Ein „Friedensschluss“ auf zentralafrikanisch

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Seit einer guten Woche bin ich wieder zurück in unserem Mobaye. In der Tat, nach Monaten des Stillstands, der gelegentlichen Gewaltakte und der permanenten Bedrohung hat es in der vergangenen Woche eine große Veränderung gegeben. Ob sie auch nachhaltig ist, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.

Ein hochrangiger Vertreter des Anti-Balaka-Bündnisses ist in der Basse-Kotto unterwegs, und es gelingt General Gaëtan tatsächlich, die meisten der zersplitterten Gegenmilizen in den Dörfern dazu zu bewegen, einem Waffenstillstand mit den Seleka-Rebellen zuzustimmen. Und so sehen wir seit knapp 10 Tagen viele junge Männer mit Amuletten um ihren Hals und Waffen in ihren Händen nach Mobaye strömen. Etliche von ihnen begrüßen mich auf der Straße, viele sind Katholiken. Irgendwann hat ein jeder von ihnen den Entschluss gefasst, sich ritueller schwarzer Magie zu unterziehen und sich den bewaffneten Gruppen anzuschließen. War das aus echter Überzeugung? War das Gruppenzwang? Kinder sind unter ihnen. 12, 13jährige Jungs gehören dazu. Alle scheinen mir Täter und Opfer zugleich.

Und so haben wir heute in Mobaye

1) eine Militärbasis der Seleka-Rebellen,

2) eine Militärbasis der Anti-Balaka-Milizen, und

3) eine Militärbasis der MINUSCA-Truppe, der Blauhelmsoldaten aus Mauretanien.

Na, dann steht dem wahren Frieden ja nun nichts mehr im Wege… Aber Zynismus beiseite: Dieser Zustand soll solange andauern, bis dass staatliche Autoritäten das sogenannte DDR-Programm beginnen: Démobilisation –Désarmement (=Entwaffnung) – Réinsertion (=Wiedereingliederung von ehemaligen Rebellen in das zivile Leben).

Wann das sein wird? – Keine Ahnung! Gestern bin ich beim neuen Kommandanten der MINUSCA-Truppe vorstellig geworden und habe den Ortschef der Anti-Balaka-Kämpfer getroffen. Letztere nennen sich nunmehr RDR (Rassemblement des Républicains = Vereinigung der Republikaner). Das klingt ziviler. Ich habe beiden Kommandanten gesagt, dass, solange beide Rebellengruppen mit Waffen ausgerüstet in der Stadt umherziehen, kaum ein Flüchtling aus dem Kongo zurückkommen wird. Und betont, dass wir als katholische Kirche von Mobaye auf dem DDR-Programm und der Einsetzung der staatlichen Autoritäten bestehen. Der Kommandant der Blauhelmsoldaten hat nur gegrinst und gesagt, dazu hätten sie zurzeit kein Mandat. Und das würde in diesem Jahr auch nix mehr.

Advent: Zeit des Wartens auf den Friedensfürsten.

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Verkündigung des Waffenstillstands

Aus Sicherheitsgründen habe ich auf diesem Blog bislang keine Fotos von „Soldaten“ veröffentlicht. Da der Friedensschluss vom vergangenen Dienstag jedoch ein öffentliches Ereignis war, will ich es heute einmal tun. Um zu zeigen, wie unser Alltag in Mobaye auch aussah und bis heute aussieht…

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Seleka-Rebellen
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Anti-Balaka-Kämpfer 

 

 

„Alltag“ in beiden Mobayes

Wie den vorvorletzten Eintrag könnte ich auch diesen mit dem Wort „Stillstand“ beginnen.

Im Mobaye auf zentralafrikanischer Seite ist es in den letzten Tagen zu einem Treffen zwischen Vertretern der Seleka-Rebellen und der „Anti-Balakas“ gekommen. Angeblich haben sich beide Seiten auf einen Waffenstillstand geeinigt.

