Das Drama der Mbororos

Der Krieg im Herzen Afrikas wird angeheizt von ausländischen „Warlords“ – Kriegsherren, die in ihren Herkunftsländer (Tschad, Niger, Sudan) keine leichte Beute machen können und sich deshalb auf das schwächste und instabilste Land der Region stürzen, die Zentralafrikanische Republik. Schwach und instabil ist unser Land vor allem deshalb, weil es zum Spielball geopolitischer Interessen geworden ist, ein Nebenkriegsschauplatz, auf dem sich Franzosen, Chinesen, Amerikaner und seit kurzem auch Russen tummeln. Es geht um Gold, Diamanten, Erdöl und um neuen militaro-politischen Einfluss der Weltmächte. Und lokale korrupte politische Eliten mischen kräftig mit.

Aber wie motiviert man ein Volk zum Krieg, das eigentlich gar keine Lust auf Krieg hat? – Man gießt das Öl von Religion und ethnischer Identität ins Feuer! In diesem Blog hatte ich schon mehrfach davon geschrieben, dass der Name Gottes auf islamischer sowie auf christlicher Seite instrumentalisiert und missbraucht wird. Ähnliches geschieht im Namen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe. Hier am Südrand des Landes leben vor allem drei ethnische Gruppen: die Sangos, ein traditionelles Volk von Fischern, deren Lebensader der Ubangi-Fluss ist, die Ngbugus, eine große Gruppe, die traditionell vom Ackerbau lebt, und die Mbororos oder auch Peuls genannt, ein (halb-)nomadisches Volk von Viehzüchtern, das in verschiedene Untergruppen aufgespalten über ganz West- und Zentralafrika verbreitet lebt. Sie sind es bis zum Ausbruch des Krieges gewesen, die das Land mit Fleisch- und Milchprodukten versorgten.

Zwei Aufnahmen aus dem Jahr 2011, als ich als „Missionar auf Zeit“ in Alindao gearbeitet habe. Bei unseren  Touren im Busch begegneten uns immer wieder die umherziehenden Mbororos mit ihren Rinderherden.

Während Sangos und Ngbugus zum großen Teil Christen sind, in etwa gleichermaßen auf die katholische und die evangelischen Kirchen verteilt, haben die Mbororos schon früh den Islam angenommen, allerdings sind Elemente ihrer traditionellen Religion weiterhin stark in ihrem Alltag verankert.

Neben der religiösen Identität pfropft sich seit Ausbruch der Rebellion auch die ethnische Zugehörigkeit auf den Konflikt auf.

Der Begriff „Seleka“ bezeichnet in der Nationalsprache Sango ein Bündnis, eine Allianz. Die Rebellen hatten sich in 2013 diesen Namen gegeben, weil sie selbst ein Zusammenschluss verschiedener bewaffneter Gruppierungen waren und sind, die zunächst nur das eine Ziel einte, den Sturz des damaligen Präsidenten Bozize. Die Rebellengruppe, die unsere Region der Basse-Kotto in ihre Gewalt gebracht hat, nennt sich UPC – „Union pour la Paix en Centrafrique“ – „Union für den Frieden in der Zentralafrikanischen Republik“. (Alle Namen der verschiedenen Seleka-Fraktionen sind makabrer Zynismus. Es handelt sich ausnahmslos um Mörderbanden.)

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Die UPC setzt sich zu 90% aus Angehörigen der Volksgruppe der Mbororos zusammen. Schon ihr äußerliches Erscheinungsbild verrät ihre ethnische Zugehörigkeit. Und jetzt passiert folgendes: Die Viehhirten im Busch werden mit den Seleka-Rebellen gleichgesetzt. Auf eine Kurzformel gebracht, die religiöse, ethnische und politische Zugehörigkeit zusammenwirft, heißt das dann:

Mbororo = Muslim = Seleka-Rebell = Feind der Sangos und Gbugus = Feind der Christen.

Die Gemengelage von Wahrheit und Verleumdung in dieser Gleichung ist unüberschaubar, die Wirklichkeit hochkomplex. Mbororos haben mit den Rebellen kollaboriert, Selekas haben die Viehherden der Mbororos zu Tausenden geplündert. Beides ist wahr.

