Wieder unterwegs mit der Mobilen Klinik

Seit gestern sind wir wieder daheim in Mobaye. Drei Tage lang haben wir mit der Mobilen Klinik in Ndjiagbute gearbeitet, eine Kapellengemeinde, die zu unserer Pfarrei zählt. Diesmal wurde die Kirche zum ambulanten Krankenhaus:

Und wieder kann ich nichts Neues zur militärisch-politischen Lage schreiben. Aus Alindao und Mobaye sind die Seleka-Rebellen vertrieben, in allen anderen Zentren und Gegenden der Basse-Kotto sind sie jedoch weiterhin präsent, vor allem im Busch und in den Wäldern. Von dort aus errichten sie spontan Straßensperren und rauben Reisende aus. Letzte Woche haben sie in der Nähe von Alindao einen Konvoi von mehreren Fahrzeugen gestoppt, die auf der Rückreise von einer großen Kirchenversammlung der Elim-Kirche in der Basse-Kotto waren. Wütend über ihre derzeitige Lage haben sie die Autos nicht beschlagnahmt, sondern die Reisenden ausgeraubt und die Wagen dann in Flammen aufgehen lassen. Deshalb bleiben uns die Wege im Bistum weiterhin versperrt. Nur im Süden, entlang des Ubangui, können wir uns bewegen, am sichersten auf dem Fluss. Wer heute in einer von den Rebellen befreiten Gegend lebt, bleibt am besten dort; wer in einer Gegend lebt, die von Rebellen weiter besetzt ist, bleibt am besten dort. Das Pendeln zwischen den Lagern ist gefährlich, und für einen „Weißen“ besteht die Gefahr, dass die Rebellen ihn für einen Spion der verhassten russischen Söldner halten könnten…

Einsatz mit der Mobilen Klinik am Fluss

Noch können wir keine Touren mit der Mobilen Klinik auf dem Landweg unternehmen, denn in einigen Regionen unserer Diözese haben weiterhin die Seleka-Rebellen das Sagen. Und sie sind aggressiver geworden. An Straßensperren, an denen sie uns vorher ohne weiteres durchließen, verlangen sie für die Weiterfahrt eines Fahrzeugs heute astronomische Summen. Der Wagen einer Nichtregierungsorganisation hat neulich 70.000 FCFA bezahlt, das sind in etwa 106 Euro. Das Risiko können wir nicht eingehen, denn wer weiß? – Vielleicht würden sie gleich das ganze Auto beschlagnahmen, wie sie es zuvor schon so oft mit Fahrzeugen der Kirche getan haben.

Aber zwei der Dörfer, die wir für unsere mobile Klinik ausgewählt haben, liegen am Fluss: Koungrembozo am Ubangui und Nganda an der Kotto. (Der Fluss hat unserer Präfektur übrigens ihren Namen gegeben: Basse-Kotto, d.h. Niederkotto. Wie der Niederrhein.)

Wir sind mit unserem Team am Donnerstag, dem 13. April um 9.00 Uhr aufgebrochen. Mittags hatten wir unser erstes Ziel erreicht: Libanga, die äußerste Kapellengemeinde unserer Pfarrei von Mobaye flussaufwärts. Schwere Regenwolken waren uns gefolgt, und so waren wir auch erst eine knappe halbe Stunde vor Ort, da prasselte ein tropischer Platzregen vom Himmel. Abends haben wir dann den Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt in der kleinen Dorfkapelle gefeiert.

Am nächsten Morgen ging es weiter. Diesmal waren wir sechs Stunden bei sengender Sonne auf dem Fluss unterwegs. Nachmittags erreichten wir unser zweites Ziel: Koungrembonzo. Der Dorfchef hat sein Haus geräumt, wir haben uns eingerichtet und am nächsten Morgen ging die Arbeit der Mobilen Klinik los: Innerhalb von zwei Tagen haben wir 167 Patienten behandelt.

Während der Sprechstunde begegnet uns die gesamte Palette tropischer Krankheiten: An erster Stelle steht, wie immer, die Malaria, gefolgt von Infektionen des Verdauungstraktes mit Bauchschmerzen, Durchfall, Blut im Stuhl. Leider können wir nur aufgrund des klinischen Bildes behandeln, eine Stuhluntersuchung wäre natürlich enorm hilfreich. Aber so vermuten wir in den allermeisten Fällen Würmer, Amöben, krankmachende Bakterien und Billharziose als Ursache der Beschwerden und geben entsprechende Medikamente. Andere große und kleine Patienten kommen mit Entzündungen der Atemwege, der Haut oder der Augen. Aber auch Bluthochdruck und Magenschleimhautentzündungen begegnen uns bei den Untersuchungen.