Das, was zunächst einmal wie ein glücklicher Wendepunkt erscheint, wirft jedoch eine Vielzahl von Fragen auf, vor allem die eine: Und was kommt jetzt? – Als wir in der vergangenen Woche wieder zwei Tage in unserem Mobaye verbracht haben, da bin ich abends durch die Straße mit den vielen kleinen Geschäften gegangen. Die Hälfte der Läden war geschlossen, die andere Hälfte geöffnet. Vor jedem Haus oder Bretterverschlag saßen die Verkäufer, manche mit Messern oder sogar automatischen Gewehren in der Hand. Auf der Straße „patrouillierten“ zahlreiche bewaffnete Rebellen, einige von ihnen betrunken oder unter Drogen. Bleibt das so? Die, die in Mobaye geblieben sind, sagen uns: „Jetzt ist der Frieden da!“

Bleiben die Selekas die Herren im Lande, setzen sie Straßensperren und Drangsalierungen der Zivilbevölkerung fort? Für welche „Anti-Balaka“-Gruppe(n) haben die Vertreter gesprochen? Die Gegenrebellen sind keine hierarchisch strukturierte Armee, sondern viele kleine unabhängige Gruppierungen, die ihre Dörfer „befreit“ haben und jetzt beherrschen. Wir wissen von verschiedenen dieser Gruppen um Mobaye, dass sie einem Friedensschluss mit den Selekas keinesfalls zustimmen.

Und Bangui? Der vor zwei Monaten neu nominierte Präfekt und die Sous-Präfekten sind noch nicht eingetroffen. Sie bleiben weiter in der Hauptstadt. Man vertröstet uns auf ein „später“. Es ist, als sei die  Basse-Kotto nicht mehr Teil der Zentralafrikanischen Republik.

Unterdessen geht das schwierige Leben der Flüchtlinge auf kongolesischer Seite weiter. Nur schwerlich läuft die Hilfsmaschinerie an, bleibt immer wieder stecken im Sumpf von Bürokratie und Korruption. Trotzdem oder gerade deshalb: Mit Ihrer und Eurer Unterstützung setzen wir die vielen kleinen Momente der Hilfe in unseren Gesundheits- und Pastoralprojekten fort.

 

Das ist wahrlich kein optimistisches Bild, das ich hier am Vorabend des Ersten Adventssonntages zeichne. Umso mehr, umso mehr unsere Hoffnung auf Den, der uns verheißen ist:

Tochter Zion, freue dich,

jauchze laut, Jerusalem!

Sieh, dein König kommt zu dir,

ja, er kommt, der Friedensfürst.

(vielleicht singt Ihr das ja am Sonntag…)

Morgen wollen wir wieder rüber in unser Mobaye. Für drei Tage. Den ersten Advent feiern.

Eine Fortbildung für unsere Katecheten

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Gruppenbild am Ende des Treffens

Als noch halbwegs Frieden war in unserem Bistum Alindao und unserer großen Pfarrei von Mobaye, da habe ich immer mal wieder von unseren Touren in die Außenstationen berichtet. In jeder unserer knapp 40 Kapellen am Fluss und im Landesinneren arbeiten Katecheten. Sie sind im Wesentlichen die Träger des kirchlichen Lebens in den Dörfern: Sie leiten die Wortgottesdienste am Sonntag, bestatten die Verstorbenen und geben Unterricht in Vorbereitung auf Taufe, Erstkommunion und Firmung.

Der Krieg der letzten sechs Monate hat vieles kaputt gemacht. Auch einige Kapellen sind von den marodierenden Rebellen geplündert und zerstört worden, womöglich auch unser Wallfahrtszentrum Pengue, wo wir noch den Palmsonntag gefeiert hatten.

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Predigtübung

Die meisten unserer Katecheten sind mittlerweile, wie wir ja auch, in den Kongo geflohen, und so habe ich seit einiger Zeit versucht, sie in den Dörfern ausfindig zu machen. An einigen Orten arbeiten sie mit den einheimischen Katecheten zusammen, leiten abwechselnd die Sonntagsgottesdienste. Das sind schöne Erfahrungen der Solidarität, die wir da machen dürfen.

In der vergangenen Woche haben wir alle die, die im Kongo sind, zu einer 4 tägigen Fortbildung eingeladen. Der Pfarrer von Mobaye Mbongo hat uns dazu die zweite Kirche der Stadt zur Verfügung gestellt. Der formelle Teil – Schulung zum kirchlichen Jahreskreis und zu den 4 Evangelien, Predigtübungen und liturgische Praxis – waren dabei genauso wichtig wie der informelle – sich endlich einmal alle wiedertreffen, Austausch, Ermutigung. Und nicht zuletzt: Gottesdienst feiern. War eine wirklich gute Zeit.