Die im Busch lebenden Mbororos wurden rasch zu lebendigen Zielscheiben der „Anti-Balaka“-Milizen. Viele fanden einen gewaltsamen Tod. Männer, Frauen, Kinder, die niemals eine Waffe in die Hand genommen haben, starben.

Geflohen sind sie dann in die Dörfer, die in der Hand der Seleka-Rebellen waren und bis heute sind. Was sollten sie auch anderes tun? Aber da wartete der Hunger auf sie. Und tötete nochmals viele unter ihnen. Innerhalb der ersten Jahreshälfte 2018 sind knapp 300 Mbororos in Langandji, einem großen Dorf etwa 25 Kilometer von Mobaye entfernt, verhungert.

Mbororo-Kinder dieser Tage in Mobaye. Unterernährt.

Die Nichtregierungsorganisation AHA hat sie in großer Zahl irgendwann einmal, als die Straße wieder offen war, nach Mobaye geholt. Ohne allerdings nachhaltig für sie zu sorgen. Hilferufe wurden nach Bangui gesandt, damit PAM, das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen, so rasch wie möglich zur Hilfe kommt. Es ist bei den ausgefüllten Formularen geblieben. Auch in unserer Stadt sind Menschen den Hungertod gestorben.

Fortsetzung folgt

Die Magie und der Krieg

Nein, es herrscht noch kein Friede in der Zentralafrikanischen Republik. Noch lange nicht. Und eines der Pulverfässer bleibt die Basse-Kotto, unsere Präfektur, irgendwo vergessen am südlichen Rand des Landes.

Die Rebellion ist wie ein Waldbrand in der Sommerhitze. Ist eine Feuerstelle nach schwerer Arbeit gelöscht, flackern zwei, drei neue Brandherde an anderer Stelle wieder auf. Die schwer bewaffneten Seleka-Rebellen bekommen immer neue Kalaschnikows, geliefert über dunkle Wege aus dem Sudan, dem Tschad oder dem Kongo, direkt von gegenüber.

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Spuren von „Impfungen“ mit „yoro“ am Unterarm eines jungen Mannes. Andere sind mit Narben am ganzen Körper übersät.

Die Gegenbewegung aus dem Volk, die „Anti-Balaka“-Milizen rüsten teilweise ebenfalls auf – und vor allem: einige der jungen Männer „ritzen“ sich weiter. Mit einem scharfen Messer fügen sie sich kleine blutende Verletzungen zu, auf die sie dann ihr „yoro“ streuen. „Yoro“ bezeichnet im Sango ganz allgemein einen pharmazeutischen oder auch magischen Wirkstoff; das kann eine Tablette Paracetamol sein, das können zerstampfte Heilkräuter sein, das kann aber auch ein Gemisch von Pflanzen sein mit berauschender oder lähmender Wirkung. Drogen eben. Untersetzt mit Staub aus menschlichen Knochen. Zubereitet von einem „marabu“, einem Mann, der die Schwarze Magie beherrscht. Das ist die „Waffe“ der „Anti-Balaka“-Kämpfer. Mit diesem „yoro“ ausgestattet glauben die jungen Leute, dass die Kugeln der Feinde ihnen nichts anhaben können… Was dagegen Wirklichkeit ist: Wer unter dieser „magischen Droge“ steht, gerät rasch in Zorn, zittert am ganzen Körper, ist in Sekundenschnelle zur Gewalt bereit. Ich habe des mehrmals erlebt. Und ehemalige „Anti-Balakas“ sagen mir, dass, wenn sie unter „yoro“ standen, sie niemals einem Muslimen die Hand hätten reichen können, geschweige denn einem Seleka-Rebellen.

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In einem Dorf trägt der Lektor demonstrativ ein Hemd mit aufgesticktem Logo einer „Anti-Balaka“-Gruppierung, der „R.D.R.“

Wer mit der Kolonialgeschichte Afrikas ein wenig vertraut ist, dem kommt das alles sehr bekannt vor. In den Kämpfen um Unabhängigkeit von europäischen Imperialmächten spielte die Kraft der Magie und der oft trügerische Glaube an sie immer eine große Rolle – auch wenn das viele, viele Todesopfer forderte.

