Eine Beerdigung

Schon mehrfach habe ich auf diesem Blog über die hohe Kindersterblichkeit in der Zentralafrikanischen Republik geschrieben; eine traurige Wirklichkeit, die natürlich auch Auswirkungen auf unsere pastorale Arbeit hat.

Eines Tages, frühmorgens, erfuhr ich, dass die kleine Tochter Marie Madeleine unseres Katecheten Vincent in Lembo verstorben war. Es gehört zu den Aufgaben unserer Dorfkatecheten, Verstorbene zu bestatten, aber sein eigenes Kind zu beerdigen ist natürlich nur schwer zu ertragen. So machte ich mich mittags mit dem Motorrad auf den Weg in das kleine Fischerdorf am Fluss.

Das Mädchen war in der Nacht zuvor in dem kleinen Dorfgesundheitsposten gestorben. Der Gesundheitshelfer hatte noch alles versucht, was ihm möglich war: Behandlung der Malaria, Gabe von Antibiotika, aber es war wohl zu spät. Wie so oft.

Als ich in Lembo ankam, saßen schon etliche Männer draußen unter dem Mangobaum versammelt und warteten. Die Frauen hockten in ihre bunten Tücher gehüllt um den kleinen Leichnam herum, der im Haus aufgebahrt war. Das Mädchen war ein knappes Jahr alt geworden.

„Wir müssen noch ein wenig warten, der Sarg ist noch nicht fertig“, ließ man mich wissen. „Kein Problem“, sagte ich, „warten wir ein wenig.“

Zwischenzeitlich verdunkelte sich der Himmel, erste Regentropfen fielen. Dann war der kleine Kasten aus Holz fertig. In einer Prozession sind wir rasch in die Kirche eingezogen, haben das Kind in seinem geöffneten Sarg vor dem Altar aufgebahrt und begonnen, den Auferstehungsgottesdienst zu feiern.

Draußen regnete es mittlerweile in Strömen, das ganze Gotteshaus hallte vom Lärm der unzähligen Regentropfen wider, die auf das Wellblechdach prasselten. Als die Gebete beendet waren, nahm der Regen nur noch weiter zu und schien nicht aufhören zu wollen. Über zwei Stunden haben wir in der Kapelle neben dem kleinen Sarg gesessen, erst dann ließ der Regen etwas nach, und schließlich haben wir die kleine Marie Madeleine beerdigt.

Coronavirus, Teil5

Vor gut zwei Wochen lief in den heute-Nachrichten eine Kurzreportage zur Covid-19 Situation in der Zentralafrikanischen Republik. Von einer „dramatischen Corona-Lage“ war dort die Rede, „denn nur die wenigsten haben Zugang zu den Impfstoffen“.

Eine Nichtregierungsorganisation stiftet Gel zur Hândedesinfektion

Stimmt. Als ich das letzte Mal in Bangui war, habe auch ich nach einer Möglichkeit gesucht, mich impfen zu lassen. Ich bin ins größte Krankenhaus der Stadt gefahren, dem „Hôpital Communautaire“. Dort sagte man mir, der Impfstoff sei seit dem Wochenende verbraucht, ich solle es im „Hôpital Général“ versuchen. Dort angekommen, sagte man mir dasselbe: Kein Impfstoff mehr. Ebenso im Institut Pasteur, im „Hôpital d’Amitié“, im Krankenhaus von Bimbo, im Impfzentrum von Garagba. Die Zentralafrikanische Republik hatte eine Spende von Astra-Zeneca erhalten, aber die reichte grade für ein paar Tage in der Hauptstadt und für einige Impfungen in wenigen ausgewählten Städten des Landes.

Die Zahlen von Neuinfektionen zum Beispiel im Senegal und in Südafrika schnellen in die Höhe, in Bangui sind die paar Betten für Covid-Patienten wieder leer. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums gibt es im Juli kaum festgestellte Infektionen und keine Todesfälle. (vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/COVID-19-Pandemie_in_der_Zentralafrikanischen_Republik).

Die in der heute-Reportage zitierte deutsche Ärztin, die für drei Monate in Bossemptele arbeitet, hat es dann zurecht in die hiesigen Verhältnisse eingeordnet: Angesichts der gigantischen Zahl von Todesfällen aufgrund von Malaria, Durchfallerkrankungen, Tuberkulose, AIDS stellt Covid 19 auch noch im Juli 2021 ein eher kleines Problem der öffentlichen Gesundheit dar. Aber wir wissen natürlich nicht, ob eines Tages eine Variante des Virus vor Ort  explodieren wird.

