Nilpferde, Teil 3

Neben der Erklärung von Hexerei gibt es noch eine weitere Deutung von aggressiven Nilpferden, die der ersten allerdings recht ähnlich ist, nämlich die der Metamorphose. Ich habe bislang noch niemanden getroffen, der diese Möglichkeit bestreitet.

„Metamorphose“ heißt im hiesigen Zusammenhang so viel wie die Verwandlung eines Menschen in ein Flusspferd. Wenn es zu einer Attacke auf dem Wasser gekommen ist, höre ich immer wieder die Worte: „Das war kein Tier so wie Gott sie schafft. Das war ein verwandelter Mensch.“

CIMG9073 3Es handele sich dabei um zumeist Männer, die einen Pakt mit dem Bösen eingegangen seien. Nachts hielte sie nichts mehr im Haus, eine unwiderstehliche innere Kraft treibe sie hinaus an das Ufer. Dort angekommen entledigen sie sich ihrer Kleidung, werfen sich ins Wasser, drehen sich mehrfach um ihre eigene Achse und werden somit zu Nilpferden. Kurze Zeit später machen sie sich auf die Suche nach einem ahnungslosen Opfer.

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Zeugen dafür gäbe es. Die, die eine Verwandlung mit eigenen Augen gesehen hätten. Und Fischer auf dem Wasser, die plötzlich neben sich eine Piroge mit einem Menschen sähen, wo zuvor weit und breit niemand zu erkennen war. Hier handele es sich um ein rasch rückverwandeltes Nilpferd.

Und Geständnisse gibt es ebenso. Menschen, die sagen: „Ja, ich besitze die Kraft, mich in ein bösartiges Flusspferd zu verwandeln. Und ich habe auch schon getötet.“

Ein fataler Angriff hat weitreichende Folgen. Die Fischer wagen sich nicht mehr auf den Fluss. Aber ganze Dörfer leben vom täglichen Fischfang, und so bleiben wirtschaftliche familiäre Katastrophen nicht aus.

Wer trotzdem den Mut hat, auf den Fluss hinauszufahren und wer womöglich in einer solchen angespannten Situation einen guten Fang macht, macht sich gleichzeitig verdächtig. Vielleicht ist er ja selber das mörderische Nilpferd, das alle Konkurrenten vertreibt…

Und warum jagt man die Flusspferde nicht? – Weil sie unter strengem Artenschutz stehen, auch in der Zentralafrikanischen Republik. Freilich versteht diese Auflage niemand mehr, wo es um Menschenleben geht. Zudem hat das Umweltministerium die Befugnis, Tiere zum Abschuss freizugeben.

Aber Dickhäuter lassen sich nicht mit einfachen Jagdgewehren zur Strecke bringen. Einmal hat ein gefürchteter Seleka-Milizionär mit seiner automatischen Waffe auf ein Tier geschossen. Ohne Erfolg.

Irgendwie sind alle ratlos. Aber da es sich ja nicht um „echte“ Tiere handle, sei die Jagd nochmal schwieriger.

Grausam ist all das, und ich bin nochmal ratloser. Für mich ist die Vorstellung von Metamorphosen – Menschen werden zu Tieren – nicht nur irrational (aber Rationalitäten gibt es ja nur im Plural), sondern vor allem unbiblisch. Der Mensch steht in seiner einzigartigen Verfasstheit als Mensch vor Gott, sowohl im Diesseits als auch im Jenseits. Die ganze biblische Offenbarung spricht von jenem vertrauensvollen „Ja“, das Gott zu einem jeden Geschöpf in seiner Einmaligkeit sagt. Das „Ja“ Gottes zum Menschen ist ein anderes als sein „Ja“ zum Nilpferd. Auch wenn das jetzt witzig klingt…

Levy ist Anfang Januar gestorben, letzte Woche hat es einen ähnlichen Todesfall in unserer Kapellengemeinde Mafunga gegeben, und vorgestern ist ein junger Mann in Lembo Opfer einer Nilpferd-Attacke geworden.

 

 

 

Nilpferde, Teil 2

Wer war schuld am Tod von Levy?

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Wie gesagt, in allen Artikeln über das Verhalten von Nilpferden ist davon die Rede, dass es sich dabei um höchst aggressive Tiere handelt, und es scheint so zu sein, dass sie selbst auch ohne für uns erkennbaren Grund Menschen angreifen.

Aber mit einer solchen Erklärung, die natürlich Fragen offen lässt, gibt sich hier niemand zufrieden. Und so kommt jetzt die „unsichtbare Welt“ ins Spiel.