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Unterricht
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Kleingruppenarbeit
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Beim Mittagessen
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In der Küche

Frustration, Angst und auch etwas Wut

Wieso immer noch Menschen in Mobaye auf zentralafrikanischer Seite bleiben, wobei sie doch in das sichere Nachbarland übersetzen könnten, ist mir und uns hier im Kongo ein Rätsel. Jeden Moment können die „Anti-Balakas“ wieder angreifen und ein Massaker unter der Bevölkerung anrichten. Denn in ihren Augen ist jeder, der bleibt, Kollaborateur der Seleka-Rebellen.

Sicher, das Leben als Flüchtling in Lembo oder Kambo oder sonst wo ist extrem schwierig, ist ohne Übertreibung eine Frage des puren Überlebens. Aber mit viel gutem Willen, Tatkraft und gelebter Solidarität untereinander ist das möglich. Geht es darum, den Besitz daheim zu sichern? Das Haus? Den Kaffee, der jetzt auf den Feldern zur Ernte ansteht (aber wer kann es wagen, die Stadt zu verlassen? – Niemand!) Oder will man sich nicht eingestehen, dass man auch als „Patriot“ sein Land guten Gewissens für eine Zeit lang verlassen kann? Ist das gekränkter Stolz? Stunden- und tagelang zermartern wir uns den Kopf über diese Fragen… In Angst um unsere Leute. Und in Frustration, weil wir sie nicht verstehen.

Am vorletzten Wochenende waren wir für zwei Tage dort, haben am Sonntag Gottesdienst gefeiert – und mussten uns den heftigen Vorwurf gefallen lassen, sie, die Menschen vor Ort, im Stich zu lassen. Ich glaube, es gibt für einen Priester nichts Schlimmeres als eine solche Anklage.

Aber aus meinem inneren Ringen mit und Zweifeln an mir selbst ist mittlerweile ein Stück Wut geworden: Warum lässt sich eine kleine Minderheit in diesen sinnlosen Krieg hineinziehen? Und vor allem: Warum ziehen sie ihre Kinder dort mit hinein??

Als sich Ende Mai für jede Familie die Frage stellte „Gehen oder Bleiben?“, da haben wir Antworten auch in der Heiligen Schrift gesucht und im Matthäusevangelium dies gefunden: „… da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; […] denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.“ (Mt 2,13f)

Heute, mit Blick auf unsere Gemeindeglieder, die in Mobaye bleiben, kommt mir noch eine andere Stelle in den Sinn. Als Jesus 40 Tage in der Wüste lebt und fastet, stellt ihn der Teufel dreimal auf die Probe. Und einmal, da nimmt er ihn mit in die Heilige Stadt Jerusalem, stellt ihn auf den Tempel und sagt zu ihm: „Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es steht geschrieben: Seinen Engeln befiehlt er deinetwegen, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ (Lk 4,9-11). – Und? Springt Jesus? Nein, tut er nicht: „Da antwortete ihm Jesus: Es ist gesagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“ (Lk 4,12). Jesus zieht sich zurück, und ich stelle mir vor, dass er die Stufen wieder hinuntergeht wie jeder andere Mensch auch.

Wenn zwischen zwei äußerst gewaltbereiten Gruppen Krieg herrscht, scheint es mir das Menschlichste, sich zurückzuziehen. Auch aus Mobaye. Um Gott nicht zu versuchen, sondern um das Wichtigste zu schützen, das Er einem und einer Jeden von uns geschenkt hat: das Leben!

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Ich weiß nicht, wie meine Gedanken auf Euch in Europa wirken. Wahrscheinlich unendlich weit weg, womöglich sogar abstrus. Aber das sind die Dinge, mit denen wir uns hier – auch – „herumschlagen“.

Was dann aber immer wieder schön ist und aufrichtet, das ist das „Bei-unseren-Flüchtlingen-Sein“, sei es durch die Gesundheitsprojekte, sei es durch Gottesdienste und die vielen kleinen Begegnungen „am Rande“.

 

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Messe in Kpekambo II mit „unseren“ Flüchtlingen auf kongolesischer Seite

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Stillstand

Heute nur ein kleiner Gruß aus dem Kongo.

