Alindao

Vor fast einem Jahr war ich das letzte Mal in Alindao gewesen. Dann kam der Krieg, der Mord an fast 200 Menschen innerhalb von drei Tagen in Alindao.

Seit unserer definitiven Rückkehr nach Mobaye Anfang Dezember hatte sich noch nicht die Möglichkeit geboten, wieder in unsere Bischofsstadt zu kommen. Am vergangenen Wochenende haben wir uns auf den Weg gemacht. Offizieller Anlass war die Diakonenweihe von Stéphane, einem Seminaristen der Diözese. Gleichzeitig wollten wir aber auch den Weg „austesten“, vor allem die Reaktion der verfeindeten Rebellengruppen. Die drei großen Orte auf dem Weg (Langandji, Kongbo und Pavika – für die unter Euch, die die Basse-Kotto kennen) sind fest in der Hand der Seleka-Rebellen, der Rest, die unzähligen Dörfer am Straßenrand sind beherrscht von Anti-Balaka-Milizen.

Mit drei Autos und einer ganzen Delegation der Stadt haben wir uns auf den Weg gemacht, zusammen mit dem Präfekten, zwei Unter-Präfekten, zwei Beamten, dem Arzt des Gesundheitsbezirks und zwei Mitarbeitern einer lokalen Nicht-Regierungsorganisation.

Und wir haben gespürt: Wir sind noch sehr weit vom Frieden entfernt…

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So sehen die Dörfer entlang der Straße aus: zerstört, abgebrannt, die Bewohner geflohen…

In zwei Orten, in denen wir angehalten und mit den Anti-Balaka-Kämpfern gesprochen haben, schlug dem Präfekten viel Skepsis, zuweilen sogar Ablehnung von Seiten der Gegenrebellen entgegen: Welche Sicherheit könne er denn geben, wenn sie, die Anti-Balaka-Kämpfer, das heißt die jungen Männer aus den Dörfern ihre Waffen niederlegten und die Straßensperren aufheben würden? Weiterhin gibt es keine Armee, keine Gendarmerie, keine Polizei in der ganzen Basse-Kotto. Weiterhin gilt das „Gesetz des Stärkeren“, „la Loi de la jungle“. Weiterhin hören wir von Morden, verübt von den Seleka-Rebellen. Sie haben ja Recht, die zornigen Bewohner.

Aber sie sind auch keine hehre Widerstandsbewegung. Wie ich schon in einem früheren Eintrag geschrieben habe, unterziehen sie sich alle der Schwarzen Magie. Und auch sie können zu Wegelagerern und Dieben werden, die die eigene Bevölkerung drangsalieren. Einmal den mörderischen Kreislauf von Gewalt, Hass und Misstrauen in Gang gesetzt, lässt er sich nur ganz ganz schwer unterbrechen.

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Anti-Balaka-Milizen überall…
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Straßensperren der Anti-Balaka-Kämpfer…

Diejenigen unter Euch, die Alindao und seine Herz-Jesu-Kathedrale schon einmal besucht haben, werden den Ort heute nur schwer wiedererkennen:

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Um die Kirche herum ist ein riesiges Flüchtlingslager entstanden. 23000 bis 25000 Menschen leben dort, im Schatten von Bischof und Blauhelm-Soldaten aus Burundi. Letztere sind so ganz anders als die UNO-Truppe aus Mauretanien bei uns in Mobaye. Die ostafrikanischen Soldaten sind uns auf halber Strecke entgegengekommen und haben uns auf der Rückfahrt bis nach Mobaye begleitet. Die Soldaten aus Mauretanien dagegen tun nichts zum Schutze der Bevölkerung oder zur Unterstützung der hiesigen staatlichen Autorität. Außer dass sie dem Präfekten Diesel-Treibstoff zur Verfügung stellen.

Gefeiert haben wir trotzdem: Stéphane ist jetzt Diakon!

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Eine Gerichtsverhandlung unter freiem Himmel

Nach intensiven Kar- und Ostertagen mit langen Liturgien (drei Stunden am Karfreitag, dreieinhalb Stunden in der Osternacht) hat uns der Alltag in der Basse-Kotto rasch wieder eingeholt: angespannte Stimmung, Misstrauen zwischen den beiden verfeindeten Rebellengruppen. Am Donnerstag der Woche nach Ostern wollte ich in einer unserer Außenstationen nahe Mobaye Gottesdienst feiern. Unser Präfekt war mit dabei.

Als wir an der kleinen Kapelle des Ort namens Mbissoula ankommen, muss ich feststellen, dass nur der Katechist und ein älterer Mann auf uns warten. Seltsam. Die Leute bleiben daheim? – Kurz darauf erklärt uns der Katechist die Situation:  Gestern haben die Anti-Balaka-Milizen des Ortes eine Frau festgenommen, bedroht und geschlagen. Hexerei soll sie betrieben haben und Schuld am Tod eines kleinen Babys sein. Es ist immer dasselbe: Ein kleines Kind fiebert plötzlich hoch auf, erbricht, Durchfall. Klingt nach Malaria. Ein rascher Transport in einen nächsten Gesundheitsposten, der halbwegs mit ein paar Medikamenten ausgestattet ist (in Zeiten von Rebellion und Bürgerkrieg sind die jedoch höchst selten!) kann da Leben retten. Aber nein, jemand „weiß“ es besser: das ist Schadenszauber, schwarze Magie. Und man hat auch schon die Schuldige gefunden: eine junge Mutter. Und so müssen wir den Gottesdient erst einmal verschieben und gehen die paar Schritte an die Straßensperre der Anti-Balakas. Dort finden wir die Frau.

