Der kleine Jean, Teil 4

Morgen, ganz früh, fahren wir wieder nach Hause.

Der behandelnde Arzt hat uns gesagt, dass er außer „palliativer Pflege“ dem kleinen Jean auch nichts mehr anbieten könne. Die Chemotherapien haben keine ausreichende Wirkung gezeigt, eine Operation ist nicht möglich, eine radiologische Behandlung gibt es in der Zentralafrikanischen Republik nicht. Warum also noch weiter in Bangui bleiben?

Verbandswechsel, Schmerzmittelgabe – und darin in erschöpft sich auch schon die „palliative Pflege“ hier – das machen wir dann in seinem Dorf Langandji. Die Morphinpräparate, die der Arzt uns mitgibt, und die, ich auf andere Wege bekommen habe, reichen für gut einen Monat.

Ich hoffe nur, dass die Fahrt über diese schreckliche Piste zwischen Bambari und Mobaye (knapp 230 Kilometer) für den Jungen nicht zu einer zu großen Quälerei wird.

Unsere Baustellen

Unterdessen gehen die Arbeiten an unseren kleinen und großen Baustellen weiter, und das meine ich jetzt nicht im übertragenen, sondern im ganz konkreten Sinn.

In Zangba baut die Diözese neben dem bestehenden kleinen „Buschkrankenhaus“ eine neue Entbindungsstation mit zusätzlichem Schwerpunkt in Kinderheilkunde. Als CODIS (Koordinator für die Gesundheitsprojekte im Bistum Alindao) darf ich das ganze Vorhaben federführend begleiten. Finanziert wird der Neubau von dem internationalen katholischen  Hilfswerk „Kirche in Not“.

Das Gelände für unsere zukünftige berufsbildende Realschule in Mobaye nimmt weiter Form an. Aber die Arbeit ist ohne Maschinen ungeheuer beschwerlich: Das Ausheben der Wurzeln der gefällten Bäume und vor allem der Bambussträucher zieht sich schon über Wochen hin. Aber unsere Arbeiter sind weiter motiviert.

Zudem haben wir begonnen, um unsere Grundschule „Antoine Maanicus“ herum einen Einfassung zu errichten. Dazu verwenden wir das Holz und die Bambuspflanzen des oben erwähnten Geländes, so haben wir keine zusätzlichen Materialkosten.

Ebenfalls haben wir begonnen, einige Pfarrräume, die vormittags auch als Schulklassen dienen, zu renovieren. Mehrere Jahre ohne Instandsetzungsarbeiten haben das Gebäude ein bisschen arg herunterkommen lassen. Ein Teil Eurer Spendengelder fließt in diese Renovierung.

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All unsere Baustellen sind natürlich erst einmal ganz konkret und praktisch ausgerichtet. Man kann sie aber auch als Symbole sehen, als Zeichen dafür, dass da Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist, Optimismus, dass die Welt besser sein könnte als sie ist, und dass sie es eines Tages sein wird. Auch in der Zentralafrikanischen Republik.

 

 

 

 

Rechts: Bei einer Tauffeier in einer unserer Kapellen

Der kleine Jean, Teil 3

Der kleine Jean mit dem Augentumor (siehe die Blogeinträge vom 22. und 25. Juni sowie vom 21. Juli diesen Jahres) ist nur noch ein „kleines Häufchen Elend“. Die aggressiven Chemotherapien haben seinen Krebs zwar angegriffen, aber nicht zerstört, das Auge ist nicht geschrumpft, so dass man es herausoperieren könnte. Medizinisch gesprochen ist er mit den Möglichkeiten vor Ort nun „austherapiert“. Allein Bluttransfusionen halten ihn  noch am Leben, denn die Chemotherapien haben verheerende Nebenwirkungen hervorgerufen. Sein Hb lag vorgestern bei 4,4 g/dl, die Anzahl der Blutplättchen war erschreckend niedrig.

In dieser Woche sind italienische Fachärzte zu Besuch, denen soll Jean noch vorgestellt werden. Aber eine begründete Hoffnung auf Heilung hegt eigentlich niemand mehr.

Wir haben gestern lange miteinander gesprochen, Jeans Vater und ich. Wenn der Kleine es bis nächste Woche schafft, dann nehmen wir ihn wieder mit zurück in sein Dorf Langandji, damit er dort seine letzten Tage verbringen kann. Mit starken Schmerzmitteln werden wir dann versuchen, die „palliative Pflege“ selbst zu übernehmen.

 

Zur aktuellen Lage in Mobaye

Die militärisch-politische Lage daheim in Mobaye entspannt sich weiter. Das hilft und ermöglicht Planungen für die Zukunft.