Zwei junge Männer, die Zeugen des Angriffs waren, hatten nämlich noch mehr zu berichten: dass Levy, als sie ihn ins Krankenhaus brachten, immer wieder den Namen seiner Frau ausgesprochen und sie beschuldigt habe: „Sie bringt mich um.“

Noch während Levy in Behandlung war, regte sich erster Unmut gegen die junge Mutter von drei kleinen Kindern. Tatsächlich war es zu Streit zwischen beiden am Vortag gekommen, irgendwie „hing der Haussegen schief“. Als Levy schließlich starb, war seiner Familie klar: Durch ein magisches Ritual hatte seine Frau das gefährliche Tier auf ihn gehetzt. In die Trauer mischte sich nun rasende Wut.

Als der Leichnam aufgebahrt war und ich wieder Richtung Krankenhaus zurückfuhr, hatte die junge Witwe mit ihren drei kleinen Kindern auch schon Zuflucht bei der Präfektin gesucht. Sie hatte Todesangst. Nur allzu gut wusste sie, dass man sie noch am selben Abend umbringen könnte. Auch die Blauhelmsoldaten waren schon zur Stelle. In ihrer Begleitung sind wir mit der Präfektin und der jungen Frau nochmals zum Trauerhaus gefahren. Es dauerte nicht lange, da flog auch schon der erste Stein. Einer von Levys Cousins wollte seine Schwägerin erschlagen. Die Blauhelmsoldaten haben den jungen Mann verhaftet. Unter Militärschutz sind wir wieder zurückgefahren, die Frau sollte die Nacht in der Kaserne der Minusca-Soldaten verbringen.

Am nächsten Morgen fand in unserer Kirche der Trauergottesdienst statt, aus Sicherheitsgründen war die Witwe nicht dabei. In der Predigt habe ich natürlich von der Hoffnung auf Auferstehung und Vollendung gesprochen; vor allem aber auch darüber, dass Gewalt keine Antwort auf den so sinnlos erscheinenden Tod von Levy sein darf! Ich glaube, dass unsere Liturgie die Herzen der Trauernden etwas beruhigen konnte.

Auch wenn Levys Mutter heute immer noch nicht von der Unschuld ihrer Schwiegertochter überzeugt zu sein scheint, hat sein Vater doch eine Lanze für die junge Frau gebrochen und erklärt, dass er davon überzeugt sei, dass sie nicht für den Tod seines Sohnes verantwortlich sei. Jetzt gehe es einfach nur darum, den Kindern eine gute Zukunft zu verschaffen.

 

 

 

 

 

Nilpferde

Es kommt sogar in der Bibel vor, das Flusspferd, auch wenn da eine starke mythologische Komponente mitschwingt: „Sieh doch das Nilpferd, das ich wie dich erschuf. Gras frisst es wie ein Rind“, sagt Gott zu Hiob, aber sein bloßer Anblick bringt zu Fall.  So kühn ist keiner, es zu reizen. Wer hat die Tore seines Gesichts geöffnet? Rings um seine Zähne lagert Schrecken. Erhebt es sich, erschrecken selbst die Göttlichen; vor Schrecken wissen sie nicht aus noch ein. (Hiob 40,15; 41,1b.2a.6.17).

Die Erfahrung, wie gefährlich diese auf den ersten Blick behäbigen Dickhäuter sind, haben also schon die Völker der Antike gemacht. Und die Menschen am Ubangi machen sie bis heute. Auch wir in Mobaye.

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Wenn wir mit unserem Einbaumboot die Kapellengemeinden am Fluss besuchen, begegnen uns immer wieder Nilpferde. Meist liegen sie dösend im Wasser. Nachts kommen sie zur Nahrungssuche an Land. Dann sehen wir sie zwar nicht, hören aber ihr Grunzen bis ins Pfarrhaus. Sie ernähren sich von Gras oder dem, was auf den Feldern am Ufer angepflanzt wurde: Erdnüssen, Mais und ähnlichem. Am nächsten Morgen bleibt nur noch ein verwüsteter Acker zurück.