Meist können wir medikamentös eingreifen und einigermaßen gut behandeln, manchmal aber auch nur Symptome lindern (z.B. bei Rückenbeschwerden) oder auch gar nichts tun (z.B. bei Blindheit).

Am Montagmorgen ging es dann weiter: wir sind den Ubangi weiter stromaufwärts gefahren und auf Höhe von Limassa in die Kotto eingefahren. Gegen Mittag hatten wir unser Ziel erreicht: Nganda. Ein sehr großes Dorf ohne Gesundheitsversorgung, der nächste Posten in ca. 15 Kilometer Entfernung. Für europäische Verhältnisse kein Problem, wenn der Arzt in 15 Kilometer Entfernung seine Praxis hat. Im afrikanischen Busch dagegen eine Wirklichkeit, die Leben kostet. Ohne Straßen, ohne Auto oder Motorrad ist der Transport eines Kranken sehr schwierig. Und das nächste Krankenhaus, in dem ein Notfall-Kaiserschnitt vorgenommen oder eine Bluttransfusion gegeben werden kann, befindet sich in 55 Kilometer Entfernung. Ohne Auto oder Motorrad…

Auch in Nganda haben wir zwei Tage lang gearbeitet. Manchmal begegnen uns in der Sprechstunde auch kuriose Fälle, die für die Betroffenen großes Leid bedeuten.

Ein kleiner Junge hatte sich beim Verzehr von Erdnüssen eine kleine Nuss und die Nase gesteckt und irgendwie weit in die Nasenhöhle vorgeschoben. Von dort ließ sie sich nicht mehr entfernen. Eiter bildete sich, grub sich eine Fistel bis unter das Augenlid und schwemmte nach einigen Wochen die Nuss wieder aus. Der Eiterherd und die Fistel bestehen auch heute noch, Monate nach dem Unfall. Unaufhörlich fließt der Eiter, man riecht es auf Entfernung. Hin und wieder kaufen die Eltern ein Antibiotikum. Dann stoppt das Ganze etwas, um nach einigen Tagen aber wieder neu zu beginnen. Die einzige erfolgversprechende Behandlung ist jetzt die chirurgische Ausräumung, aber dafür braucht es Bangui. Und dafür braucht es Sicherheit auf den Straßen. Aber die existiert nicht, und deshalb können wir mit dem Wagen bis auf unabsehbare Zeit auch nicht in die Hauptstadt fahren, um den Jungen zu evakuieren. Die Rebellion fordert überall ihre Opfer, auch wenn ein kleiner Junge in einem abgelegenen Ort sich eine Erdnuss in die Nasenhöhle steckt…

Am achten Tag ging es zurück, flussabwärts, und gegen 15 Uhr erreichten wir wohlbehalten unser Mobaye.

Freitag geht es wieder auf Tour mit der Mobilen Klinik, diesmal allerdings „nur“ über ein verlängertes Wochenende.

Weiter Gefechte

Nun wird es Zeit, Euch wieder mithilfe dieses Blogs über die jüngsten Ereignisse in der Basse-Kotto zu informieren. Aus Sicherheitsgründen kann ich das aber nur in groben Strichen tun; viele Einzelheiten möchte ich nicht veröffentlichen, um niemanden zu gefährden.

Die Offensive des zentralafrikanischen Militärs mit entscheidender Unterstützung russischer Söldnertruppen geht weiter. Stadt um Stadt, in der noch Rebellengruppen das Sagen haben, soll befreit werden. Meist fliehen die militärisch viel schwächer ausgerüsteten Rebellen schon vorher, manchmal kommt es auch zu blutigen Gefechten.

Bei uns in Mobaye hatten wir seit April auf den Einmarsch der Alliierten gewartet. Jeder versuchte, die Rebellen zu überzeugen, dass es besser sei, die Stadt so rasch wie möglich zu verlassen. Einige haben das getan, manche sind über den Ubangi in den Kongo geflohen, aber die meisten haben bis zur sprichwörtlich letzten Minute gewartet. Am Vormittag des 4. Mai war es soweit. Seit einigen Tagen lag Anspannung in der Luft, und ab Mittag begannen die Rebellen, in aller Hektik ihre Sachen und Waffen zusammen zu packen und die Stadt zu verlassen, zu Fuß oder mit Motorrad.