Umgangssprachlich wird dieser Vorgang, den manche „Anti-Balakas“ regelmäßig wiederholen, mit „se faire vacciner“ (französich für „sich impfen lassen“) bezeichnet. Das führt dazu, dass, wenn Du heute jemanden in der Basse-Kotto fragst „Bist Du geimpft?“, niemand mehr an Kinderlähmung oder Tetanus denkt, sondern an die Entscheidung, ob Du auf Seiten der „Balakas“ kämpfst oder nicht.

Es gibt solche, die die Waffen nicht niederlegen und sich kontinuierlich „impfen“. Es gibt aber auch solche, die sagen „Es reicht. Ich mache das nicht mehr“.

So haben in der vergangenen Woche besonnene „Anti-Balakas“ in dem Dorf Ngouala, etwa 15 Kilometer von Mobaye entfernt, sich von einer Gruppe schwer bewaffneter Seleka-Rebellen eben nicht provozieren lassen und somit ein Blutbad verhindert. Vier Tage später habe ich den Ort besucht, bin zum Stützpunkt der Milizen gegangen, habe mich mein Kommandanten bedankt und ihn ermutigt, sich nicht in den Strudel von Rache und Vergeltung hineinziehen zu lassen.

Unter den „Anti-Balakas“ gibt es eben alle Schattierungen: patriotische Freiheitskämpfer, manipulierte Mitläufer aber auch gewissenlose Mörder.

All dies ist eine enorme pastorale Herausforderung, nicht so sehr in der Stadt Mobaye, sondern vor allem in den vielen kleinen Außenstationen, die zu unserer Pfarrei gehören. Wie eben das Dorf Ngouala. Ein Teil auch unserer Christen hat sich dem Ritus des „Impfens“ unterzogen, einige von ihnen haben sich sogar aktiv an den Kämpfen beteiligt. Widerstand gegen Rebellen ist legitim, Notwehr erst recht. Aber wenn aus der anfänglichen Entschlossenheit, sein Land zu verteidigen, allmählich marodierende Räuberbanden entstehen, dann hat das keine Berechtigung mehr.

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Tauffeier am vergangenen Sonntag in Goumanda: Einige der Täuflinge sind Kinder von ehemaligen oder noch aktiven „Anti-Balaka“-Rebellen

Deshalb haben wir in den ersten Monaten des Jahres viele Gruppen-Wochenenden in der Pfarrei organisiert, um unseren Leuten zu zeigen, dass für einen Christen der Weg der Gewalt und Gegengewalt keine Option ist. Jetzt sind wir mittlerweile jede Woche zu Fuß zwei, drei Tage auf dem Land unterwegs, um unsere Außenstationen zu besuchen, um Gottesdienst zu feiern und um immer wieder die Geschichte von Kain und Abel in Erinnerung zu rufen:

„Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders? Der Herr sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders erhebt seine Stimme und schreit zu mir vom Erdboden.“ (Gen 4,9f)

Fabien

Wenn man den Begriff „tropische Erkrankungen“ hört, dann denkt man zuerst an die Malaria oder andere von sonstigen Parasiten, Viren, Bakterien oder Würmern hervorgerufene Krankheiten. Völlig zu Recht. Infektionen jeglicher Art machen gefühlte 80% der Gründe aus, weshalb jemand in der Zentralafrikanischen Republik einen Gesundheitsposten aufsucht.

Aber auch andere Krankheitsbilder, die in Deutschland vorherrschend sind, gibt es hier: Chronische Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Allergien. Und auch: Krebs.

Da ist ein Tumor, der unter Kindern in Afrika besonders häufig auftritt: das Burkitt-Lymphom. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Non-Hodgkin-Lyphom, das heißt eine Wucherung des Lymphsystems, die bei den kleinen afrikanischen Patienten am häufigsten im Bereich des Kiefers auftritt.

