Sansibar, Teil 2

Unser Spiritanerforum zum Thema „Interreligiöser Dialog“ ist zu Ende gegangen. Es war eine wirklich sehr schöne Woche. Vielleicht können ein paar Fotos mehr vermitteln als Wörter:

Themen diskutieren, Texte erarbeiten, Beschlüsse fassen.

Gottesdienste feiern (war richtig schön, wieder Messen unter anderem auf Kiswahili zu haben)

Land und Leute und das Meer entdecken

Heute Nacht soll es über Nairobi wieder nach Bangui gehen. Und dann am Donnerstag nach Mobaye. Hoffentlich klappt alles. Es geht schon das Gerücht, dass unser Flieger von Sansibar in die kenianische Hauptstadt ausfalle. Warten wir einmal ab…

 

 

Sansibar

Mit dem Flugzeug werden Entfernungen plötzlich ganz kurz – auch in Afrika.

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Düsseldorf – Amsterdam – Nairobi – Bangui.

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Und 24 Stunden später habe ich mich wieder auf den Weg gemacht:

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(c) Tagesschau

Bangui – Nairobi – Sansibar. Nach 15 Jahren bot sich mir zum ersten Mal wieder die Gelegenheit, nach Tansania zu reisen, und zwar auf die im Indischen Ozean gelegene Insel Sansibar. Das Eiland ist bekannt für seine wunderschönen Sandstrände, aber auch für seine faszinierende Swahili-Kultur, einer Mischung aus Bantu- und arabischen Traditionen.

Bis heute setzt sich seine Bevölkerung zu 99% aus Menschen muslimischen Glaubens zusammen. Nur ein verschwindend kleiner Rest gehört einer der Kirchen (katholisch, lutherisch, anglikanisch) an.

Damit bot sich ein bestes Umfeld für unser Spiritanerforum zum Thema „Interreligiöser Dialog“.

Ich darf als einer der Delegierten an diesem internationalen Treffen teilnehmen, und zwar im Namen unserer Spiritanerprovinz Zentralafrikanische Republik. Die anderen Vertreter kommen aus Missionen in Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Algerien, Mauretanien, dem Kongo (Brazzaville), Nigeria, Kenia, Tansania, der Insel Mauritius, Pakistan, Indien, den Philippinen, und den USA. Ein jeder bringt seine Erfahrungen mit: wir hören von gelingendem Zusammenleben von Gläubigen verschiedener Religionen, aber auch von Kontexten von Misstrauen, Unterdrückung und Gewalt.

Im Laufe dieser Woche entsteht Schritt für Schritt ein Papier, das im Jahr 2020 unserem Generalkapitel vorgelegt werden soll. Wir wollen konkrete Vorschläge erarbeiten, wie wir uns als Spiritaner in Zukunft noch intensiver im interreligiösen Miteinander engagieren können.

Nicht umsonst heißt es in unserer Lebensregel:

„16.3. Wir treten ein in den Dialog und arbeiten auf loyale Weise zusammen mit den Verantwortlichen und den Gläubigen anderer Religionen […], und wir vertrauen darauf, dass der Heilige Geist uns, die einen sowie die anderen, immer tiefer in die ganze Wahrheit führen wird.“

 

 

 

In Deutschland und in Frankreich

Der Heimatbesuch neigt sich langsam dem Ende zu. Ich weiß nicht, wie viele Kilometer ich auf Schienen in Deutschland und Frankreich zurückgelegt habe, aber es waren eine ganze Menge. Die Zeit war schön, viele Begegnungen, viel Wiedersehen, viel Erzählen.

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Eine Woche im Kloster der Trappisten von Tamié in den französischen Alpen

Aber mit einem Ohr war ich immer in der Zentralafrikanischen Republik. Die Nachrichten, die uns in den letzten Wochen aus unserer Diözese von Alindao erreichten, waren keine guten. Prince hält weiter in Mobaye aus und versucht, an pastoraler und humanitärer Arbeit zu tun, was möglich ist.

Wenn ich Dienstag wieder zurück nach Bangui fliege, dann werde ich leider noch nicht direkt nach Mobaye weiterreisen können. Ich „muss“ zuvor noch nach Sansibar aufbrechen, zu einem Spiritanertreffen in Vorbereitung auf unser Generalkapitel im Jahr 2020 in Polen. Es geht um das Thema „interreligiöser Dialog“ als Teil unserer heutigen Spiritanermission.

Eine Friedenswallfahrt

Am vorvergangenen Wochenende haben wir es gewagt, unsere Wallfahrt nach Pengue. Pengue, das ist der Ort in ca. 10 Kilometer Entfernung von Mobaye, in dem der Verstorbene Spiritaner Piet de Groot vor 20 Jahren begonnen hatte, eine Wallfahrtsstätte zu errichten. Jedes Jahr – zu Friedenszeiten – fand dort ein großes Treffen auf Diözesanebene statt. Seit dem blutigen Wiederaufflammen der Rebellion im Mai 2017 war das nicht mehr möglich gewesen, und das Dorf sowie die Wallfahrtstätte haben unter dem Wüten der Seleka-Rebellen arg gelitten.