In Mobaye gibt es aktuell keine Möglichkeit zum Testen und keine Möglichkeit zum Impfen und keine Möglichkeit mit Sauerstoff zu behandeln, sollte es denn zum Ausbruch der Krankheit auch bei uns kommen.

Hoffen wir also weiter, dass wir verschont bleiben…

„Légo ti Mobaye“ – „Die Stimme Mobayes“

Seit Kurzem gibt es eine eigene Radiostation in und für unsere Stadt und ihr Umland: „Légo ti Mobaye“ – „Die Stimme Mobayes“ heißt sie und spielt Musik und sendet Grüße.

Eine Nicht-Regierungsorganisation hilft in mehreren Städten des Landes, lokale Studios aufzubauen, vor Ort „Journalisten“ zu rekrutieren und auszubilden. Noch steckt alles in den Kinderschuhen, aber es funktioniert.

Allerdings gibt es keine „Nachrichten“. Zu riskant wäre es für die jungen Sprecher, über Rebellenbewegungen, Menschenrechtsverletzungen oder Korruption zu berichten. Noch herrscht auf dem gesamten Gebiet der Zentralafrikanischen Republik der Ausnahmezustand, gibt dem hiesigen Militär also jegliche Freiheiten zu schalten und zu walten, wie sie wollen. Und noch ist die Basse-Kotto bis zum Rande gefüllt mit Rebellen, die sich jedoch nicht mehr in den größeren Orten aufhalten, sondern im Busch und in den Wäldern. Keine guten Voraussetzungen für die Pressefreiheit.

Und so spielt der Sender Musik. Und berichtet über die kleinen Dinge des Alltags in unserem Provinzstädtchen. Und verkündet die Namen derjenigen Schülerinnen und Schüler, die an unseren Schulen die Versetzung geschafft haben.

Ein guter Grundstein ist gelegt.

Schüsse und Schule, ein Nachtrag

Am Donnerstag hatte ich Englisch-Unterricht in der neunten Klasse. Wir sind gerade dabei, unregelmäßige Verben kennenzulernen. Ich habe den Schülerinnen und Schülern eine Liste von Tätigkeitswörtern an die Hand gegeben, wie man sie von der letzten Seite in Englisch-Lehrbüchern kennt: Infinitive – Simple Past – Past Participle. „Wählt irgendein Verb aus, das Ihr kennt, und versucht damit, einen Satz zu bilden.“ – Als erstes meldet sich Jean-Pierre zu Wort: „The soldier shot the rebel.“ – „Der Soldat hat den Rebellen erschossen.“

Stimmt, „to shoot – schießen“ war auf der Liste. Er hätte jedoch auch einen Satz mit den Verben „essen, trinken, laufen, gehen…“ bilden können, die standen auch auf der Liste. Hat er aber nicht.

Dieser Moment im Englisch-Unterricht hat mir noch einmal drastisch vor Augen geführt, wie sehr die Lebenswelt unserer Jugendlichen von Gewalterfahrungen geprägt ist…

Schüsse und Schule

Seit gestern ist die Lage wieder entspannter: Verstärkung für die verbliebenen zwölf Soldaten der zentralafrikanischen Armee ist in Mobaye eingetroffen.

In den vergangenen Tagen hatten die Gerüchte immer mehr zugenommen: Die in Zangba versammelten Selekarebellen – man schätzt ihre Zahl auf mehrere Hundert bis dreitausend Mann –  hatten mit einem Angriff auf Mobaye gedroht. Sie hatten erfahren, dass die russischen Söldner und ein Großteil des zentralafrikanischen Militärs nach der Befreiung der Stadt wieder abgezogen waren. Nur der kleine Rest von zwölf Militärs war geblieben. Als ab Samstag die Nachrichten aus Zangba eintrafen, dass immer wieder schwer bewaffnete Rebellen in Richtung Mobaye aufbrachen, und als diese Milizen sagten, sie wollten nun Mobaye zurückerobern, wurden die Menschen unruhig. In solchen Nächten schläft man nicht gut. Vor allem nicht in den frühen Morgenstunden. Dann greifen Rebellen meistens an.