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Der elfjährige Fabien aus einem Dorf ungefähr dreißig Kilometer von Mobaye entfernt leidet unter diesem Tumor seines Immunsystems. Rebellion und Bürgerkrieg hatten im vergangenen Jahr auch seine Familie zur Flucht in den Kongo gezwungen. Im Krankenhaus von Gbadolite – wir hatten ihn dort aber nicht getroffen – wurde die Erkrankung richtig diagnostiziert, und der UNHCR (das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, über das ich in einem früheren Eintrag schon einmal kritisch berichtet habe) versprach, den Jungen zur Behandlung in die Hauptstadt Kinshasa zu bringen.

Doch wie so häufig ist es bei leeren Worten geblieben.

Vor ein paar Monaten ist Fabien mit seiner Familie wieder in sein Dorf zurückgekehrt. Der Vater hat ihn von dort aus ins Krankenhaus von Mobaye gebracht, wo unser hiesige Arzt ihm nur sagen konnte, dass, wenn Fabien am Leben bleiben soll, er sofort nach Bangui gebracht werden müsse.

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Da traf es sich gut, dass wir im Einbaumboot zur Priesterweihe von Prince fahren wollten, denn so konnten wir Vater und Sohn mit auf die Reise nehmen. Mama Marie-Antoinette, die Leiterin unseres kleinen Krankenhauses in Zangba war auch mit dabei, und so hat sie den Jungen in das große „Hôpital Général“ der Hauptstadt begleitet.

Die Kinderstation ist in einem relativ guten Zustand. Dank… Papst Franziskus! Als dieser im November 2015 die Zentralafrikanische Republik besuchte, legte er den Grundstein für die Zusammenarbeit zwischen dem vatikanischen Kinderkrankenhaus in Rom und der hiesigen Einrichtung. Diese Kooperation, verstärkt durch eine weitere Nichtregierungsorganisation, die im medizinischen Bereich tätig ist, erlaubt eine weitgehend kostenfreie Behandlung in der pädiatrischen Abteilung.

Endlich. Seit nunmehr drei Tagen erhält Fabien seine Chemotherapie. Gestern Nachmittag habe ich noch kurz mit ihm telefoniert. Es geht ihm soweit gut, sein Vater sagt, er verträgt die Medikamente (noch) ohne Probleme.

Niemals könnte die Familie von Fabien ein solches Unternehmen „Tumorbehandlung in der Hauptstadt“ bezahlen. Aber mit Eurer Hilfe (und der von Papst Franziskus) hat der Junge vielleicht noch eine Chance, denn Eure Spendengelder fließen auch hierhin. Selbst wenn der stationäre Aufenthalt und die Medikamente kostenfrei sind, so müssen doch externe Laboruntersuchungen, Lebensmittel, das kleine Handy und die vielen kleinen Dinge des Alltags gekauft und bezahlt werden. Auch das geschieht mit den Euros, die Ihr nach Knechtsteden überweist. Ich weiß: Auf diesem Blog schreibe ich viel zu selten davon. Aber an vielen kleinen Orten, bei vielen kleinen Gelegenheiten erlaubt Eure Hilfe, Hoffnung zu stiften. Ganz unbürokratisch und zumeist ganz unauffällig.

Wie gesagt, vielleicht hat Fabien ja noch eine Chance. Laut meinem dicken Wälzer „Tropenmedizin in Klinik und Praxis“ liegt seine 10-Jahre-Überlebensrate bei 50-90%, je nach Metastasenbefund, den ich aber nicht kenne. Ihr könnt ja mal eine Kerze für ihn anzünden.

 

 

 

 

Eine Primiz in Mobaye

Mittlerweile ist P. Prince wieder nach Mobaye zurückgekommen. Als neugeweihter Priester heißt das dann: Eine Reihe von Primizen feiern. Eigentlich bezeichnet man mit „Primiz“ die erste Eucharistiefeier, der ein Priester nach seiner Weihe vorsteht. Logischerweise kann das ja nur eine sein; aber in der katholischen Welt kann man die auch vervielfachen.