Aber aus eigener Kraft, mit Beteiligung vieler Kapellengemeinden haben wir innerhalb von zwei Monaten den Ort halbwegs wieder hergerichtet und unsere Wallfahrt auf Pfarreiebene gefeiert. Natürlich sind aus Angst etliche Christen ferngeblieben, vor allem die, die in weit entfernten Dörfern am Fluss leben. Aber es wurde trotzdem ein Erfolg. Wir haben unser neues Pastoraljahr eröffnet und es in die Hände von „Mama Marie, wali ti amara kwe“ gelegt – „Maria, Frau aller Völker“, so der Name des Ortes.

Seit Donnerstag bin ich nun wieder in Bangui und warte auf meinen Flieger am Mittwoch, der mich nach zwei Jahren auf einen ersten Heimatbesuch bringen soll. Ich freue mich, habe aber auch ein ungutes Gefühl im Bauch. Am Montagnachmittag sind wieder Schüsse gefallen in Mobaye. Einige Seleka-Rebellen, die mit einem neu geschlossenen „Friedensvertrag“ nicht einverstanden waren, haben den Stützpunkt der „Anti-Balakas“ mitten in der Stadt angegriffen und die Gegenrebellen vertrieben. Wie die nächsten Tage aussehen werden (Rache, neue Verhandlungen?), wir wissen es nicht. Die Menschen in der Basse-Kotto bleiben den Rebellen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Die Blauhelmsoldaten sind in ihrer Kaserne geblieben, als im Ort scharf geschossen wurde. Von ihnen ist keinerlei Schutz für die Bevölkerung zu erhoffen. Die Regierung in Bangui wechselt den Präfekten aus und schickt eine pensionierte Schuldirektorin. Der Präsident treibt sich in Armenien auf dem sogenannten  „Frankophonie-Gipfel“ herum. Touadera fliegt nach Eriwan, um über die Zukunft der französischen Sprache auf der Welt nachzudenken und dem armenischen Volk „Guten Tag“ zu sagen. Währenddessen krepieren seine eigenen Landsleute unter dem Joch von Rebellen, die er aushebeln könnte, es aber nicht tut. Nicht die Mittel fehlen, sondern der politische Wille. Kriegsgewinnler tummeln sich bis in die Spitzenposten der zentralafrikanischen Regierung hinein.

 

 

Wenn Rebellen wüten…

In der vergangenen Woche haben wir uns wieder für vier Tage auf den Weg gemacht, um drei Außenstationen am Ufer des Ubangi zu besuchen: Libanga, Sako und Fiato. Jedes der drei Dörfer hat die Rebellion und den Krieg in unterschiedlicher Weise erlebt. Während viele der Bewohner von Fiato vor Ort geblieben sind (und sich mit den „Anti-Balakas“ verbündet haben), sind alle Bewohner von Sako und Libanga im Mai 2017 in den Kongo geflohen. „Anti-Balaka“-Milizen haben die Einwohner von Sako, die sich mittlerweile auf einer Insel in der Mitte des Flusses niedergelassen hatten, um den Schikanen der kongolesischen Behörden zu entkommen, Anfang August unter Gewaltandrohung gezwungen, in ihr Dorf zurückzukehren. Die Menschen von Libanga befinden sich auch heute noch größtenteils im Kongo, das Dorf ist über weite Strecken von Gräsern und Sträuchern überwuchert.

In allen drei Orten haben wir Gottesdienst gefeiert und Taufen gespendet. Das ist unsere Antwort auf das Wüten der Rebellen.

In Sako durfte ich in einem einzigen Gottesdienst 52 (zweiundfünfzig!) Kinder und Jugendliche taufen, und 23 junge Christen haben die Erstkommunion empfangen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Tabaski

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Beim Gebet vor der Moschee von Mobaye

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Am 21. August feierten Muslime in der ganzen Welt « Tabaski » – das islamische « Opferfest ». Sie erinnern an den Propheten Ibrahim, der auf Gottes Weisung hin seinen erstgeborenen Sohn Ismael opfern soll. Doch im letzten Augenblick verhindert der allbarmherzige Gott das Menschenopfer. Stattdessen schlachtet Ibrahim einen Widder. In der Sure 37 des Koran heißt es dazu: Als sie (Ibrahim und Ismael) sich beide (Gottes Willen) ergeben hatten und er ihn mit der Stirn auf den Boden hingelegt hatte, da riefen wir ihn an: ‚Abraham, du hast den Traum erfüllt. […]‘ Dies ist in der Tat eine deutliche Prüfung. Und wir lösten ihn durch ein gewaltiges Schlachtopfer aus.“ (Sure 37,103-107). Juden und Christen kennen eine ähnliche Erzählung aus der Bibel. Im Buch Genesis ist es derselbe Abraham, der jedoch seinen zweitgeborenen Sohn Isaak als Opfer darbringen soll: „Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu und sagte: […] Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide!“ (Gen 22, 11f).