Am Montag haben wir trotzdem Schule gemacht – bis elf Uhr, bis plötzlich Schüler aus einer Grundschule an der Straße nach Zangba wie wild durch die Stadt liefen und schrien „Sie kommen, sie kommen!“ Auch unsere Schüler verließen fluchtartig die Schule. Und eine Massenpanik brach aus. Alle Leute am Ortseingang von Mobaye räumten ihre Häuser, viele flohen wieder über den Ubangi in den Kongo, andere kamen bei Verwandten in anderen Stadtvierteln unter.

Aber nichts geschah.

In der Tat hatten die Rebellen den Fluss zwischen Zangba und Mobaye mehrmals überquert, aber nur um in kleinen Dörfern auf unserer Seite Essen zu stehlen: Schafe, Hühner, Maniok. Geschossen haben sie nicht, und niemand ist bislang zu Schaden gekommen. Nach einem jeden dieser Raubzüge kehren die Rebellen nach Zangba zurück.

Gestern haben wir wieder die Schule geöffnet. Um halb zwölf hatte ich Englisch-Unterricht in der siebten Klasse. „Bumm“. Ein Schuss ganz in der Nähe. „Wir bleiben alle hier, keiner rennt raus.“ Schüler und Schülerinnen in einer Freistunde auf dem kleinen Schulhof gerieten in Panik, einige sind geblieben, andere sind weggerannt. „Wir machen weiter Englisch“, habe ich gesagt. „Bumm. Bumm“. Wieder Schüsse. Es war klar, dass das kein Angriff von Rebellen sein kann, das würde sich von weit her ankündigen. Das war irgendein Soldat, vielleicht, um Diebe zu vertreiben, vielleicht um für Ruhe auf dem Marktplatz zu sorgen, vielleicht auch nur, weil er besoffen war. Wir haben weiter Unterricht gemacht. Natürlich war das kein richtiger Unterricht mehr, aber es ist einfach hochgefährlich, die Kinder in Panik nach Hause laufen zu lassen, ohne zu wissen, woher die Schüsse kommen. Da ist es sicherer, wenn alle erst einmal im Klassenraum bleiben.

Das war nicht das erste Mal, dass wir eine solche Situation in der Schule erlebt haben. Das ist fast Alltag für Schüler und Schülerinnen in der Basse-Kotto, vielleicht sogar in der Zentralafrikanischen Republik. Man merkt, eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen ist komplett traumatisiert durch den Krieg, die Bedrohungslage, die Fluchten, die Ungewissheit, die Gerüchte. Keine idealen Voraussetzungen für die Zukunft des Landes.

Und wer hatte geschossen? – die eintreffende Verstärkung der Soldaten, auf zwei Transportern, die von der Bevölkerung begrüßt wurden. Da haben die Soldaten zurückgegrüßt – und in die Luft geschossen!

Wieder unterwegs mit der Mobilen Klinik

Seit gestern sind wir wieder daheim in Mobaye. Drei Tage lang haben wir mit der Mobilen Klinik in Ndjiagbute gearbeitet, eine Kapellengemeinde, die zu unserer Pfarrei zählt. Diesmal wurde die Kirche zum ambulanten Krankenhaus:

Und wieder kann ich nichts Neues zur militärisch-politischen Lage schreiben. Aus Alindao und Mobaye sind die Seleka-Rebellen vertrieben, in allen anderen Zentren und Gegenden der Basse-Kotto sind sie jedoch weiterhin präsent, vor allem im Busch und in den Wäldern. Von dort aus errichten sie spontan Straßensperren und rauben Reisende aus. Letzte Woche haben sie in der Nähe von Alindao einen Konvoi von mehreren Fahrzeugen gestoppt, die auf der Rückreise von einer großen Kirchenversammlung der Elim-Kirche in der Basse-Kotto waren. Wütend über ihre derzeitige Lage haben sie die Autos nicht beschlagnahmt, sondern die Reisenden ausgeraubt und die Wagen dann in Flammen aufgehen lassen. Deshalb bleiben uns die Wege im Bistum weiterhin versperrt. Nur im Süden, entlang des Ubangui, können wir uns bewegen, am sichersten auf dem Fluss. Wer heute in einer von den Rebellen befreiten Gegend lebt, bleibt am besten dort; wer in einer Gegend lebt, die von Rebellen weiter besetzt ist, bleibt am besten dort. Das Pendeln zwischen den Lagern ist gefährlich, und für einen „Weißen“ besteht die Gefahr, dass die Rebellen ihn für einen Spion der verhassten russischen Söldner halten könnten…