So hat Prince am vergangenen Sonntag seine „Primiz“ in Mobaye gefeiert. Die Eucharistiefeier war ein großes Ereignis für unsere kleine Stadt, denn noch stehen sich verfeindete Rebellengruppen in der Basse-Kotto gegenüber. Nur bei uns in Mobaye leben sie nebeneinander, ohne Krieg zu führen. Und so wurde die Primiz von Prince auch ein politisches Ereignis, das heißt, eine Gelegenheit, den Zusammenhalt der Bevölkerung zu demonstrieren und „Nein“ zu dieser verfluchten Rebellion zu sagen. Deshalb waren alle eingeladen: die politischen Vertreter der Stadt, die Pastoren der verschiedenen evangelischen Kirchen, der Imam mit Repräsentanten der muslimischen Gemeinde, die Angehörigen der drei Nichtregierungsorganisationen, die in Mobaye arbeiten, der Kommandant der Blauhelmsoldaten und die Generäle der Seleka- und der Anti-Balaka-Rebellen. Letztere machen mir immer Bauchschmerzen. Die, die das Land kaputt machen, bekommen beim Mittagessen nach der Messe auch noch einen „Ehrenplatz“. Aber wir müssen „gute Miene zum bösen Spiel machen“, damit die Gewalt nicht eskaliert, damit wir weiter Kontakt zu beiden bewaffneten Gruppen halten können.

(Zur Erklärung wieder die Maus über die Fotos ziehen:)

Gottesdienste sind dann immer Gelegenheiten, den Alltag für einen Moment beiseite zu legen und das Leben zu feiern. Und das können die Leute hier…

In diesen Tagen besucht P. Prince noch mehrere Außenstationen, bevor er in der kommenden Woche wieder nach Bangui fliegt. Da darf er dann weiter „Primizen“ feiern…

 

 

 

Eine Priesterweihe in Bangui, Teil 2

Zusammen mit zwei Diakonen von der Ordensgemeinschaft der „Gesellschaft der Afrikamissionen“ (sma) ist P. Prince vor drei Wochen in der Kathedrale von Bangui zum Priester geweiht worden. Hauptzeleberant war Bischof Richard Appora aus Bambari.

An den dreistündigen Gottesdienst schlossen sich mehrere (!) Empfänge und Feiern an. Die im Familienkreis wurde von einer traditionellen Musikgruppe mitgestaltet.

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Am nächsten Morgen, am Sonntag, dem 17. Juni hat er seine Primiz gefeiert, und zwar in unserem Provinzhaus St Charles. Das ist zwar keine Pfarrei, aber im Laufe der Jahre hat sich eine große Gemeinde um unsere kleine Spiritanerkommunität gebildet, die fast so etwas ist wie eine „Pfarrgemeinde“ geworden ist. Jeden Sonntag findet dort ein Gottesdienst unter freiem Himmel statt – so auch die erste Messe von Prince.

Zeitgleich mit seiner Weihe und Primiz fand auch der Besuch von zwei unserer Generalräte aus Rom statt. Wie jeder Orden sind auch wir Spiritaner etwas hierarchisch strukturiert. Die oberste Ordensleitung befindet sich in Rom, an ihrer Spitze steht der Generalobere, neben ihm ein erster und ein zweiter Assistent sowie einige Generalräte.

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Gruppenfoto mit den beiden Generalräten P. Bede (ganz rechts) und P. Alain (rechts neben mir)

Der erste Assistent, Pater Bede aus Nigeria, und ein Generalratsmitglied, Pater Alain aus dem Kongo sind auf Visitation gekommen. Vorgesehen war auch ein Besuch in Mobaye, aber aufgrund der ungewissen Lage war das nicht möglich. Deshalb haben wir uns in Bangui getroffen und viel über unsere Situation gesprochen. Vor allem auch über die Zukunft der Spiritanerpräsenz in Mobaye. Wir sind eben nur sehr wenig Mitbrüder, aber unsere Mission hier in der Basse-Kotto möchten wir auf jeden Fall weiterführen, gerade aufgrund der Lage von Krieg und Rebellion. Deshalb gab’s lange Verhandlungen: So wie ich damals meine Missionsbestimmung für die Zentralafrikanische Republik erhalten habe, so hat auch Prince die seine schon vor etlichen Monaten für ein „fernes Land“ erhalten, nämlich für Guinea Bissau.