Keinerlei Zeichen von Entspannung auf der anderen Seite des Ubangi zeichnet sich ab. Im Gegenteil: Am vergangenen Mittwoch hat es wieder einen Angriff auf unser Mobaye gegeben, der mehrere Stunden lang gedauert hat. Nur die schweren Geschütze der Minusca-Soldaten aus Mauritanien haben die „Anti-Balaka“ aufhalten und zurückdrängen können. Angaben zu Toten und Verletzten gibt es keine verlässlichen… Sie schwanken zwischen einigen Opfern auf beiden Seiten der bewaffneten Rebellengruppen bis hin zu zahlreichen Toten unter der Zivilbevölkerung. Wir sind nah dran, und wissen es doch nicht.

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Warten im Kongo auf Frieden in der Zentralafrikanischen Republik. Gegenüber.

 

 

 

Für ein paar Stunden nochmals in „unserem“ Mobaye

Die vergangenen 10 Tage waren wieder sehr gewalttätig in der Basse-Kotto gewesen. An zwei Orten haben die „Anti-Balaka“-Milizen Gräueltaten an der muslimischen Zivilbevölkerung verübt, in einem anderen Dorf waren es die Seleka-Rebellen, die zahlreiche Menschen ermordet haben.

In „unserem“ Mobaye herrschen weiterhin die Seleka-Rebellen. Schwer bewaffnet und „beschützt“ von den mauretanischen Blauhelm-Soldaten. Es ist ruhig in der Stadt. Sehr ruhig.

Gestern haben wir nochmals für ein paar Stunden übergesetzt. Die Seleka-Rebellen verhalten sich uns gegenüber „neutral“; einige begrüßen uns.

Gleichzeitig setzen sich ganz neue Gruppendynamiken in Gang. Die in Mobaye verbliebene Bevölkerung (etwa 5%) blickt zunehmend mit Verachtung auf die geflohene Mehrheit im Kongo. Auch wir haben das von zwei unserer Gemeindemitglieder zu spüren bekommen. Sie werfen uns vor, sie im Stich gelassen zu haben… Unsere pastorale und humanitäre Arbeit unter den Flüchtlingen im Kongo interessiert sie nicht. Demgegenüber werfen die Geflohenen den in Mobaye Verbliebenen Kollaboration mit den Seleka-Rebellen vor. Es stimmt: Ohne Zivilbevölkerung könnte die Rebellentruppe in Mobaye nicht existieren.

Der Krieg hat es schon jetzt geschafft, einen tiefen Graben in unsere Gemeinde zu reißen.

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Um diesen Eintrag aber nicht nur mit Frustrierendem zu schließen, schicke ich Euch ein Foto vom kleinen Bernard hinterher. Einer der unzähligen zentralafrikanischen Flüchtlingskinder im Kongo. Er hat es hier im Krankenhaus soeben geschafft, dem Malaria-Tod von der Schippe zu springen…

Unser Gesundheitszentrum in Kambo

In einem vorherigen Eintrag hatte ich einmal davon geschrieben, dass bislang keine große Nichtregierungsorganisation, wie z.B. das Rote Kreuz, Unicef oder „Ärzte ohne Grenzen“ unter unseren Flüchtlingen auf kongolesischer Seite tätig sei. Und ich hatte angemerkt, dass dies nicht an deren fehlender Bereitschaft liege, sondern an der alles blockierenden Verwaltung hier im Kongo. Auch P. William hatte das im französischen Fernsehen mit deutlichen Worten angeprangert.

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Mittlerweile gibt es eine erste positive Wende. „Ärzte ohne Grenzen“ (= „médecins sans frontières“ = MSF)  hat nach drei Monaten des Wartens eine Arbeitserlaubnis erhalten – mit deutlichen Auflagen, aber immerhin. Das internationale Team beginnt jetzt, bestehende kongolesische Gesundheitsposten und Krankenhäuser zu unterstützen – mit Fachwissen, Medikamenten, Bau von Latrinen und zusätzlicher Bezahlung für das lokale Personal.

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Auch unser Projekt in Kambo (Demokratische Republik Kongo) wird davon profitieren. Bedingung war, dass das Team unseres Krankenhauses von Zangba (Zentralafrikanische Republik) um Mama Marie-Antoinette nun im staatlichen Gesundheitsposten von Kambo arbeitet, Hand in Hand mit dem dreiköpfigen Team vor Ort. Unser System der kostenlosen Behandlung erhalten wir aufrecht – durch den Kauf der Medikamente und die Bezahlung des Personals. In zwei, drei Wochen will MSF das Projekt übernehmen. Ich halte Euch auf dem Laufenden.

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