Gegen 14 Uhr 30 hörten wir die ersten Schießereien. Eine halbe Stunde später war Mobaye in der Hand der Russen. Dann durchkämmten die Söldner zusammen mit zentralafrikanischen Soldaten Viertel um Viertel. Die Bilanz: Zwei Tote, nämlich ein Seleka-Kämpfer und ein Mann, der sich in seinem Haus eingeschlossen und die Tür nicht schnell genug geöffnet hatte, als die Russen ihn dazu aufforderten. Da haben sie geschossen. Der Ausnahmezustand rechtfertigt alles…

Am späten Nachmittag bin ich dort vorbeigegangen. Familie und Freunde hatten den Mann vor seinem Haus aufgebahrt. Er war seit einigen Jahren desorientiert gewesen, litt unter Persönlichkeitsstörungen. Jeder in der Stadt kannte ihn. Am nächsten Morgen, nach der Messe, habe ich ihn beerdigt.

Am folgenden Tag gingen die Hausdurchsuchungen weiter. Dabei haben die Militärs einen jungen verletzten Seleka-Rebellen aufgespürt, der am Vortag angeschossen worden war und sich nun versteckt hielt. Den haben sie festgenommen und am nächsten Tag erschossen. Gefangene werden nicht gemacht. Ausnahmezustand eben…

Am Freitag sind die Russen wieder abgezogen und haben sich auf den Weg nach Bangassou gemacht. Ungefähr zwanzig Soldaten der zentralafrikanischen Streitkräfte sind geblieben. Die haben zwei Tage später einen muslimischen Kaufmann verhaftet. Er hatte mit den Selekas jahrelang satt kollaboriert, manchmal sogar ihre Uniform getragen und an ihrer Seite gekämpft und geplündert. Sieben seiner Kinder sind Schüler in unserer Grundschule. Den haben sich auch erschossen. Ausnahmezustand eben…

Seitdem versucht die Bevölkerung, nach acht Jahren Rebellenherrschaft wieder ein „normales Leben“ zu beginnen. Aber so einfach geht das nicht. Soviel innere Verletzungen, Wut und Zorn, das Wissen um Mitläufertum, Verrat, Betrügereien und Diebstahl, soviel Täter und soviel Opfer zugleich…

Politisch-militärisch ist zudem noch nichts gelöst: Hunderte von Seleka-Rebellen, die aus Kwango, Alindao und Mobaye vor den Russen geflohen sind, warten jetzt in Zangba, 50 Kilometer westlich von Mobaye, dort, wo unser Krankenhaus steht, auf das Eintreffen der Alliierten. Es heißt, sie wollen es auf einen letzten Kampf ankommen lassen. Aber das ist absurd, das wäre nichts weiter als ein sinnloses Massaker, denn militärisch sind sie den Russen mit deren Kriegstechnologie (zum Beispiel werden Drohnen eingesetzt) weit unterlegen.

Gibt es Hoffnung auf Verhandlungen? Zurzeit nicht. Weiter gilt die Devise der russischen Politik in Zentralafrika, die ich im März auf diesem Blog zitiert habe: „Gespräche können erst beginnen, wenn das Land, das zur Zeit von bewaffneten Gruppen beherrscht wird, vollständig befreit ist.“

Auch in anderen Orten der Basse-Kotto regieren weiter die Seleka-Rebellen: in Kongbo, Dimbi, Kembe, Mingala. Und sie sind unberechenbarer geworden. Sie verstecken sich in den Wäldern und haben vereinzelt angefangen, Dörfer und Fahrzeuge auszurauben. Gegen diesen beginnenden Guerillakrieg können auch russische Söldner kaum etwas tun.

Für mich bleibt unsere „Befreiung“ eine zweischneidige Angelegenheit. Ein Gefühl der Erleichterung will sich auch heute noch nicht einstellen.

Von Kindern und Jugendlichen mit Epilepsie

„Kobela ti makako“ heißt die Krankheit auf Sango: „Affenkrankheit“, und gemeint ist die Epilepsie. Schön finde ich die Bezeichnung nicht, ich finde sie verletzend und herablassend, aber wenn man den französischen Begriff „épilepsie“ verwendet, wird man in den Dörfern nicht verstanden.