Aber wer kommt dann nach Mobaye? Wir haben im Moment keinen weiteren verfügbaren Mitbruder. – Deshalb haben wir offiziell beim Generalrat angefragt, ob er nicht noch ein, zwei Jahre bleiben kann, bevor er „in die Ferne“ aufbricht. Und die Ordensleitung war einverstanden. Und ich bin heilfroh, dass nun unsere Zukunft in Mobaye erst einmal gesichert ist.

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In der Mitte: Sr Yvette, mit der ich in den drei Jahren als Coopérant in Alindao die Mobile Klinik betrieben habe.

 

Eine Priesterweihe in Bangui, Teil 1

Am Samstag, dem 16. Juni war es soweit: Da sollte Prince, unser Diakon, in der Kathedrale von Bangui zum Priester geweiht werden.

Viele unserer Gemeindemitglieder hatten Lust, dabei zu sein, aber wie in die Hauptstadt kommen? – Der Landweg ist weiterhin von unberechenbaren Rebellen versperrt, da bleibt nur noch der Fluss. Wie auch schon vor vier Monaten. Also habe ich mich mit einer Delegation von ungefähr dreißig Leuten  auf den Weg gemacht, zwei Pirogen an aneinander gebunden und los ging’s. Nach drei Tagen auf dem Ubangi sind wir schließlich wohlbehalten an unserem Ziel angekommen, die Rückfahrt stromaufwärts dauerte dagegen fünf Tage.

Alles hätte eine schöne „Flußkreuzfahrt“ werden können, wäre da nicht der Regen gewesen und, vor allem, die Anti-Balakas mit ihren Flußbarrieren. Neun Mal mussten wir anhalten und mit den Rebellen „verhandeln“. Das ist dann immer meine Aufgabe. Manche sind nett, machen keine Probleme, wollen nur ein paar Zigaretten. Andere dagegen stehen unter Drogen, bedrohen uns und schüchtern ein. Da heißt es dann ruhig bleiben und sich nicht provozieren lassen. Gelernt habe ich so etwas auch nicht. Aber man gewöhnt sich daran…

Ein paar Eindrücke von der Reise (einfach die Maus über die Fotos ziehen, und schon erscheinen die Bildunterschriften):

 

 

 

Trotz allem: Die Kirche lebt weiter

Spannungen nehmen zu, und wieder ab. Am Morgen meint man, die Lage habe sich etwas stabilisiert, am Nachmittag erreicht uns dann die Nachricht, dass in einem Nachbarort wieder ein Seleka-Rebell einen Anti-Balaka-Kämpfer niedergestochen habe. Zum Glück habe der Mann den Angriff überlebt.

So geschehen am vergangenen Wochenende.

Am Samstag habe ich mich mit einem unserer Pfadfinder aufgemacht, das Dorf Kossinga zu besuchen, das in 15 Kilometer Entfernung von Mobaye liegt. Ganz in der Nähe des Dorfes waren die zwei Männer, von denen ich in meinem letzten Eintrag schrieb, von desertierten Rebellen schwer verletzt worden.

Wir gehen zu Fuß. Das erlaubt viele Begegnungen am Wegesrand.

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Am Abend Treffen mit den Eltern und Paten der Kinder, die ich am nächsten Morgen taufen darf.

 

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Vor der Messe, die wir für acht Uhr geplant haben, gibt es Gelegenheit zur Beichte. Der Gottesdienst beginnt schließlich um viertel nach neun.

 

Drei Stunden Gottesdienst mit Taufe von zwanzig Kindern. Für drei Stunden „abschalten“ von Gerüchten, Misstrauen, Anspannung.

Doch beim anschließenden Mittagessen erreicht uns eben diese Nachricht, dass in einem großen Dorf in sieben Kilometer Entfernung am Vormittag eine Messerattacke stattgefunden habe. Sofort bewaffnen sich alle Anti-Balaka-Kämpfer in den Dörfern wieder und patrouillieren auf der Straße. Ich habe die Gewehre nicht gezählt, die ich auf dem Rückweg gesehen habe.

Bis jetzt ist es ruhig geblieben. Gott sei Dank.