Spuren des Krieges

Im vergangenen Jahr hatte ich in diesem Blog von dem kleinen Isidore geschrieben, der Opfer eines Angriffs von Seleka-Rebellen geworden war. Nach etlichen Wochen hatte man ihm bei einem kleinen chirurgischen Eingriff die Kugel aus seinem Oberschenkel entfernen können.

Noch mehr Glück im Unglück hatte Papa Michel gehabt. Zwei „desertierte“ Seleka-Rebellen hatten aus heiterem Himmel auf ihn geschossen. Die Kugel durchschlug seinen Unterkiefer und blieb im Halsbereich stecken. Dank der Bemühungen des früheren Präfekten Gallo war der Verletzte mit einem Kleinflugzeug nach Bangui evakuiert und dort kostenfrei in einer Klinik von „Ärzte ohne Grenzen“ behandelt worden. Die Kugel hat man ihm jedoch nicht herausoperieren können. Zu riskant sei ein solcher Eingriff hier, das ginge nur in Frankreich.

Und so wartet Michel schon seit Monaten darauf, dass man ihn wieder nach Bangui einbestellt.

Das Röntgenbild aus der Klinik in Bangui habe ich gegen das Tageslicht gehalten, deshalb scheinen die dahinterliegenden Bäume durch. Unten-Mitte im Bild: die Kugel in Höhe des Halswirbelbereiches. Von außen ist sie deutlich tastbar.

Die Spuren des Krieges sind nicht immer so deutlich erkennbar wie bei Michel. Oft sind äußerliche Wunden verheilt, aber die Verletzungen in der Seele der Menschen bleiben. Eine gewaltige Trauer- und Traumaarbeit liegt vor diesem Land. Aber das ist eine andere Geschichte.

Von einem Auto, Schulbüchern und Renovierungsarbeiten

Heute möchte ich wieder einmal das Internet nutzen, um Euch und Ihnen allen ein großes Dankeschön zu sagen für die vielfältige Unterstützung, die wir hier erfahren dürfen – und die ein Großteil unserer pastoralen und humanitären Arbeit erst möglich macht: SINGILA MINGI!

Gleichzeitig möchte ich aber auch ein wenig über den Sinn von (Euren und Ihren) Spenden nachdenken.

Natürlich steht uns allen, die wir in der hiesigen Ortskirche arbeiten, die große Vision einer Gemeinschaft vor Augen, die sich selbst an die Hand nimmt, sich aufrichtet und auf eigenen Füßen steht, die nicht mehr am Tropf fremder Hilfe hängt. Materiell und finanziell gesprochen.

Spirituell ist natürlich jede Ortskirche für immer mit allen anderen Ortskirchen geschwisterlich verwoben, und eine jede bedarf der anderen.

Aber unser Land liegt am Boden, seine Häuser sind in Flammen aufgegangen, trotz aller Friedensrhetorik regieren immer noch Kalaschnikows und Korruption und sonst niemand. In einem solchen Kontext kann eine Kirche, die eine ganzheitliche Pastoral betreiben will, die sich engagieren will in Seelsorge, Erziehung, Gesundheit und Ernährungssicherheit, nicht ohne die Solidarität „von außen“ ihre Berufung leben. Unsere Leute haben in ihrem Alltag um das Überleben der eigenen Familie zu kämpfen; was da noch für die Kirche „übrig“ bleibt, kann keine großen Projekte auf die Beine stellen.

Von daher verstehe ich die Spenden, die in Knechtsteden eingehen, auch nicht als „Almosen“, sondern als Euren und Ihren Ausdruck von Solidarität. Wenn ich sie hier vor Ort verwende, dann betrachte ich sie als eine Form des Mitleidens mit den Opfern einer sinnlosen Rebellion, die mittlerweile keine politischen Ziele mehr kennt, sondern in ein mörderisches Banditentum übergegangen ist. Und da sich auf diesem „Schlachtfeld“ eine Menge Kriegsgewinnler tummeln – hier vor Ort, aber auch in Europa –, bin ich nicht sehr optimistisch, dass das Ganze ein rasches Ende finden wird.

Deshalb muss Weltkirche parteilich werden und darf nicht in Gleichgültigkeit verfallen. Was der Kirche in der Zentralafrikanischen Republik geschieht, betrifft auch die Kirche im fernen Deutschland. Und so passt auch hier wieder einmal das Bild des Missionars Paulus über die Kirche, die der liebe Gott irgendwie ganz gut geordnet habe: „… damit im Leib kein Zwiespalt entstehe, sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen. Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit.“ (1 Kor 12, 25f)

Einige Beispiele, wofür wir Eure und Ihre Gelder verwenden (zur weiteren Erklärung einfach die Maus über die Bilder ziehen):

Zu Kinder- und Jugendzeiten haben wir ein Lied gesungen, das begann so: „In der Mitte der Nacht liegt der Anfang eines neuen Tages…“. Mir scheint, dass wir schon seit geraumer Zeit in der Zentralafrikanischen Republik genau diesen Augenblick durchleben – die Mitte der Nacht. Wie lange er noch dauern wird, vermag niemand vorauszusagen. Aber dass es irgendwann wieder hell werden wird, die Gewissheit haben wir. Muss ja.

Von einem anderen Tier

CIMG0042 2

Aber nicht nur Wachhunde haben wir hier.