Die Epilepsie ist weltweit verbreitet, sie kommt in Afrika sogar vier bis fünf Mal häufiger vor als in Europa. Ihre Ursachen sind vielfältig: genetische Veranlagung, Geburtskomplikationen, Hirninfektionen, Verletzungen. Oder aber man kennt den Auslöser einfach nicht. In Afrika kommen vor allem noch  zwei weitere Erkrankungen hinzu, die auf Dauer die epileptischen Anfälle auslösen können: eine überlebte Malaria mit Beteiligung des Gehirns und Zysten des Schweinebandwurms, die sich im Gehirn ablagern. Wenn ein Kind plötzlich das Bewusstsein verliert, zu Boden stürzt, mit den Zähnen knirscht usw., dann können wir hier diagnostisch kaum etwas machen. Es gibt keinen Scanner, um „ins Hirn zu schauen“, kein EEG, es bleibt nur die Schilderung dessen, was passiert ist.

Das Medikament, das bei uns am häufigsten verschrieben wird ist das „Phenobarbitol“. Es scheint bessere Medikamente zu geben, ärmer an Nebenwirkungen, effizienter in der Wirkung. Aber „Phenobarbitol“ ist am günstigsten, und das Gesundheitspersonal vor Ort hat damit die meiste Erfahrung.

Jedoch: seine Beschaffung ist schwierig. Nur selten ist es in der Krankenhausapotheke von Mobaye zu bekommen; selbst in Bangui finden wir es manchmal erst in der sechsten oder siebten Apotheke, die wir aufsuchen. Zudem benötigt der Patient eine größere Menge, denn die Medizin muss über Monate und Jahre eingenommen werden, da braucht es einen langen Atem.

Deshalb haben wir in Mobaye ein kleines Projekt gestartet, es läuft seit nunmehr schon einem Jahr: die Betreuung von epilepsiekranken Kindern und Jugendlichen. Wir unterstützen mit Mut machenden Worten, Ratschlägen, Gebet und Phenobarbital. Die Kosten hierfür bestreiten wir aus Euren Spendengeldern – deshalb auf diesem Wege wieder ein großes Dankeschön dafür!

Zudem sind von Epilepsie betroffene Kinder vielen Gefahren ausgesetzt; die größten lauern am Feuer und im Wasser. Gekocht wird bei uns überall auf offener Flamme. Mädchen, Frauen (und die kleinen Kinder) hocken beim Kochen stundenlang um’s Feuer. Wenn es dann zu einem Anfall kommt, stürzen die Betroffenen manchmal direkt hinein oder fallen auf den Topf mit heißem Wasser oder siedendem Palmöl und erleiden so zum Teil schwere Verbrennungen. Die andere Bedrohung geht vom Fluss aus. Sich waschen, Wäsche waschen, in einer Piroge fischen gehen, unsere hiesige Kultur kreist geradezu um die „Lebensader Fluss“. Immer wieder stürzen Kinder während eines Anfalls ins Wasser und ertrinken.

Zu den akuten Gefahren kommen die Langzeitfolgen der Krankheit. Jeder Anfall zerstört Gehirnzellen und führt zu neurologischen Schäden, die sich nicht mehr reparieren lassen.

Und noch eines: Das Stigma. Wenn man eine Krankheit nicht schlüssig erklären kann, dann ist es immer… ein böser Geist oder ein Fluch. Und ein jeder kennt die Geschichten aus der Bibel, in denen Jesus die Kranken heilt, die von einem Dämon besessen sind, und eben dieselben Symptome zeigen wie von Epilepsie Betroffene. Dann ist da schnell von Magie und Hexerei die Rede.

Keines der Kinder ging zu Beginn der Behandlung in die Schule. Wenn ein Schüler oder eine Schülerin einen Anfall während des Unterrichts erleidet, dann macht das erst einmal Angst. Das ist verständlich. Aber auch da ist es unsere Aufgabe, Eltern und Schulleitung zu überzeugen, dass auch epilepsiekranke Kinder ein Recht auf Bildung haben.

Auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt, machen wir weiter. Unsere Arbeit ist immer „nur“ ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Befreiung, Gewalt und Ungewissheit

Seit meinem Eintrag vom 1. April hat sich in militärisch-politischer Lage nichts geändert. Während es in Bangui einigermaßen „ruhig“ ist – der Ausnahmezustand gilt weiter und eine Ausgangssperre herrscht ab 20 Uhr – , gehen die Militäraktionen im Landesinneren weiter. Die Regierung bleibt entschlossen, die Rebellenverbände überall gewaltsam zu „neutralisieren“. Dazu agieren das zentralafrikanische Militär zusammen mit russischen Milizen und ruandischen Truppen, allerdings losgelöst und völlig unabhängig von den Kontingenten der Vereinten Nationen, der Minusca.