Einsatz mit der Mobilen Klinik am Fluss

Noch können wir keine Touren mit der Mobilen Klinik auf dem Landweg unternehmen, denn in einigen Regionen unserer Diözese haben weiterhin die Seleka-Rebellen das Sagen. Und sie sind aggressiver geworden. An Straßensperren, an denen sie uns vorher ohne weiteres durchließen, verlangen sie für die Weiterfahrt eines Fahrzeugs heute astronomische Summen. Der Wagen einer Nichtregierungsorganisation hat neulich 70.000 FCFA bezahlt, das sind in etwa 106 Euro. Das Risiko können wir nicht eingehen, denn wer weiß? – Vielleicht würden sie gleich das ganze Auto beschlagnahmen, wie sie es zuvor schon so oft mit Fahrzeugen der Kirche getan haben.

Aber zwei der Dörfer, die wir für unsere mobile Klinik ausgewählt haben, liegen am Fluss: Koungrembozo am Ubangui und Nganda an der Kotto. (Der Fluss hat unserer Präfektur übrigens ihren Namen gegeben: Basse-Kotto, d.h. Niederkotto. Wie der Niederrhein.)

Wir sind mit unserem Team am Donnerstag, dem 13. April um 9.00 Uhr aufgebrochen. Mittags hatten wir unser erstes Ziel erreicht: Libanga, die äußerste Kapellengemeinde unserer Pfarrei von Mobaye flussaufwärts. Schwere Regenwolken waren uns gefolgt, und so waren wir auch erst eine knappe halbe Stunde vor Ort, da prasselte ein tropischer Platzregen vom Himmel. Abends haben wir dann den Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt in der kleinen Dorfkapelle gefeiert.

Am nächsten Morgen ging es weiter. Diesmal waren wir sechs Stunden bei sengender Sonne auf dem Fluss unterwegs. Nachmittags erreichten wir unser zweites Ziel: Koungrembonzo. Der Dorfchef hat sein Haus geräumt, wir haben uns eingerichtet und am nächsten Morgen ging die Arbeit der Mobilen Klinik los: Innerhalb von zwei Tagen haben wir 167 Patienten behandelt.

Während der Sprechstunde begegnet uns die gesamte Palette tropischer Krankheiten: An erster Stelle steht, wie immer, die Malaria, gefolgt von Infektionen des Verdauungstraktes mit Bauchschmerzen, Durchfall, Blut im Stuhl. Leider können wir nur aufgrund des klinischen Bildes behandeln, eine Stuhluntersuchung wäre natürlich enorm hilfreich. Aber so vermuten wir in den allermeisten Fällen Würmer, Amöben, krankmachende Bakterien und Billharziose als Ursache der Beschwerden und geben entsprechende Medikamente. Andere große und kleine Patienten kommen mit Entzündungen der Atemwege, der Haut oder der Augen. Aber auch Bluthochdruck und Magenschleimhautentzündungen begegnen uns bei den Untersuchungen.

Meist können wir medikamentös eingreifen und einigermaßen gut behandeln, manchmal aber auch nur Symptome lindern (z.B. bei Rückenbeschwerden) oder auch gar nichts tun (z.B. bei Blindheit).

Am Montagmorgen ging es dann weiter: wir sind den Ubangi weiter stromaufwärts gefahren und auf Höhe von Limassa in die Kotto eingefahren. Gegen Mittag hatten wir unser Ziel erreicht: Nganda. Ein sehr großes Dorf ohne Gesundheitsversorgung, der nächste Posten in ca. 15 Kilometer Entfernung. Für europäische Verhältnisse kein Problem, wenn der Arzt in 15 Kilometer Entfernung seine Praxis hat. Im afrikanischen Busch dagegen eine Wirklichkeit, die Leben kostet. Ohne Straßen, ohne Auto oder Motorrad ist der Transport eines Kranken sehr schwierig. Und das nächste Krankenhaus, in dem ein Notfall-Kaiserschnitt vorgenommen oder eine Bluttransfusion gegeben werden kann, befindet sich in 55 Kilometer Entfernung. Ohne Auto oder Motorrad…

Auch in Nganda haben wir zwei Tage lang gearbeitet. Manchmal begegnen uns in der Sprechstunde auch kuriose Fälle, die für die Betroffenen großes Leid bedeuten.