Das Palaver beginnt. Gericht wird gehalten.

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Nach einer halben Stunde Diskussion hin und her setzt sich der Präfekt durch. Er verspricht, die Frau mitzunehmen und in ihr Heimatdorf in ca. 15 Kilometer Entfernung zu bringen. So rettet er das Leben der Frau und die Dorfbewohner sind die „gefährlich Frau“ los.

Mit einer Stunde Verspätung können wir dann doch Messe feiern. Gott sei Dank.

28. Februar: Gedenktag des seligen Spiritaners Daniel Brottier

Liebe Freunde, über einen Monat lang waren wir hier in Mobaye ohne Internet. Seit gestern funktioniert es wieder; und so stelle ich jetzt den Artikel von Ende Februar ein.

Der vereinbarte Waffenstillstand hält an; allerdings mit vielen beunruhigenden Zwischenfälle. Nur dem neuen Präfekten ist es zu verdanken, dass unsere Basse-Kotto noch nicht vollends im Bürgerkrieg versunken ist…

Aber deshalb heute auch mal „gute Nachrichten“:

Unbenannt

Einer der beiden Selig-Gesprochenen unseres Missionsordens ist der 1936 in Paris verstorbene Pater Daniel Brottier. Er war Missionar im Senegal gewesen, danach Militärseelsorger im Ersten Weltkrieg und später Direktor des großen Kinder- und Jugendhilfswerkes „Die Waisenkinder von Auteuil“. In vielen Spiritanerschulen überall auf der Welt wird sein Andenken hochgehalten – auch bei uns in Mobaye! Deshalb haben wir an seinem Todestag einen Schulgottesdienst gefeiert, wie auch schon im vergangenen Jahr.

Erinnert Ihr Euch? – Am 1. Dezember 2017 hatten wir unsere kleine Grundschule mit knapp 20 Schülern und 1 Lehrer wiedereröffnet – heute zählen wir über 300 Kinder und 8 Lehrer. Wir haben eine Kindergartengruppe eröffnet, die erste Klasse mit mehr als 100 Kinder haben wir in zwei Gruppen aufgeteilt: es gibt jetzt die 1a und die 1b.

Die Nichtregierungsorganisation „Kinder ohne Grenzen“ hilft uns mit Schulmaterial und Lohnzahlungen für die Lehrer. Wir werden den Schulbetrieb nun ohne Probleme bis zum Ende des Schuljahres kostenlos aufrecht erhalten können. Mehr dazu in einem späteren Eintrag.

Einsetzung der neuen Unter-Präfektin in Zangba

Der neue Präfekt der Basse-Kotto, von dessen Ankunft ich vor kurzer Zeit schrieb, hat seine Arbeit aufgenommen: Die Bevölkerung treffen, Vertreter verschiedenster Gruppen der Gesellschaft empfangen, mithilfe von Nichtregierungsorganisationen den Gesundheits- und Schulsektor wieder aufrichten und vor allem: die verschiedenen militärischen Akteure regelmäßig einberufen und an einen runden Tisch setzen: Seleka-Rebellen, Anti-Balaka-Kämpfer und mauretanische Blauhelmsoldaten. Leicht hat er es nicht… Die entscheidende Frage ist schließlich, ob die bewaffneten Rebellengruppen die staatliche Autorität aus Bangui anerkennen oder nicht. Bislang scheinen sie ihn zu respektieren – ohne allerdings auf ihr Gewaltpotential zu verzichten. Beide Seiten behalten ihre Waffen.

Der neue Präfekt ist selber Oberst der zentralafrikanischen Armee: Colonel Ferdinand Ngallo. In Uniform habe ich ihn noch nicht gesehen, und er ist auch nicht mit einem Kontingent von einheimischen Soldaten gekommen – was sich hier alle sehnlichst erhofft hatten. Er setzt auf Verhandlungen, Gespräche, Besinnung auf die gemeinsame Nation. Aber er zeigt auch deutlich die Grenzen auf: Jetzt sei die Zeit, die Waffen freiwillig niederzulegen. Irgendwann komme die Zeit des „désarmement forcé“, der erzwungenen Entwaffnung.

Der Präfekt war mit seinen sechs Unterpräfekten in einem Hubschrauber der Minusca-Truppen angereist. Jeder hatte einen Koffer für seine privaten Dinge dabei. Mehr nicht. Will heißen: Materiell fehlt es an allem, was eine halbwegs funktionierend Verwaltung ausmachen würde.

