem bis fünf Jahren manifestiert. Die Prognose ist im fortgeschrittenen Stadium nicht günstig.

Seit Dienstag sind wir in Bangui, mit seinem Vater. Am Mittwoch schon war Jean beim Augenarzt, zur Echographie und schließlich beim wohl einzigen Arzt im ganzen Land, der sich mit Krebserkrankungen bei Kindern auskennt. Seit vorgestern ist Jean stationär aufgenommen, und zwar genau in jenem Kinderkrankenhaus, in das ich vor einem Jahr auch den kleinen Fabien gebracht hatte. Vielleicht erinnert Ihr Euch an den Blogeintrag. Leider war der Junge mit dem Burkitt-Lymphom später während einer Chemotherapie gestorben.

Aber auch für Jean gibt es nur noch diesen einen Strohhalm Hoffnung. Also will der Arzt es versuchen. Ab Montag wird unser kleiner Patient drei Tage lang eine Chemotherapie bekommen, unter der das kranke Auge schrumpfen soll. In zwei Wochen soll es operativ entfernt werden, danach wartet eine zweite Chemotherapie auf ihn.

Die Behandlung im Krankenhaus ist völlig kostenlos, ein italienischer Verein stellt die Medikamente gratis zur Verfügung. All das ist weiterhin der Initiative von Papst Franziskus zu verdanken, der das Krankenhaus im Jahre 2015 besucht hatte.

Allerdings sind nur jene Medikamente frei erhältlich, die als Spenden direkt an die Krankenhausapotheke geliefert werden. Was fehlt, muss vom Patienten selbst besorgt werden.

Von den drei Chemotherapeutika, die Jean braucht, sind zwei vorhanden, das dritte Medikament Carboplatin dagegen nicht. Deshalb bin ich gestern die großen Apotheken der Stadt abgelaufen. In der fünften hatte ich Glück: dort können sie Krebsmedikamente aus Kamerun importieren. Zu horrenden Preisen. Jean braucht drei Ampullen Carboplatin, eine kostet 130.000 FCFA, das sind in etwa 195 Euro. Macht 585 Euro.

Macht es Sinn, eine solche Summe für ein einziges Kind auszugeben, in einem Land, in dem jeden Tag etliche Kinder an Malaria und anderen Infektionskrankheiten sterben, an denen sie nicht zu sterben bräuchten, wenn die Eltern die Medikamente im Wert von 3 bis 5 Euro kaufen könnten?

Und zudem vermag niemand vorauszusagen, ob die Therapie bei Jean wirklich erfolgreich sein wird.

Ich kaufe das Carboplatin jetzt trotzdem. Mit Euren Spendengeldern.

Und vielleicht findet Ihr ja auch einen kleinen Moment, um an Jean im Gebet zu denken und eine Kerze für ihn anzuzünden. Und für all die anderen Kinder, die mit ihm jetzt im Krankenhaus sind.

Spuren des Krieges

Im vergangenen Jahr hatte ich in diesem Blog von dem kleinen Isidore geschrieben, der Opfer eines Angriffs von Seleka-Rebellen geworden war. Nach etlichen Wochen hatte man ihm bei einem kleinen chirurgischen Eingriff die Kugel aus seinem Oberschenkel entfernen können.

Noch mehr Glück im Unglück hatte Papa Michel gehabt. Zwei „desertierte“ Seleka-Rebellen hatten aus heiterem Himmel auf ihn geschossen. Die Kugel durchschlug seinen Unterkiefer und blieb im Halsbereich stecken. Dank der Bemühungen des früheren Präfekten Gallo war der Verletzte mit einem Kleinflugzeug nach Bangui evakuiert und dort kostenfrei in einer Klinik von „Ärzte ohne Grenzen“ behandelt worden. Die Kugel hat man ihm jedoch nicht herausoperieren können. Zu riskant sei ein solcher Eingriff hier, das ginge nur in Frankreich.

Und so wartet Michel schon seit Monaten darauf, dass man ihn wieder nach Bangui einbestellt.

Das Röntgenbild aus der Klinik in Bangui habe ich gegen das Tageslicht gehalten, deshalb scheinen die dahinterliegenden Bäume durch. Unten-Mitte im Bild: die Kugel in Höhe des Halswirbelbereiches. Von außen ist sie deutlich tastbar.