Ein kleiner Junge hatte sich beim Verzehr von Erdnüssen eine kleine Nuss und die Nase gesteckt und irgendwie weit in die Nasenhöhle vorgeschoben. Von dort ließ sie sich nicht mehr entfernen. Eiter bildete sich, grub sich eine Fistel bis unter das Augenlid und schwemmte nach einigen Wochen die Nuss wieder aus. Der Eiterherd und die Fistel bestehen auch heute noch, Monate nach dem Unfall. Unaufhörlich fließt der Eiter, man riecht es auf Entfernung. Hin und wieder kaufen die Eltern ein Antibiotikum. Dann stoppt das Ganze etwas, um nach einigen Tagen aber wieder neu zu beginnen. Die einzige erfolgversprechende Behandlung ist jetzt die chirurgische Ausräumung, aber dafür braucht es Bangui. Und dafür braucht es Sicherheit auf den Straßen. Aber die existiert nicht, und deshalb können wir mit dem Wagen bis auf unabsehbare Zeit auch nicht in die Hauptstadt fahren, um den Jungen zu evakuieren. Die Rebellion fordert überall ihre Opfer, auch wenn ein kleiner Junge in einem abgelegenen Ort sich eine Erdnuss in die Nasenhöhle steckt…

Am achten Tag ging es zurück, flussabwärts, und gegen 15 Uhr erreichten wir wohlbehalten unser Mobaye.

Freitag geht es wieder auf Tour mit der Mobilen Klinik, diesmal allerdings „nur“ über ein verlängertes Wochenende.

Weiter Gefechte

Nun wird es Zeit, Euch wieder mithilfe dieses Blogs über die jüngsten Ereignisse in der Basse-Kotto zu informieren. Aus Sicherheitsgründen kann ich das aber nur in groben Strichen tun; viele Einzelheiten möchte ich nicht veröffentlichen, um niemanden zu gefährden.

Die Offensive des zentralafrikanischen Militärs mit entscheidender Unterstützung russischer Söldnertruppen geht weiter. Stadt um Stadt, in der noch Rebellengruppen das Sagen haben, soll befreit werden. Meist fliehen die militärisch viel schwächer ausgerüsteten Rebellen schon vorher, manchmal kommt es auch zu blutigen Gefechten.

Bei uns in Mobaye hatten wir seit April auf den Einmarsch der Alliierten gewartet. Jeder versuchte, die Rebellen zu überzeugen, dass es besser sei, die Stadt so rasch wie möglich zu verlassen. Einige haben das getan, manche sind über den Ubangi in den Kongo geflohen, aber die meisten haben bis zur sprichwörtlich letzten Minute gewartet. Am Vormittag des 4. Mai war es soweit. Seit einigen Tagen lag Anspannung in der Luft, und ab Mittag begannen die Rebellen, in aller Hektik ihre Sachen und Waffen zusammen zu packen und die Stadt zu verlassen, zu Fuß oder mit Motorrad.

Gegen 14 Uhr 30 hörten wir die ersten Schießereien. Eine halbe Stunde später war Mobaye in der Hand der Russen. Dann durchkämmten die Söldner zusammen mit zentralafrikanischen Soldaten Viertel um Viertel. Die Bilanz: Zwei Tote, nämlich ein Seleka-Kämpfer und ein Mann, der sich in seinem Haus eingeschlossen und die Tür nicht schnell genug geöffnet hatte, als die Russen ihn dazu aufforderten. Da haben sie geschossen. Der Ausnahmezustand rechtfertigt alles…

Am späten Nachmittag bin ich dort vorbeigegangen. Familie und Freunde hatten den Mann vor seinem Haus aufgebahrt. Er war seit einigen Jahren desorientiert gewesen, litt unter Persönlichkeitsstörungen. Jeder in der Stadt kannte ihn. Am nächsten Morgen, nach der Messe, habe ich ihn beerdigt.