In Mobaye bleiben die Rebellen vor Ort. Noch verlassen sie die Stadt nicht. Ständig machen Gerüchte die Runde, dass es in den nächsten Stunden oder Tagen zum Eintreffen der Alliierten komme. Doch nichts passiert. Diese Ungewissheit des  Wartens ist zermürbend und reibt auf. Einige Leute haben ihre Sachen wieder zusammengepackt und sind in den Kongo übergesetzt, wie auch schon vor vier Jahren, im Jahr 2017.

Die Regierung lässt täglich per sms über die Mobilfunkanbieter dieselbe Botschaft verbreiten: „Landsleute, seid wachsam! Meldet jede verdächtige Person, die die öffentliche Sicherheit gefährden könnte, an die folgende Nummer…“

Ich bin noch bis morgen, Montag, in Bangui; die Lage in der Basse-Kotto bleibt weiterhin sehr angespannt. (Auch wenn wir das im Alltag dann verdrängen…)

„Wir sind in einem Macht- und Demokratievakuum“

Die Überschrift des heutigen Eintrags habe ich einem Artikel von gestern auf der Interseite der „Deutschen Welle“ entnommen (https://www.dw.com/de/tschad-expertin-wir-sind-in-einem-macht-und-demokratievakuum/a-57302867). Es geht um eines der Nachbarländer der Zentralafrikanischen Republik. Es geht um den Tschad.

aus: https://www.rfi.fr/fr/afrique/20121031-tchad-centrafricaine-refugies-sud-mahamat-faki-antoine-gambi-camps-rca-commission

Vor wenigen Tagen war der dortige Präsident Idriss Déby ums Leben gekommen. Offiziell heißt es, dass er bei Kämpfen mit Rebellengruppen getötet worden sei. Unmittelbar nach seinem Tod hat ein Militärrat unter Führung seines Sohnes die Herrschaft übernommen. Die Generäle sagen, dass sie während einer Übergangszeit von achtzehn (!) Monaten das Land regieren und danach die Macht in die Hände einer zivilen Regierung legen wollen.

Heute soll in der Hauptstadt N’djamena die Bestattung stattfinden. Der französische Präsident Macron ist schon vor Ort. Auch der Präsident der Zentralafrikanischen Republik, Touadera, wird sich in das Nachbarland begeben.

Unter Déby war der Tschad Dreh- und Angelpunkt französischer geopolitischer Interessen im zentralen Afrika. Ein verlässlicher und mutiger Partner, wie es aus dem Elysée-Palast in Paris heißt. Vor allem im Kampf gegen islamistischen Terror.

Bei uns in der Zentralafrikanischen Republik ist die Stimmungslage eine ganz andere. Tatsache ist, dass viele der Rebellen, die das Land seit 2013 ins Chaos gestürzt haben, aus dem Tschad stammen. Und die hiesige Bevölkerung ist fest davon überzeugt, dass die dortige Regierung dabei kräftig mitgemischt habe. Der Tschad als Kriegsgewinnler der nicht enden wollenden Rebellion in der Zentralafrikanischen Republik. Deshalb gab es am Tag, als Idriss Déby starb, auch Freudentänze in den Straßen von Bangui…

Es sieht nicht gut aus für das zentrale Afrika.

Ein „Frauenkauffest“

Vor gut zehn Tagen hatte ich die Gelegenheit, bei uns in Mobaye an einem Fest teilzunehmen, das auf Sango „matanga ti vongo wali“ heißt, „Frauenkauffest“ eben. Was im Deutschen abstrus klingt, hat im Sango überhaupt keinen negativen Beigeschmack. Im Gegenteil: Es ist ein Ereignis, das im hiesigen Kontext einer Familie und der Gesellschaft Stabilität verleiht, ein Ausdruck von Wertschätzung und Verantwortungsgefühl darstellt.

Es handelt sich dabei im Prinzip um eine Art „traditioneller Hochzeit“. Gefeiert hat sie der Direktor unserer Spiritaner-Realschule, Ted Akoloza (ich erwähne den Namen hier für diejenigen, die schon einmal bei uns in Mobaye waren und ihn kennengelernt haben). Ted und seine Frau haben mittlerweile vier Kinder; da wird es Zeit zu „heiraten“.

Am Haus eines „Vertreters der Familie der „Braut“ versammeln sich die Gäste – und er Bräutigam. Und warten erst einmal. „Schnell zu haben“ ist die Dame nämlich nicht.

Sie war allerdings schon vorher da und hat sich im Haus versteckt gehalten. Begleitet von zwei Freundinnen wird die Verschleierte dann nach draußen geführt und begrüßt die Gäste und ihren Mann.