Seit dem ersten Tag habe ich ihm deshalb unser Auto zur Verfügung gestellt, den Landcruiser der Equipe Mobile. Ich selber finde die Verbindung von staatlicher Macht und Kirche immer höchst zweifelhaft und bin absolut kein Freund von solchen Kooperationen. Aber in der Zentralafrikanischen Republik ist vieles anders. Alles eigentlich. Hier bin ich mittlerweile zu einem „glühenden Anhänger“ von staatlicher Autorität geworden. Wenn man monatelang in totaler Anarchie zwischen verfeindeten Rebellengruppen lebt, wünscht man sich nichts dringlicher als einen funktionierenden Rechtsstaat. Deshalb bleiben wir als katholische Kirche von Mobaye unserer Linie treu: KEINE Kooperation mit den Rebellen, weder mit Selekas noch mit Anti-Balakas, ABER aktive Unterstützung der Wiederherstellung staatlicher Autorität in unserer Präfektur.

Ich schätze den Ansatz und die Vorgehensweise des neuen Präfekten sehr: diplomatisch und deutlich in einem. Und außerdem ist er praktizierender Katholik. In einem weltanschaulich neutralen Staat wie es auch die Zentralafrikanische Republik ist, darf die Religionszugehörigkeit eines Politikers keine Rolle spielen. Aber in der zentralafrikanischen Kultur, in der es keinen religionslosen Bereich gibt, hat sie ihre Bedeutung. Und so muss sich der Präfekt nun jeden Sonntag meine Predigt anhören. Oder die unseres Diakons Prince.

Ein Präfekt wird in jeder Unterpräfektur durch seinen Unter-Präfekten oder seine Unter-Präfektin vertreten. Deshalb sind wir vergangene Woche gemeinsam nach Zangba gefahren, wo die neue Unter-Präfektin offiziell in ihr Amt eingeführt wurde. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um unser kleines „Buschkrankenhaus“ zu besuchen und vor Ort Messe zu feiern – seit Beginn der Rebellion Ende Mai ist die Pfarrei ohne Priester.

Nach dem Gottesdienst

Am Rande der Amtseinführung der neuen Unter-Präfektin

Eine Reise nach Bangui über den Ubangui, Teil 2

Habt Ihr’s bemerkt, das Gewehr auf dem Foto links über dem Bild mit den Nilpferden? Wir leben in der Basse-Kotto weiter mit Rebellen, die den Frieden offenbar nicht wollen:CIMG9032 3

An jenem Abend waren wir gezwungen, zwei Anti-Balaka-Kämpfer ein paar Kilometer flussabwärts mitzunehmen.

Welche Zukunft liegt vor dem Jungen in dem grünen T-Shirt? Der war vielleicht grad mal 16 Jahre alt. Und macht in diesem Moment die Erfahrung, dass er mit einer Waffe in der Hand anderen seinen Willen aufzwingen kann…

Eine Reise nach Bangui über den Ubangui

Am 2. Februar 1852 starb in Paris Pater François Libermann, der zweite Gründer des Spiritanerordens. Da ist es in vielen Ländern Tradition, dass wir uns als Mitglieder der „Kongregation vom Heiligen Geist“ (so der offizielle Name unserer Gemeinschaft in Kurzform) alle an einem Ort mit Freunden und Unterstützern treffen, Gottesdienst feiern und die Gelegenheit zu Begegnung und Austausch nutzen.

So auch wir in der Zentralafrikanischen Republik. Deshalb haben wir uns Ende Januar auf den Weg in die Hauptstadt Bangui gemacht: Prince schon einige Tage früher mit dem Motorrad durch den Kongo, und ich in unserem Einbaumboot mit Außenbordmotor über den Ubangi. Drei Tage hat die Fahrt flussabwärts gedauert, fünf Tage haben wir für den Rückweg gebraucht. Da wir uns mitten in der Trockenzeit befinden, ist das Flussbett an vielen Stellen nur sehr flach, unzählige Sandbänke und Felsen versperren den Weg. Deshalb braucht es am Heck einen erfahrenen Kommandanten, der den Motor steuert, und vorne am Bug einen „médiateur“, einen Wegweiser, der die Fahrrinnen ausfindig macht und anzeigt. Alles hätte ein wunderschöner „Abenteuerurlaub“ sein können, wie die Bilder vielleicht vermitteln vermögen… (wenn Ihr die Maus über die Fotos zieht, erscheinen die entsprechenden Bildunterschriften).

Aber noch herrscht kein Frieden in der Zentralafrikanischen Republik. Acht Flussbarrieren der Anti-Balaka-Kämpfer haben uns immer wieder aufgehalten. Da muss man dann mit Rebellen verhandeln: manche sind einsichtig, sogar nett und freundlich, respektieren die „Piroge der Kirche“ und lassen uns nach einer Stunde Diskussion weiterfahren; andere stehen unter Drogen, sind ungeduldig und aggressiv, hantieren mit ihren Gewehren herum, wollen Geld oder Ware, die auf dem Boot ist. Da bleibt einem nichts anderes übrig als zu zahlen…

Gelohnt hat sich die Reise dennoch: Freunde und Mitbrüder in Bangui treffen, Einkäufe machen, auftanken. Auch wenn die Zeit immer zu kurz ist.