Am folgenden Tag gingen die Hausdurchsuchungen weiter. Dabei haben die Militärs einen jungen verletzten Seleka-Rebellen aufgespürt, der am Vortag angeschossen worden war und sich nun versteckt hielt. Den haben sie festgenommen und am nächsten Tag erschossen. Gefangene werden nicht gemacht. Ausnahmezustand eben…

Am Freitag sind die Russen wieder abgezogen und haben sich auf den Weg nach Bangassou gemacht. Ungefähr zwanzig Soldaten der zentralafrikanischen Streitkräfte sind geblieben. Die haben zwei Tage später einen muslimischen Kaufmann verhaftet. Er hatte mit den Selekas jahrelang satt kollaboriert, manchmal sogar ihre Uniform getragen und an ihrer Seite gekämpft und geplündert. Sieben seiner Kinder sind Schüler in unserer Grundschule. Den haben sich auch erschossen. Ausnahmezustand eben…

Seitdem versucht die Bevölkerung, nach acht Jahren Rebellenherrschaft wieder ein „normales Leben“ zu beginnen. Aber so einfach geht das nicht. Soviel innere Verletzungen, Wut und Zorn, das Wissen um Mitläufertum, Verrat, Betrügereien und Diebstahl, soviel Täter und soviel Opfer zugleich…

Politisch-militärisch ist zudem noch nichts gelöst: Hunderte von Seleka-Rebellen, die aus Kwango, Alindao und Mobaye vor den Russen geflohen sind, warten jetzt in Zangba, 50 Kilometer westlich von Mobaye, dort, wo unser Krankenhaus steht, auf das Eintreffen der Alliierten. Es heißt, sie wollen es auf einen letzten Kampf ankommen lassen. Aber das ist absurd, das wäre nichts weiter als ein sinnloses Massaker, denn militärisch sind sie den Russen mit deren Kriegstechnologie (zum Beispiel werden Drohnen eingesetzt) weit unterlegen.

Gibt es Hoffnung auf Verhandlungen? Zurzeit nicht. Weiter gilt die Devise der russischen Politik in Zentralafrika, die ich im März auf diesem Blog zitiert habe: „Gespräche können erst beginnen, wenn das Land, das zur Zeit von bewaffneten Gruppen beherrscht wird, vollständig befreit ist.“

Auch in anderen Orten der Basse-Kotto regieren weiter die Seleka-Rebellen: in Kongbo, Dimbi, Kembe, Mingala. Und sie sind unberechenbarer geworden. Sie verstecken sich in den Wäldern und haben vereinzelt angefangen, Dörfer und Fahrzeuge auszurauben. Gegen diesen beginnenden Guerillakrieg können auch russische Söldner kaum etwas tun.

Für mich bleibt unsere „Befreiung“ eine zweischneidige Angelegenheit. Ein Gefühl der Erleichterung will sich auch heute noch nicht einstellen.

Von Kindern und Jugendlichen mit Epilepsie

„Kobela ti makako“ heißt die Krankheit auf Sango: „Affenkrankheit“, und gemeint ist die Epilepsie. Schön finde ich die Bezeichnung nicht, ich finde sie verletzend und herablassend, aber wenn man den französischen Begriff „épilepsie“ verwendet, wird man in den Dörfern nicht verstanden.

Die Epilepsie ist weltweit verbreitet, sie kommt in Afrika sogar vier bis fünf Mal häufiger vor als in Europa. Ihre Ursachen sind vielfältig: genetische Veranlagung, Geburtskomplikationen, Hirninfektionen, Verletzungen. Oder aber man kennt den Auslöser einfach nicht. In Afrika kommen vor allem noch  zwei weitere Erkrankungen hinzu, die auf Dauer die epileptischen Anfälle auslösen können: eine überlebte Malaria mit Beteiligung des Gehirns und Zysten des Schweinebandwurms, die sich im Gehirn ablagern. Wenn ein Kind plötzlich das Bewusstsein verliert, zu Boden stürzt, mit den Zähnen knirscht usw., dann können wir hier diagnostisch kaum etwas machen. Es gibt keinen Scanner, um „ins Hirn zu schauen“, kein EEG, es bleibt nur die Schilderung dessen, was passiert ist.

Das Medikament, das bei uns am häufigsten verschrieben wird ist das „Phenobarbitol“. Es scheint bessere Medikamente zu geben, ärmer an Nebenwirkungen, effizienter in der Wirkung. Aber „Phenobarbitol“ ist am günstigsten, und das Gesundheitspersonal vor Ort hat damit die meiste Erfahrung.