Auch die Muslime von Mobaye feierten das Fest und luden staatliche und religiöse Vertreter der Stadt zum Gottesdienst ein. Die Moschee von Mobaye ist zu klein, um alle Gläubigen zu fassen. Deshalb fand das Gebet vor dem Gotteshaus statt. Wir nicht-muslimischen Gäste nahmen auf Stühlen Platz, hinter dem Imam, mit Blick auf die Gemeinde. Es hätte ein gutes interreligiöses Ereignis werden können – wenn unsere Stadt nicht in der Hand von „halbstarken“ Seleka-Rebellen wäre.

Die jungen Männer, die offensichtlich Langeweile und nicht zu tun hatten, begannen während der Predigt des Imams an verschiedenen Orten mit ihren Kalaschnikows „rumzuballern“: auf dem Markt, in ihrem Stützpunkt, um die Moschee herum. Kinder laufen ziellos davon, die Marktfrauen ramschen ihre Ware zusammen und fliehen. „Keine Aufregung, alles unter Kontrolle“, versichern uns die Rebellen – und die mauritanischen Blauhelmsoldaten. Das seien alles Freudenschüsse aus Anlass des Festes…

Was für eine absurde und gefährliche Idiotie, die sich da vor unseren Augen abspielt: In einem hochangespannten Gebiet mit scharf geladenen automatischen Waffen „aus Spaß“ in die Luft zu schießen… dass es keine Verletzten oder gar Tote gegeben hat ist ein Wunder.

Wir sind einfach sitzen geblieben, der Imam hat weiter Koranverse zitiert. Anschließend gab es Protestnoten von Seiten der Stadt, und die Anti-Balaka-Milizen haben einen Tag lang die zwei Zufahrtswege in die Stadt gesperrt.

Aber ansonsten: alles „normal“ in Mobaye und dem Rest der Zentralafrikanischen Republik.

Das Drama der Mbororos, Teil 2

Was tun? – Essen kaufen und verteilen? Jeden Tag?

„Gutes tun“ ist in diesen Tagen in der Zentralafrikanischen Republik immer hochpolitisch, weil parteiisch.

Irgendwann haben wir in einem unserer Caritas-Treffen die Not der Mbororos zur Sprache gebracht. Mit Geld aus unserer örtlichen Caritas-Kasse haben wir Maniok, Zucker, Salz und Seife gekauft. Den Imam von Mobaye habe ich gebeten, uns eine Liste der Mbororo-Familien zu erstellen, die zu der Zeit gerade in Mobaye lebten und vom Hungertod bedroht waren.

An einem Samstagvormittag haben wir die Familienoberhäupter von ca. 30 Großfamilien in unseren Pfarrsaal eingeladen und das kleine Lebensmittelpaket mit einigen Kleiderspenden, die wir aus Bangui erhalten haben, überreicht.

Was mussten sich unsere Caritas-Mitarbeiter in den Tagen danach nicht alles anhören, in ihrem Stadtviertel, auf dem Markt, auf den Feldern? – „Die Caritas und ihre Priester – heute geben sie den Mbororos Nahrung, und wenn diese wieder zu Kräften gekommen sind, bringen sie uns alle um. Und die Christen bekommen von dem Kuchen nichts ab.“ Niemand hat sich getraut, mir persönlich einen solchen Vorwurf zu machen. Irgendwo spürt dann wohl doch jeder Christ, dass diese Haltung nicht ganz so christlich ist. Aber böse Worte  machten die Runde, und so war ich gezwungen, in einer Sonntagspredigt dieses Problem auf den Tisch zu bringen:

Samaritain
(c) Jésus Mafa

„Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster? Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen…“ (Lk 10,29f). Ich glaube, nicht alle haben sich vom Beispiel des „Barmherzigen Samariters“ überzeugen lassen, dass es gerade „der Andere“ ist, der „mein Nächster“ sein soll… Aber natürlich sehe ich auch die Position der Verärgerten: Das Haus niedergebrannt, alles verloren, gelitten auf der Flucht in den Kongo oder in den Busch – und dann bekommen „die Anderen“ Hilfe. Da macht die eigene Not blind und wütend zugleich.

Deshalb helfen wir im Stillen. Jeden Tag kommen Mbororos zu uns, vor allem Kinder. Viele sind unterernährt. Maurice, unser Koch, gibt ihnen zu essen, ganz diskret, hinter’m Haus. Ich weiß, dass das keine Lösung ist…

Wendet man sich an die staatlichen Stellen, erhält man ein Achselzucken, die Nichtregierungsorganisationen schicken Fotos nach Bangui und nichts passiert, die Blauhelmsoldaten verteilen ihre Essensreste unter den Kindern (das ist immer noch besser als Munition und Kalaschnikows unter die Seleka-Rebellen zu bringen, was sie sonst nämlich immer gerne tun).

Und so machen auch wir irgendwie weiter, in diesem Land, das seinen „warlords“ – seinen Kriegsherren weiter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist. Auch wenn uns die Phantom-Regierung in Bangui versichert, dass alles unter Kontrolle sei. Nichts ist bei uns in der Basse-Kotto unter Kontrolle. Und die Schwächsten der Zivilbevölkerung leiden zuerst.