Dann muss der Mann aufbieten. Eine Karre wird herbeigefahren. Es gibt Geschenke für die ganze Schwiegerfamilie: Brüder, Schwestern, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen und so weiter. Jeder aus der Familie der Braut will sein Stück abbekommen, schließlich gibt man eine Frau her. Ted zahlt: Zucker, Salz, Stoffe, Alkohol, Schuhe und vor allem: Bares!

Als die Übergabe vorbei ist, ergreift ein Onkel als Vertreter der Schwiegerfamilie das Wort: Ja, das sei ja alles gut so, aber es fehlten: Kochtöpfe, Teller, Besteck und noch so einiges, was ich schon wieder vergessen habe. Man sei bereit, dem Mann die Frau zu geben, aber er müsse noch nachliefern. Abschließend ergreift ein Onkel aus der Familie des Bräutigams das Wort und versichert, dass die fehlenden Artikel zu einem späteren Zeitpunkt übergeben werden.

Uff, geschafft, die Schwiegerfamilie ist einverstanden, jetzt gehört die Frau dem Mann.

Entspannter geht es anschließend zu, als die Gäste nun auch noch zahlen müssen. Unter einheizenden Worten durch das Mikro gibt’s eine zweite Kollekte für die Schwiegerfamilie.

Dann ist der offizielle Teil vorbei und die Party geht unter Freunden weiter.

Neben der „traditionellen Hochzeit“, bei der der Bräutigam seine Frau bei deren Familie auslöst, gibt es auch noch die zivile Trauung im Büro des Bürgermeisters. Und die kirchliche. Aber diese beiden Formen sind bei uns auf dem Land sehr sehr selten. Bislang habe ich eine einzige Hochzeit feiern dürfen, seitdem ich Ende 2016 in der Zentralafrikanischen Republik angekommen bin. Doch das ist ein Thema für einen späteren Blogeintrag.

Gesegnete Kar- und Ostertage

Seit meinem letzten Eintrag hat sich die Lage bei uns in Mobaye nicht verändert. Wir leben weiter mit den Rebellen der Seleka-Koalition in der Stadt.

Die oben beschriebene militärische Offensive ist jedoch weitergegangen. Am 18. März haben das zentralafrikanische Militär zusammen mit russischen und ruandischen Truppen die Rebellen aus Alindao vertrieben. Nach acht Jahren „Rebellenherrschaft“ mit brutalen Gewaltakten gegen die Zivilbevölkerung können die Menschen wieder aufatmen. Allerdings sind die Rebellen weder verhaftet noch entwaffnet, sie sind einfach nur vor dem Einmarsch der alliierten Truppen geflohen. Einige fliehen in Richtung Sudan oder Tschad, andere verstecken sich aber den den Weiten der zentralafrikanischen Buschlandschaft und beginnen, von Hunger und Wut getrieben, abgelegene Dörfer zu überfallen und zu plündern.

Die Regierung ist weiterhin fest entschlossen, auch den gesamten Osten wieder unter ihre legitime Gewalt zu bringen. Wir warten also weiter ab, in der Hoffnung, dass die Rebellen unsere Stadt verlassen, bevor zentralafrikanisches, ruandisches und russisches Militär eintrifft. Damit es in Mobaye nicht zu Gefechten kommt.

Inmitten all dieser Ungewissheit setzen wir unser kirchliches Leben und gesellschaftliches Engagement fort, so gut es eben geht: Am vergangenen Sonntag haben wir den Palmsonntag gefeiert, dieses Jahr auch wieder mit großer Palmprozession, die wir im vergangenen Jahr wegen Covid 19 ja nicht feiern durften.

Und auch den Schulbetrieb halten wir aufrecht. In der Grundschule „Antoine Maanicus“ mit Kindergarten lernen über 600 Kinder Lesen und Schreiben, und in unserer Realschule versuchen wir, neben der Allgemeinbildung auch Grundlagen für handwerkliche Berufe zu vermitteln, bislang in den Bereichen „Maurer, Schreiner und Schneider“.

Und so wünsche ich Euch allen – wenn auch wieder unter den dunklen Wolken der Corona-Pandemie, die bei uns dagegen fast vollständig verschwunden ist –

gesegnete Kar – und Ostertage!

Die militärische Offensive geht weiter

Die Mitarbeiter der Nichtregierungsorganisation „Cordaid“ sind wieder zurück in Mobaye und haben jetzt auch Internetzugang, den wir mit nutzen dürfen.