Jedoch: seine Beschaffung ist schwierig. Nur selten ist es in der Krankenhausapotheke von Mobaye zu bekommen; selbst in Bangui finden wir es manchmal erst in der sechsten oder siebten Apotheke, die wir aufsuchen. Zudem benötigt der Patient eine größere Menge, denn die Medizin muss über Monate und Jahre eingenommen werden, da braucht es einen langen Atem.

Deshalb haben wir in Mobaye ein kleines Projekt gestartet, es läuft seit nunmehr schon einem Jahr: die Betreuung von epilepsiekranken Kindern und Jugendlichen. Wir unterstützen mit Mut machenden Worten, Ratschlägen, Gebet und Phenobarbital. Die Kosten hierfür bestreiten wir aus Euren Spendengeldern – deshalb auf diesem Wege wieder ein großes Dankeschön dafür!

Zudem sind von Epilepsie betroffene Kinder vielen Gefahren ausgesetzt; die größten lauern am Feuer und im Wasser. Gekocht wird bei uns überall auf offener Flamme. Mädchen, Frauen (und die kleinen Kinder) hocken beim Kochen stundenlang um’s Feuer. Wenn es dann zu einem Anfall kommt, stürzen die Betroffenen manchmal direkt hinein oder fallen auf den Topf mit heißem Wasser oder siedendem Palmöl und erleiden so zum Teil schwere Verbrennungen. Die andere Bedrohung geht vom Fluss aus. Sich waschen, Wäsche waschen, in einer Piroge fischen gehen, unsere hiesige Kultur kreist geradezu um die „Lebensader Fluss“. Immer wieder stürzen Kinder während eines Anfalls ins Wasser und ertrinken.

Zu den akuten Gefahren kommen die Langzeitfolgen der Krankheit. Jeder Anfall zerstört Gehirnzellen und führt zu neurologischen Schäden, die sich nicht mehr reparieren lassen.

Und noch eines: Das Stigma. Wenn man eine Krankheit nicht schlüssig erklären kann, dann ist es immer… ein böser Geist oder ein Fluch. Und ein jeder kennt die Geschichten aus der Bibel, in denen Jesus die Kranken heilt, die von einem Dämon besessen sind, und eben dieselben Symptome zeigen wie von Epilepsie Betroffene. Dann ist da schnell von Magie und Hexerei die Rede.

Keines der Kinder ging zu Beginn der Behandlung in die Schule. Wenn ein Schüler oder eine Schülerin einen Anfall während des Unterrichts erleidet, dann macht das erst einmal Angst. Das ist verständlich. Aber auch da ist es unsere Aufgabe, Eltern und Schulleitung zu überzeugen, dass auch epilepsiekranke Kinder ein Recht auf Bildung haben.

Auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt, machen wir weiter. Unsere Arbeit ist immer „nur“ ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Befreiung, Gewalt und Ungewissheit

Seit meinem Eintrag vom 1. April hat sich in militärisch-politischer Lage nichts geändert. Während es in Bangui einigermaßen „ruhig“ ist – der Ausnahmezustand gilt weiter und eine Ausgangssperre herrscht ab 20 Uhr – , gehen die Militäraktionen im Landesinneren weiter. Die Regierung bleibt entschlossen, die Rebellenverbände überall gewaltsam zu „neutralisieren“. Dazu agieren das zentralafrikanische Militär zusammen mit russischen Milizen und ruandischen Truppen, allerdings losgelöst und völlig unabhängig von den Kontingenten der Vereinten Nationen, der Minusca.

In Mobaye bleiben die Rebellen vor Ort. Noch verlassen sie die Stadt nicht. Ständig machen Gerüchte die Runde, dass es in den nächsten Stunden oder Tagen zum Eintreffen der Alliierten komme. Doch nichts passiert. Diese Ungewissheit des  Wartens ist zermürbend und reibt auf. Einige Leute haben ihre Sachen wieder zusammengepackt und sind in den Kongo übergesetzt, wie auch schon vor vier Jahren, im Jahr 2017.

Die Regierung lässt täglich per sms über die Mobilfunkanbieter dieselbe Botschaft verbreiten: „Landsleute, seid wachsam! Meldet jede verdächtige Person, die die öffentliche Sicherheit gefährden könnte, an die folgende Nummer…“

Ich bin noch bis morgen, Montag, in Bangui; die Lage in der Basse-Kotto bleibt weiterhin sehr angespannt. (Auch wenn wir das im Alltag dann verdrängen…)