Die Spuren des Krieges sind nicht immer so deutlich erkennbar wie bei Michel. Oft sind äußerliche Wunden verheilt, aber die Verletzungen in der Seele der Menschen bleiben. Eine gewaltige Trauer- und Traumaarbeit liegt vor diesem Land. Aber das ist eine andere Geschichte.

Von einem Auto, Schulbüchern und Renovierungsarbeiten

Heute möchte ich wieder einmal das Internet nutzen, um Euch und Ihnen allen ein großes Dankeschön zu sagen für die vielfältige Unterstützung, die wir hier erfahren dürfen – und die ein Großteil unserer pastoralen und humanitären Arbeit erst möglich macht: SINGILA MINGI!

Gleichzeitig möchte ich aber auch ein wenig über den Sinn von (Euren und Ihren) Spenden nachdenken.

Natürlich steht uns allen, die wir in der hiesigen Ortskirche arbeiten, die große Vision einer Gemeinschaft vor Augen, die sich selbst an die Hand nimmt, sich aufrichtet und auf eigenen Füßen steht, die nicht mehr am Tropf fremder Hilfe hängt. Materiell und finanziell gesprochen.

Spirituell ist natürlich jede Ortskirche für immer mit allen anderen Ortskirchen geschwisterlich verwoben, und eine jede bedarf der anderen.

Aber unser Land liegt am Boden, seine Häuser sind in Flammen aufgegangen, trotz aller Friedensrhetorik regieren immer noch Kalaschnikows und Korruption und sonst niemand. In einem solchen Kontext kann eine Kirche, die eine ganzheitliche Pastoral betreiben will, die sich engagieren will in Seelsorge, Erziehung, Gesundheit und Ernährungssicherheit, nicht ohne die Solidarität „von außen“ ihre Berufung leben. Unsere Leute haben in ihrem Alltag um das Überleben der eigenen Familie zu kämpfen; was da noch für die Kirche „übrig“ bleibt, kann keine großen Projekte auf die Beine stellen.

Von daher verstehe ich die Spenden, die in Knechtsteden eingehen, auch nicht als „Almosen“, sondern als Euren und Ihren Ausdruck von Solidarität. Wenn ich sie hier vor Ort verwende, dann betrachte ich sie als eine Form des Mitleidens mit den Opfern einer sinnlosen Rebellion, die mittlerweile keine politischen Ziele mehr kennt, sondern in ein mörderisches Banditentum übergegangen ist. Und da sich auf diesem „Schlachtfeld“ eine Menge Kriegsgewinnler tummeln – hier vor Ort, aber auch in Europa –, bin ich nicht sehr optimistisch, dass das Ganze ein rasches Ende finden wird.

Deshalb muss Weltkirche parteilich werden und darf nicht in Gleichgültigkeit verfallen. Was der Kirche in der Zentralafrikanischen Republik geschieht, betrifft auch die Kirche im fernen Deutschland. Und so passt auch hier wieder einmal das Bild des Missionars Paulus über die Kirche, die der liebe Gott irgendwie ganz gut geordnet habe: „… damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit.“ (1 Kor 12, 25f)

Einige Beispiele, wofür wir Eure und Ihre Gelder verwenden (zur weiteren Erklärung einfach die Maus über die Bilder ziehen):

Zu Kinder- und Jugendzeiten haben wir ein Lied gesungen, das begann so: „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tages…“. Mir scheint, dass wir schon seit geraumer Zeit in der Zentralafrikanischen Republik genau diesen Augenblick durchleben – die Mitte der Nacht. Wie lange er noch dauern wird, vermag niemand vorauszusagen. Aber dass es irgendwann wieder hell werden wird, die Gewissheit haben wir. Muss ja.

Von einem anderen Tier

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Aber nicht nur Wachhunde haben wir hier.

Vor kurzer Zeit war es eine Schlange, knapp 1,5 Meter lang, die sich unter unserer Treppe versteckt hielt. Weil niemand beim Vorbeizischen einer Schlange im Dunkeln genau sagen kann, ob das eine giftige ist oder nicht, ist es in jedem Fall sicherer, sie zu erschlagen. Kennt jemand von Euch diese Schlangenart?