Das militärische Vorgehen der zentralafrikanischen Regierung mit massiver Unterstützung russischer und ruandischer Verbände setzt sich weiter fort. Am Montag, den 15. Februar war es in der Stadt Bambari zu heftigen Gefechten zwischen eben diesen  Soldaten und den Rebellen gekommen. Die Kämpfe haben auch zahlreiche Opfer unter der Zivilbevölkerung gefordert: Kinder, Frauen und Alte, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten, fanden  den Tod. Zudem scheinen die Regierungstruppen und ihre Alliierten keine Gefangenen zu machen. Von standrechtlichen Erschießungen aufgespürter Rebellen ist die Rede. „Die machen kurzen Prozess“, heißt es überall. Will heißen, gar keinen. Der Ausnahmezustand im Land lässt den Soldaten freie Hand. Die über Jahre angestaute Wut über das brutale Vorgehen der Rebellen schlägt jetzt in die andere Richtung aus. Über die sozialen Medien zirkulieren Bilder von Folgen der Kämpfe. Einschüsse in die neue Moschee von Bambari, davor mehrere Tote, Rebellen und Zivilbevölkerung gemischt.

Aber auch hier müsste doch das „Internationale Kriegsrecht“ gelten. Selbst und gerade in entfesselter Gewalt muss es Dämme geben.

Seit den Kämpfen in Bambari hat sich die Taktik der Rebellenkoalition geändert. Wenn sich die Regierungstruppen mit ihren Verbündeten einer Stadt, die von Rebellen beherrscht wird, nähern, dann ziehen sich die Selekas und „Anti-Balakas“ in die Dörfer zurück. Städte wie Bouar und Bozoum sind auf diese Weise „befreit“ worden, aber die Rebellen sind nicht entwaffnet, sonder treiben jetzt ihr Unwesen in den Dörfern: sie rauben, plündern, zerstören. Und so schnell sie in einem Dorf auftauchen, so rasch verschwinden sie auch wieder. Diesen Terror kann eine Armee in den Weiten des zentralafrikanischen Busches kaum verhindern.

In Mobaye ist es weiter „ruhig“. Schule, Krankenhaus, Kirchen „funktionieren“ weiter. Unter Schwierigkeiten natürlich, denn seit Dezember ist die einzige Zufahrtsstraße in den Osten des Landes blockiert.

 „Unsere“ Selekas sind weiter vor Ort, aber ein Teil von ihnen ist abgezogen. Wohin, das wissen wir nicht.

Gespannt verfolgen wir die Ereignisse. Und warten auf den „Einmarsch“ der Russen. In den nächsten Tagen könnte es soweit sein. Oder auch nicht.

Denn mittlerweile ist der russische Einfluss auf die zentralafrikanische Regierung nichts mehr, das sich hinter verschlossenen Türen abspielen würde. Nach einer Unterredung im Präsidentenpalast ging der Botschafter Russlands in Bangui neulich vor die Presse und machte folgende Aussagen:

„Es ist ausgeschlossen, jetzt mit François Bozizé (ehemaliger Präsident, offensichtlich Anführer der aktuellen Rebellenkoalition; O.D.) oder noch weniger mit Ali Darassa, Al Khatim und der Bewegung R3 (Chefs verschiedener Rebellengruppen) zu verhandeln, die allesamt keine Bürger der Zentralafrikanischen Republik sind.“

„Gespräche können erst beginnen, wenn das Land, das zur Zeit von bewaffneten Gruppen beherrscht wird, vollständig befreit ist.“

Ungewöhnlich für einen ausländischen Diplomaten in einem souveränen Staat…

Die Wahlen, Teil 2

Was also tun mit Wahlergebnissen, die schon am Wahlabend von vielen Menschen als wertlos angesehen wurden?

Der amtierende Präsident, Faustin Archange Touadera, hielt beharrlich an der Rechtmäßigkeit und damit an der Gültigkeit des Ergebnisses fest – und erklärte sich selbst einige Tage später zum Wahlsieger mit 53,16% der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von 76,31%. Damit schloss er von vornherein eine Stichwahl aus. Und auch die Frage, wie eine solch hohe Wahlbeteiligung möglich gewesen sein soll, wo doch in den meisten Provinzen die Wahllokale geschlossen bleiben mussten.