Weit schlimmer als die Vernichtung von Ernten ist jedoch die Aggressivität dieser reinen Pflanzenfresser. Ohne jeglichen Grund greifen sie Fischer in ihren kleinen Pirogen an, vor allem nachts und in den frühen Morgenstunden, aber auch am helllichten Tag kann es zu Attacken kommen. In Internetartikeln über das Verhalten von Flusspferden heißt es häufig, dass diese angreifen, wenn sie sich bedroht fühlen. Doch die Erfahrung der Menschen am Ubangi geht weit darüber hinaus: Eine ruhig auf dem Wasser liegende Piroge kann zum Angriffsobjekt eines Nilpferdes werden, das sich anfangs noch in weiter Entfernung befand. Das mehrere Tonnen schwere Tier nimmt den Menschen wahr, trotz seiner schwachen Augen, taucht unter und schwimmt auf das Boot zu. CIMG9073 3Zumeist bemerkt der Mensch die drohende Gefahr überhaupt nicht. An seinem Ziel angekommen, taucht das Flusspferd wieder auf und schleudert die Piroge mit dem oder den Menschen in die Luft. Mit Hilfe seines ausgeprägten Geruchssinnes spürt es seine Opfer im Wasser auf und schlägt mit seinem Opferkiefer und den mächtigen Hauern auf sie ein. Die schweren Verletzungen führen häufig zum Tod.

Im Januar hat sich genau dieses Szenario auf dem Ubangi vor Mobaye abgespielt. Opfer war ein Fischer namens Levy, der am frühen Abend auf dem Fluss unterwegs war. Das Nilpferd hat ihn gepackt und noch bis ans Ufer gezogen. Von dort haben Augenzeugen ihn rasch ins Krankenhaus gebracht. Hier ist er drei Tage später verstorben.

An jenem Sonntagnachmittag fuhr ich ebenfalls zum Krankenhaus, um einige Leute dort zu besuchen. Levy war gerade gestorben, und so habe ich mit seiner Familie nach einiger Zeit die Leiche zum Haus gefahren. Es gibt ja kein Bestattungsunternehmen hier. Nun darf man sich das nicht vorstellen wie den Transport eines Verstorbenen in Deutschland, das heißt still und diskret. Hier wird ein solcher Leichenzug von markerschütternden Schreien begleitet, die ganze Stadt ist außer sich, die Menschen kommen in Massen zum Krankenhaus gerannt, weinend und kreischend, und folgen dann dem Wagen bis zum Haus des Verstorbenen. Dort wurde Levy an jenem frühen Abend draußen aufgebahrt, so wie es dem Brauch entspricht.

Am nächsten Morgen, als der Sarg fertiggezimmert war, wurde der Verstorbene in unsere Kirche gebracht, wo wir dann den Auferstehungsgottesdienst gefeiert haben. Danach fand die Beerdigung neben dem kleinen Haus der Familie statt (nur die allerwenigsten Menschen werden bei uns auf dem Friedhof bestattet).

Ein solches Unglück zu akzeptieren ist immer und überall schwer. Wie kann Gott so etwas zulassen? – Hier in Zentralafrika wird die Frage jedoch anders gestellt: Wer ist schuld am Tod von Levy?

In Ausbildung

Wer auf unsere Spiritanermission hier in der Zentralafrikanischen Republik schaut, wer danach fragt, wie unsere alltägliche Arbeit in Pfarreien und Projekten aussieht, dem wird auf den ersten Blick vielleicht der materielle und finanzielle Mangel ins Auge springen. Auf einen zweiten Blick jedoch zeigt sich ein anderes Problem, das mir noch viel gravierender scheint: unsere arg begrenzten „ressources humaines“, um es in einem vermeintlichen Fachjargon zu sagen. Oder einfach: Wir sind zu wenig Spiritaner im Land, um auf alle Herausforderungen angemessen reagieren zu können. Was tun? Backen kann man keine neuen Mitbrüder, aber diejenigen begleiten und ausbilden, die sich auf das Wagnis eines missionarischen Ordenslebens einlassen wollen.

Doch die Ordensausbildung geistlicher und professioneller Art ist langwierig, manchmal auch mühsam, und vor allem kostspielig. Für die Kandidaten der verschiedenen Spiritanerprovinzen im zentralen Afrika gibt es gemeinsame Ausbildungshäuser in Gabun und in Kamerun. Dort werden in der Regel auch unsere jungen Leute hingeschickt. Postulat

Der erste Schritt ins Ordensleben jedoch, das einjährige Postulat, erfolgt im jeweiligen Heimatland. Und so gibt es in Bangui das Théodore-Dobozendji-Haus, in dem zur Zeit drei Postulanten mit ihren Ausbildern leben: Bienvenu, Régis und Privat. Hinzu kommen zwei Studenten im ersten Studienjahr. Sie hatten ihr Visum für Gabun nicht bekommen und studieren deshalb Philosophie am Seminar Saint Marc in Bangui: Ben-Sirac und ein anderer Bienvenu.

Zwei der fünf Anwärter haben auch schon ein Praktikum bei uns in Mobaye gemacht.