Vor einigen Wochen schon ist das Kontingent der Blauhelm-Soldaten komplett ausgewechselt worden. Die Truppe aus Mauretanien hat die Stadt verlassen, ein Bataillon aus Gabun hat sie ersetzt. Gott sei Dank. Die Komplizenschaft zwischen mauretanischen Soldaten und Seleka-Milizen war nie ein Geheimnis gewesen; bis heute tragen einige Rebellen Uniformen der „Soldaten der Friedensmission“ aus dem westafrikanischen Land.

Auch ein Teil der Seleka-Truppe hat die Stadt verlassen und ist durch Waffenbrüder derselben Fraktion UPC ersetzt worden. Ihre Straßensperren haben sie mittlerweile größtenteils geräumt, Wegezoll erheben sie kaum noch, allerdings sprechen sie weiter „Recht“ in der Stadt, will heißen sie verurteilen in Absprache mit den staatlichen Autoritäten Täter von Kleindelikten, stecken sie in ihre Dunkelkammer und kassieren die Strafen. Nur reicht das nicht aus, um vierzig bis fünfzig junge Männer mit Lebensmitteln, Zigaretten und Ausrüstung zu versorgen. „Woher bekommen sie ihre Rationen?“, fragen wir uns. Vorher haben sie hemmungslos geraubt und gestohlen, jetzt nicht mehr. Wie bestreiten sie ihren Unterhalt?

Ihr oberster Befehlshaber, Ali Darassa, ist vor einigen Monaten zum Regierungsberater ernannt worden (siehe Blogeintrag vom 3. April diesen Jahres). Hinter vorgehaltener Hand heißt es seitdem, dass die Regierung sie bezahle. Damit sie stillhielten…

Die Gegenmilizen, die sogenannten Anti-Balakas, haben an Macht und Einfluss verloren. Ihre Militärbasis besteht zwar noch weiterhin in unserer Stadt, aber politische Ziele verfolgen die Gegenrebellen längst nicht mehr. Die meisten von ihnen haben ihre zusammengebastelten Gewehre mittlerweile im Haus versteckt und gehen auf ihren Feldern arbeiten. Das ist gut so. Aber ein kleiner Teil bleibt Rebell, das heißt wird Bandit und Dieb.

Diese relative Ruhe in und um Mobaye hat zur Folge, dass nun wieder, wenn auch zaghaft, mehrere Nicht-Regierungs-Organisationen den Weg nach Mobaye finden. Eine kleine „Maschinerie der humanitären Hilfe“ scheint langsam anzulaufen, mit all ihren guten Seiten für die notleidende Bevölkerung – aber auch mit viel Chaos, Konkurrenz und Korruption.

Doch das ist eine andere Geschichte, von der ich in einem späteren Blogeintrag berichten möchte…

 

 

Und wieder in Bangui

Innerhalb von drei Monaten bin ich jetzt schon wieder ein drittes Mal in der Hauptstadt. Gefallen tut mir das nicht unbedingt, lieber würde ich in Mobaye bleiben, denn viel ist dort zu tun. Aber ohne die Besuche und Beschaffungen in Bangui stockt auch Etliches. Viele Projekte (im weitesten Sinne des Wortes) sind nur durch die Anbindung an die über 600 Kilometer entfernte Hauptstadt möglich: Internetverbindung, Erledigungen in Bank und Prokur, Kontakte zu Projektpartnern, Autowerkstatt, Post usw.

(Auf Deutschland übertragen hieße das: um Geld für den Markt abzuheben, um Briefe abzuschicken, um den Monatslohn für die Arbeiter zu besorgen, um einen Artikel in diesen Blog stellen zu können, müsstest Du von Knechtsteden aus in einer zwei-Tagestour nach Berlin fahren…).

Kurzum: Wir sind wieder in Bangui.

Unsere Realschule, Teil 1

Schulferien, auch bei uns.

Aber die Vorbereitungen für das neue Schuljahr haben schon begonnen, auch wenn der Betrieb hier erst wieder Mitte September / Anfang Oktober aufgenommen wird. Manche Schulen öffnen ihre Türen auch erst Anfang November… Das ganze System liegt brach, vor allem außerhalb der Hauptstadt. Und wenn es im Juni in den weiterführenden Schulen auf die Abschlussprüfungen zugeht, versinkt es im Sumpf der Korruption. Doch das ist eine andere leidige Geschichte, über die ich später einmal schreiben werde.

Heute lieber etwas Mut machendes: Die Pläne für ein „Collège technique“ (eine Realschule mit beruflicher Orientierung) in Trägerschaft unseres Spiritanerordens nehmen konkrete Gestalt an.