Die Opposition ließ nicht lange auf sich warten und reichte eine Klage beim Verfassungsgericht ein. Gleichzeitig gingen einige Parteien nun auch offiziell Bündnisse mit den bewaffneten Gruppen ein, die schon am 19. Dezember, das heißt eine Woche vor den Wahlen, öffentlich geschworen hatten, nun mit allen Mitteln „das ganze Land unter ihre Kontrolle zu bringen“. Ein verhängnisvoller Vorgang für jede Demokratie…

In den frühen Morgenstunden des 13. Januar war es dann soweit: Eine große Anzahl von Rebellen, Banditen und ausländischen Söldnern griff die Hauptstadt Bangui von zwei Seiten aus an. Aber die Wucht der Verteidigung war stärker. Nach mehreren Stunden gewalttätiger Auseinandersetzungen in den äußeren Wohnbezirken der Hauptstadt hatten Russen, Ruander und Zentralafrikaner den versuchten Staatstreich vereitelt. Es gibt keine offiziellen Opferzahlen, aber Zeugen sprechen von vielen Toten auf Seiten der Rebellen.

Fünf Tage später, am 19. Januar, wies das Verfassungsgericht die Klage der Opposition ab und erklärte den Präsidenten zum eindeutigen Wahlsieger. Lediglich die zu offensichtliche Schönfärbung hinsichtlich der Wahlbeteiligung wurde korrigiert: Von den 76,31% blieben am Ende 35,25% übrig.

Seitdem regiert der Präsident mit eiserner Hand. Keine Gespräche mit Rebellen mehr, so wie er es jahrelang getan hat. Lediglich mit Oppositionsparteien, die nicht dem militärischen Gegenbündnis angehören, ist er bereit zu verhandeln.

„Zentralafrika Hand in Hand mit Russland“ – „Wir reden wenig, wir tun viel“ Das Foto stammt aus dem Jahr 2019, aufgenommen an einer Hauptstraße von Bangui. Heute ist aus der anfänglichen Propaganda Ernst geworden – was von der leidenden Bevölkerung mit großer Erleichterung aufgenommen wird: Russland kommt als Befreier der Zentralafrikanischen Republik!

Die Regierungsrhetorik hat seit sich dem Eintreffen von über 1.000 russischen Soldaten komplett gewandelt. „Wir sind im Krieg“, heißt es nun. Dazu Durchhalteparolen und Aufrufe zum Denunzieren von vermeintlichen Rebellen, die sich in den Stadtvierteln versteckt halten.

Gleichzeitig erleben wir in diesen Tagen eine gewaltige militärische Offensive zur Befreiung der großen Städte, die noch in der Hand der „Koalition der Patrioten für einen Wandel“ (CPC) sind – so nennt sich das Chaos und Gewalt verbreitende Rebellenbündnis. Anvisiert werden die Präfekturen im Westen des Landes, die wirtschaftlich starken Regionen, durch die die Lebensadern der Nation fließen, das heißt, die Straßen, die Bangui mit dem Hafen von  Douala in Kamerun verbinden. Denn seit einigen Wochen fährt kein LKW mehr. Die Lebensmittelpreise schnellen in die Höhe, das Land lebt von seinen Reserven und dem, was es selbst produziert. Aber ein Sack Zement kostet schon jetzt 11.000 FCFA (16,50 Euro), der zuvor 8.000 FCFA gekostet hat.

Mittlerweile ist für sechs Monate der Ausnahmezustand ausgerufen: Ausgangssperre ab 18 Uhr, Einschränkung der Pressefreiheit, schnellere Verhaftungen von Verdächtigen, das Recht der Beschlagnahmung von Fahrzeugen durch den Staat, wenn das Militär sie zu Truppenbewegungen nötig hat und ähnliche Einschränkungen der Freiheits- und Bürgerrechte gelten nunmehr.

Abends und nachts hören auch wir hier im Provinzhaus immer wieder Schüsse. Das sind dann meist die Militärpatrouillen, die Jagd auf die machen, die sich nicht an die Ausgangssperre halten. Ich bleibe also zu Hause, wenn es dunkel wird.

Soweit zur aktuellen, angespannten Lage in der Zentralafrikanischen Republik.

Im Südosten, in der Basse-Kotto, ist es dagegen weiterhin ruhig. Aber auch „unsere“ Rebellen werden allmählich nervös.

Morgen geht es für mich wieder zurück nach Mobaye. Wir haben ein Chorfestival in der Gemeinde, und dann beginnt mit dem Aschermittwoch auch schon wieder die Fastenzeit.

Auf Anarchie und Unberechenbarkeit versuchen wir mit Hoffnung und Zuversicht zu antworten, in jenem Rhythmus, den uns das Kirchenjahr vorgibt. Und dabei kommt mir oft ein Kirchenlied in den Sinn…:

Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit!
Schon sinkt die Welt in Nacht und Dunkelheit.
Geh nicht vorüber, kehre bei uns ein.
Sei unser Gast und teile Brot und Wein.

(Gotteslob Nr.325)