Ein Ausbildungshaus trägt sich finanziell nicht allein. Die Familien unserer Ordenskandidaten haben kaum Möglichkeiten, für Studium und Alltag der jungen Leute zu bezahlen. Zwar gibt es Unterstützung aus dem sogenannten „Cor Unum“-Fond des Vatikans, aber auch die reicht nicht aus, um alle Kosten zu decken. Deshalb ist die Solidarität aller Spiritanergemeinschaften im Land gefragt. Und so bringen wir aus Mobaye Maniok, Reis, Erdnüsse und manchmal auch geräucherten Fisch mit, eben das, was wir bei den Gabenprozessionen in den Gottesdiensten erhalten. Und manchmal helfen wir unserem Ausbildungshaus auch mit Euren Spenden. Damit wir Spiritaner unseren Missionsauftrag auch auf lange Zeit hin erfüllen können. Und dafür braucht es eben gut ausgebildete und engagierte junge Mitbrüder.

Von einem spanischen Nuntius

Gestern ist unsere jährliche Spiritanerversammlung zu Ende gegangen. Zum Abschlussgottesdienst war der Apostolische Nuntius gekommen, Santiago De Wit Guzmán, ein spanischer Bischof, der den Vatikan bei uns in der Zentralafrikanischen Republik und im benachbarten Tschad vertritt.

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Diplomatischer Dienst im Auftrag des Papstes. In Deutschland ist mir dieser Teil von Kirche kaum im Bewusstsein, und ich gebe zu, ich wüsste jetzt auch überhaupt nicht, wer der Botschafter des Vatikanstaates in Deutschland ist.

Hier ist das anders. Hier erlebe ich, dass die diplomatische Vertretung des Vatikans viel mehr Bedeutung und Einfluss ausübt als ich es anderswo wahrgenommen hätte, sowohl im innerkirchlichen als auch im politisch-öffentlichen Raum.

Könnte es aber auch sein, dass dabei ihre symbolische „Macht“ vielleicht noch größer und wichtiger ist als ihre realpolitische?

In einem Phantomstaat, der von Kriegsherren und Korruption kontrolliert und manipuliert wird, könnte die weißgelbe Fahne am Dienstwagen des Diplomaten so etwas wie ein Symbol sein, das sagt: „Ihr seid vom Rest der Welt nicht vergessen“, denn die katholische Kirche ist weltumgreifend. Und: „Ihr als Ortskirche seid Teil einer großen solidarischen Weltgemeinschaft“.

Aber vielleicht sehe ich das angesichts der Skandale im Herzen unserer Kirche auch alles zu idealistisch.

Brigitte Peerenboom

Unsere kleine Kommunität in Mobaye hat Verstärkung bekommen. Als ich vor zwei Wochen in Bangui war, konnte ich Brigitte Peerenboom aus Emmerich bei uns willkommen heißen. Drei Monate wird sie in Mobaye „mitleben, mitbeten, mitarbeiten“

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Maria-Lena und Annette vom „Zivilen Friedensdienst“, Brigitte und ich, neulich beim Sonntagskaffetrinken 

Brigitte ist Pastoralreferentin im Bistum Münster, genauer gesagt in Gemeinde Bedburg-Hau am Niederrhein. Wir haben uns schon vor zehn kennengelernt, da kam sie als Begleiterin einer kleinen Jugendgruppe nach Alindao, gerade zu jener Zeit, als ich dort mit der Mobilen Klinik unterwegs war.

Nach etlichen Jahren im pastoralen Dienst nimmt sie sich nun eine Auszeit, ein sogenanntes Sabbatjahr. Und den ersten Teil dieser kostbaren Zeit schenkt sie uns in Mobaye. Letzte Woche haben wir uns auf den Weg in die Basse-Kotto gemacht. In unserer Gemeinde angekommen, haben wir sie dann auch schon  „ins kalte Wasser geworfen“. Nicht in den Ubangi, sondern ins kalte Wasser des „Fremd-Seins“. P. Prince und ich mussten nämlich rasch wieder zurück nach Bangui zu unserer jährlichen Spiritanerversammlung, und so macht Brigitte nun in 600 Kilometer Entfernung echte Missionserfahrung: fremde Menschen, fremde Kulturen, fremde Sprachen (Aber natürlich haben mir die Schwestern und unsere Leute in der Gemeinde versprochen, sie keinen Moment allein zu lassen…)

Brigitte hospitiert schon in unseren Schulen, spielt auf unserer Veranda Gitarre und singt und hat damit sofort einen spontanen Kinderchor um sich herum geschart. Musik kennt eh keine Grenzen.