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Mit Euren Spendengeldern haben wir vor ein paar Wochen ein großes Grundstück an der Straße nach Zangba gekauft, in etwa einem Kilometer vom Ortsrand entfernt, hinter dem staatlichen Gymnasium. Das Land war kaum genutzt, ein paar Obstbäume, ein bisschen Maniok, ansonsten nur Sträucher, Bäume, Bambusstauden und hohes Gras. All das musste in mühevoller Arbeit ohne Maschinen geschnitten oder umgehauen werden. Dazu haben wir ca. 20 Freiwillige aus den verschiedenen Gruppen unserer Pfarrei mobilisiert: Pfadfinder, Choristen, Messdiener. Für ein Frühstück, ein wenig Palmwein und ein Mittagessen (oder 75 Cent) am Tag haben sie einen Monat lang geschuftet. Das ist unser erster großer Eigenanteil, bevor es jetzt daran geht, einen Projektantrag bei einem Hilfswerk zu stellen.

Es ist Regenzeit, der Baubeginn ist erst ab Ende des Jahres möglich, nämlich dann, wenn der Pegel des Ubangi-Flusses wieder gesunken sein wird und wir Sand und Kies aus dem Fluss gewinnen können. Deswegen wird das Grundstück vorübergehend zum Acker. Unsere Caritas und verschiedene Pfarrgruppen säen Mais, Reis und Erdnüsse. So wird das Feld eine Ernte hergeben, bevor es Schulgelände wird.

CODIS und CONASAN

Die zwei Tage Fortbildung waren richtig gut. Annette hat uns nahe gebracht – für die einen war es Neuland, für die anderen eine gute Auffrischung – was man bei Projekten im Gesundheitsbereich alles zu beachten hat, von der Antragstellung bei Partnerorganisationen (um das Wort „Geldgeber“ zu vermeiden) bis hin zum zufriedenstellenden und Glaubwürdigkeit schaffenden Abschlussbericht. Unsere Partnerorganisationen, mit denen ich auf Pfarrei- und Diözesanebene zu tun habe, sind das „Kindermissionswerk“ („Aktion Sternsinger“) in Aachen, das Päpstliche Missionswerk in Rom und „Kirche in Not“ in Königstein bei Frankfurt; darüber hinaus unterstützen uns auch die Erzdiözesen Paderborn und Köln.

Die Aktivitäten im Gesundheitsbereich nehmen langsam wieder mehr Fahrt auf. Die Sicherheitslage scheint sich überall etwas zu entspannen. Das ist natürlich alles relativ, denn kein Rebell in der Basse-Kotto hat bislang auch nur eine einzige Waffe abgegeben. Aber viele Anti-Balaka-Kämpfer sitzen jetzt nicht mehr bewaffnet und nichtstuend am Wegesrand herum, sondern lassen ihre Gewehre zu Hause und gehen wieder auf’s Feld zum Arbeiten.

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So hoffen auch wir, bald wieder mehr auf Diözesanebene tun zu können: Die Mobile Klinik, Errichtung von Gesundheitsposten, punktuelle Unterstützung staatlicher Gesundheitseinrichtungen. Unser Krankenhaus im Zangba kann weiter einem großen Teil der Bevölkerung medizinische Hilfe anbieten. Nicht gratis, aber doch zu niedrigen Preisen. Und die Bauarbeiten an dem Neubau einer Geburtsstation mit Kinderabteilung gehen gut voran.

Für diese Aufgaben hat der Bischof einer jeden Diözese einen Verantwortlichen ernannt, und für unser Bistum Alindao darf ich das sein. CODIS heißt das dann auf Französisch: „Coordinateur/trice Diocésain de Santé“. Die CODIS der neun Diözesen der Zentralafrikanischen Republik arbeiten unter dem Dach der CONASAN: „Coordination Nationale de Santé“, das zentrale Verbindungsbüro in Bangui. Von hier aus wird die Arbeit koordiniert, unterstützt und begleitet, zum Beispiel durch Fortbildungen wie in den vergangenen zwei Tagen. Der verantwortliche Bischof ist Mgr Mirek von Bouar, ein polnischer Missionar, seine „rechte Hand“ als Landeskoordinator ist Frère Elkana, ein junger zentralafrikanischer Spiritanerbruder und Krankenpfleger. (Ich schreibe von unseren Strukturen an dieser Stelle einmal, weil die Abkürzungen CODIS und CONASAN sicher immer mal wieder in diesem Blog Erwähnung finden werden.)

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Gruppe der Diözesankoordinatoren mit Bischof und Annette

Kurzum, weil ich mich nun mehr den Bereichen Gesundheit und Schule widmen werde, haben P. Prince und ich unsere Arbeitsbereiche neu aufgeteilt: P. Prince hat mittlerweile als Pfarrer die Gemeinde übergenommen, was mir mehr Freiraum für unsere verschiedenen Projekte lässt. Aber in der Praxis haben wir eh im Team gearbeitet und wollen das auch in Zukunft weiterhin so tun.