Vor kurzer Zeit war es eine Schlange, knapp 1,5 Meter lang, die sich unter unserer Treppe versteckt hielt. Weil niemand beim Vorbeizischen einer Schlange im Dunkeln genau sagen kann, ob das eine giftige ist oder nicht, ist es in jedem Fall sicherer, sie zu erschlagen. Kennt jemand von Euch diese Schlangenart?

Poullart

Einige von Euch haben den Namen vielleicht schon einmal gehört: Poullart. In kompletter Form: Claude-François Poullart des Places. Er lebte von 1679 bis 1709, zunächst in Rennes, später in Paris. Dort ist er auch gestorben, aber nicht ohne ein Erbe zu hinterlassen: unseren Spiritanerorden. Den hat er nämlich an Pfingsten 1703 in einer Seitenkapelle der Kirche Saint-Etienne-des-Grès ins Leben gerufen – ohne damals freilich zu ahnen, was aus der kleinen Gruppe von Theologiestudenten werden sollte: ein Missionsorden, der heute knapp 3.000 Mitglieder zählt und in über 60 Ländern dieser Erde tätig ist. Aber von diesem unserem Gründervater wollte ich eigentlich gar nicht schreiben, sondern von einem ganz anderen „Poullart“: unserem neuen Wachhund, den wir uns vor ein paar Tagen angeschafft haben.

Sicher, er muss noch ein wenig wachsen, um auch wirklich eines Tages Diebe zu vertreiben. Aber das schafft er schon. Mit einem solchen Namen…

 

Unsere weiterführende Schule

Im zentralafrikanischen Schulsystem folgt auf die sechs Jahre Grundschule eine Art dreijährige Sekundarschule, im Französischen auch als „collège“ bezeichnet. Die neunte Klasse schließt mit „Mittleren Reife“ ab. Die Klassen 10 bis 12 bilden den gymnasialen Abschluss, das „lycée“ genannt. In der Regel bilden „collège“ und „lycée“ eine Schule, das Gymnasium eben.

In diesem Schuljahr haben wir eine „sixième“ eröffnet, eine siebte Klasse. Der Unterricht findet nachmittags statt, in einer Klasse der Grundschule. Es gibt noch kein eigenes Gebäude, noch keine formelle staatliche Anerkennung, keine Arbeitsverträge. Aber schon einmal eine große Entschlossenheit, eine gut funktionierende, christlich orientierte weiterführende Schule auf die Beine zu stellen.

In der Tat existiert schon seit vielen Jahren ein staatliches Gymnasium in Mobaye. Aber die Zahl der ausgefallenen Unterrichtsstunden scheint mir größer zu sein als die, die stattgefunden haben. Und dann das weitverbreitete Übel der Korruption, um einen Abschluss zu erreichen.

Wir möchten mit unserer Spiritanerschule zudem einen anderen Schwerpunkt setzen, und zwar auf berufliche Ausbildung bis zur mittleren Reife: Maurer(in?), Schreiner(in?), Schneider(in), alles natürlich mit einfachsten Mitteln, die wir vor Ort finden.

Stundenweise sind einige auswärtige Lehrer beschäftigt, aber auch wir selbst: Sr. Blandine gibt den Französischkurs, P Prince den Religionsunterricht, und ich unterrichte Englisch. Ich denke mir, dass die Lehrer(innen) unter Euch jetzt die Stirn runzeln… Aber woher in der Basse-Kotto einen Englischlehrer nehmen?

Wie auch immer, ich habe entdeckt, dass mir das wirklich großen Spaß macht.

 

Chrisammesse in Alindao

Wieder in Alindao. Letzte Woche haben wir uns auf den Weg in unsere Bischofsstadt gemacht, um am Dienstag der Karwoche die Chrisammesse feiern. Das ist jene Messe jedes Jahr in der Karwoche, in der alle Priester (und Diakone) ihr Treueversprechen gegenüber dem Bischof erneuern und in der die drei Heiligen Öle (für Taufbewerber, für Taufe und Firmung, sowie für die Kranken geweiht werden. Nach langer Zeit waren wie wieder einmal versammelt, fast alle Priester der Diözese und die drei Ordensschwestern aus Mobaye.

Zahlreich sind wir nicht: 1 Bischof, 7 Diözesanpriester und 2 Spiritaner für eine ganze Diözese. Ein Bistum, das durch eine sinnlose Rebellion völlig am Boden liegt. Die Bilder der Zerstörung vom Angriff auf das Gelände in Alindao am 15. November 2018 sprechen für sich…

CIMG0013 CIMG0019

Das Flüchtlingslager mit über 20.000 Menschen um die Kathedrale herum, von dem ich schon im vergangenen Jahr schrieb, existiert weiter.

CIMG0286 2
Zum Gloria tanzen wir am Ostermorgen um den Altar

Darauf folgten der Gründonnerstag, der Karfreitag, die Osternachtfeier am Samstagabend und die Ostermesse am Sonntagmorgen in Mobaye. P. Prince und ich haben beschlossen, die großen Festtage gemeinsam zu feiern, das heißt niemand fährt in eine Außenstation, sondern wir bleiben erst einmal alle in daheim, bevor wir nächste Woche beginnen, österliche Gottesdienste in unseren Kapellengemeinden zu feiern.