Für uns ist Brigittes Bereitschaft, eine Zeit lang mit uns in Mobaye zu leben, ein mutiges Zeugnis vom Christsein, von der Verbundenheit von Menschen unter dem Dach der Kirche in der Einen Welt.

Kirchenasyl auf zentralafrikanisch

Ich erinnere mich nicht mehr, wann genau die ältere Frau zu uns kam; es war an irgendeinem Sonntagnachmittag. Sie hatte einen Brief in ihrer Hand, den sie uns gab. Claver, unser Katechet aus der Kapellengemeinde von Mafunga, hatte ihn geschrieben. Er bat uns, der Frau zu helfen. Was war geschehen?

Eine aufgebrachte Menge hatte sie massiv bedroht. Eine Hexe sei sie, verantwortlich für den Tod mehrerer Kinder. Aus jedem Dorf, in dem sie Zuflucht suchte, war sie vertrieben worden, selbst aus dem, in dem ihre Tochter lebte. So war sie nach Mafunga gekommen, wo aber ein jeder schon „wusste“, wer sie war: eine böse Frau, die mit ihrer gefährlichen Zauberei Kinder umbrachte.

Eine Nacht lang hatte unser Katechet sie bei sich aufgenommen, ihr zu essen gegeben, aber länger konnte die Frau nicht schutzlos in dem Dorf bleiben. Also schickte er sie zu uns.

Was tun? Ich bin am nächsten Tag zum Unterpräfekten gegangen. Für die Sicherheit einer Person ist der Staat verantwortlich. Er versprach, sich mit den Dorfchefs ihres Heimatdorfes in Verbindung zu setzen und sie dann dorthin zu bringen. Aber bei der Zusage blieb es dann auch. Wir selber haben Verwandte der Frau aufgesucht, wurden aber immer hingehalten und auf später vertröstet. Zwischenzeitlich fand die Frau Unterkunft in einem unserer Pfarrräume.

Als wir merkten, dass wir bei der Familie auf notorische Ablehnung stießen, haben wir ein kleines Haus in einem der Stadtviertel von Mobaye angemietet. Aber auch da wurde sie am folgenden Tag massiv bedroht, selbst von den Dorfchefs, die eigentlich für die Sicherheit ihrer Bevölkerung zuständig sind.

Der letzte Versuch war ein kleines Haus direkt neben dem Grundstück unserer Kirche. Dort hat es keine Stunde gedauert, bis dass eine Nachbarin wutschnaubend auf mich zukam und mich wild beschimpfte. Sie habe schon mit den Rebellen gesprochen, die würden mit ihr kurzen Prozess machen… Also bezog die vermeintliche „Hexe“ zwei Stunden später wieder ihre vier Wände auf unserem Gelände.

Seit einigen Monaten lebt die Frau nun schon bei uns. Wir haben einen kleinen Raum für sie eingerichtet, sie geht auf’s Feld und Feuerholz sammeln und verkaufen. Seitdem ist es still um sie geworden. Solange sie bei uns lebt, tut ihr keiner etwas an. Eine wahre Lösung ist das nicht. Aber was tun in einem Land, in dem kein Rechtsstaat existiert, in dem ein Mensch, der einmal der Hexerei beschuldigt worden ist, den Rest seines Lebens als vogelfrei gilt? – Natürlich gibt es Gesetze, die ein Menschenleben schützen, aber da das zentralafrikanische Strafrecht das Vergehen der Hexerei und Scharlatanerie anerkennt und mit Strafe belegt, stellt niemand das Phänomen der Hexerei prinzipiell in Frage.

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Ein krankes Kind in unserem Krankenhaus in Zangba. Womöglich Malaria…

Und was war das „Vergehen“ der Frau? Irgendwann war ein kleines Kind krank geworden: hohes Fieber, Durchfall, Erbrechen, gefolgt von Koma und Tod. Jedes Buch über Tropenkrankheiten beschreibt diese Symptomatik als kennzeichnend für eine unbehandelte Malaria, und wir leben in einer Region, in der die Anophelesmücken zahlreich sind und die Erkrankung endemisch ist. Aber für viele Menschen ist klar: „Das ist Hexerei“. Später blieb es dann nicht nur bei einem Kind, das erkrankte und starb, sondern es wurden drei, vier, fünf…

Und so bleibt die Frau „erst einmal“ bei uns. „Kirchenasyl“ auf zentralafrikanisch. Nicht um sie vor Abschiebung zu schützen, sondern vor Lynchmord. Bis dass der Rechtsstaat wieder hergestellt ist. Dann droht ihr nämlich der Prozess.

Sorcière