Unser Mitbruder Prince Bassengue

Einer der Gründe, weshalb wir Mobaye und Gbadolite für voraussichtlich zwei Wochen verlassen haben, sind die beiden Feste gewesen, die wir am Sonntag und am Dienstag feiern durften: Die Ewigen Gelübde und die Diakonenweihe unseres jungen Mitbruders Prince Bassengue.

Ewige Gelübde Prince II
Ewige Gelübde im Provinzhaus St. Charles

Ewige Gelübde Prince

 

Weihe Prince
Weihe zum Diakon

Im November 2016 war Prince aus Portugal zurückgekommen, wo er sein Theologiestudium absolviert hatte. Seitdem lebte er als Praktikant mit uns in Mobaye, hat vor allem Jugendarbeit gemacht. Diese Woche war es dann soweit: Er hat sich für immer an unseren Orden gebunden und ist Diakon geworden. Das ist derselbe Rhythmus, den ich vor zwei Jahren in Frankreich erleben durfte: Zunächst in der Kapelle unseres Mutterhaus in der Rue Lhomond die Ewigen Gelübde, und am folgenden Tag die Weihe zum Diakon in der Gemeinde St Stanislas des Blagis in Fontenay-aux-Roses. Einige von Euch waren ja mit dabei gewesen, und da sind bei mir natürlich viele Erinnerungen wach geworden.

Geweiht wurde Prince übrigens von Bischof Cyr-Nestor aus Alindao. Schade nur, dass es in Bangui sein musste. Natürlich hätten wir alle das Fest lieber in Mobaye gefeiert. Aber die Rebellion zerstört so gut wie alles bei uns.

Prince wird noch ein wenig Urlaub bei seiner Familie in Bangui machen und dann wieder nach Mobaye kommen. Ich freue mich, dass er sein Diakonatsjahr bei uns absolviert.

 

In Bangui

Seit vergangenem Samstag sind wir, Père Christ-Roi und ich, in Bangui. Verschiedene Anlässe haben die Fahrt in die Hauptstadt notwendig gemacht. Fast 600 Kilometer liegen hinter uns, aber nicht mit dem Auto durch die Zentralafrikanische Republik, sondern mit zwei Taxi-Motorrädern durch den Kongo.

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Drei Tage durch den nord-westlichen Zipfel des Kongo: gestartet in Gbadolite, am Mittag des zweiten Tages in Gemena angekommen, am Samstag Nachmittag dann in Zongo. Gegenüber liegt Bangui. Der direkte Weg über Bosobolo ist in der Regenzeit nicht machbar.

Die Straße zwischen Mobaye und Alindao, die den Beginn der Strecke nach Bangui bildet, ist nämlich unpassierbar. Die Brücken sind zerstört, in zahlreichen Dörfern hocken unberechenbare, bewaffnete Gruppen zur sogenannten „Selbstverteidigung“. Selbst die Blauhelmsoldaten aus Mauretanien, die in Mobaye stationiert sind, werden nicht mehr über den Landweg, sondern alle zwei Wochen durch einen Transporthubschrauber mit Nahrungsmitteln und Munition versorgt.

Und so haben wir drei Tage gebraucht, um in Zongo, der Stadt auf kongolesischer Seite gegenüber von Bangui anzukommen. Starker Regen, schlechte Pistenverhältnisse und mehrere Motorradpannen haben die Reise länger werden lassen als geplant.

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Aber nun sind wir wieder in „unserer“ Hauptstadt, in der es sich, wie die französische Tageszeitung „Le Monde“ neulich schrieb, wie in einer „Blase“ leben lässt. Der Rest des Landes ist sich selbst überlassen. Es gilt das Recht des Stärkeren. Oder besser: des Gewalttätigen. Nur in Bangui scheint es noch „ein Stück Staat“ zu geben.

 

Eure Hilfe, Teil 2

Und noch ein kleiner Nachtrag zur Verwendung Eurer Spenden. Ich hatte ganz vergessen, von Guillaume (42), Héno (20) und Dominique (16) zu schreiben. Die drei Zentralafrikaner sind in ihren Dörfern oder auf der Flucht Opfer von Angriffen der „Seleka“-Rebellen geworden. Gott sei Dank konnten sie aber rasch auf die kongolesische Seite und anschließend in das Krankenhaus von Gbadolite gebracht werden.

Auf Guillaume hatten zwei Rebellen mit einer Machete mehrfach eingeschlagen und ihm dadurch zahlreiche tiefe Schnittwunden am Kopf, im Gesicht, an Händen und Armen zugefügt. Er konnte sich noch an das Flussufer schleppen, dort ist er zusammengebrochen. Zwei Fischer haben ihn entdeckt und mit ihrer Piroge herübergebracht.

Héno
Héno

 

Auf Héno haben die Rebellen geschossen, einfach so. Eine Kugel ist in den Unterschenkel eingedrungen, zum Glück ohne die Knochen zu beschädigen.

 

Dominique
Dominique

 

 

 

 

Dominique hatte mit seiner Familie auf der Flucht Schutz auf einer der Inseln im Ubangi gesucht. Dort vermuteten die Rebellen „Anti-Balaka“-Kämpfer und feuerten los. Ein Querschläger traf Dominique am Hals.

 

Alle drei Verletzten haben überlebt. Guillaume ist schon wieder entlassen, Héno und Dominique noch weiter in stationärer Behandlung. Und die kostet Geld. Ohne Eure Hilfe wären die drei wahrscheinlich nicht mehr am Leben, denn ohne Vorausbezahlung wird hier im Krankenhaus niemand versorgt. Auch lebensbedrohliche Notfälle nicht. Im Extremfall verblutest Du im Korridor. Und so haben wir ganz unbürokratisch Geld vorstrecken können und einen Großteil der Behandlungskosten übernommen (pro Patient um die 50 Euro…). Und tun es noch weiter.

Eure Hilfe

Die Wochen vergehen, die Fronten zwischen den verfeindeten Rebellengruppen „Seleka“ und „Anti-Balaka“. Immer wieder kommt es zu hier oder dort zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Tote, Verletzte, verbrannte Dörfer…

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Der Blick über den Fluss, auf die Zentralafrikanische Republik

Lebensmut und Hoffnung auf ein baldiges Ende des Bürgerkrieges sind nicht erloschen, aber die Kraft nimmt ab.

In dieser Situation möchte ich Euch an dieser Stelle noch einmal „Danke“ sagen für die vielen Zeichen Eurer Solidarität: Eure Aktionen in Pfarrgemeinden und Öffentlichkeit, Euer Gebet und Eure finanzielle Hilfe. All das kommt an und erlaubt uns, weiterzumachen, sowohl in unserer Pfarrei auf zentralafrikanischer Seite als auch unter den vielen Flüchtlingen auf kongolesischer Seite.

Von unserer Krankenstation in Kambo mit dem Team aus Zangba habe ich schon mehrfach geschrieben. Diese medizinische Hilfe zugunsten der Flüchtlinge aber auch der einheimischen Bevölkerung geht weiter, Tag für Tag. Dank Eurer Spenden können wir hier in Gbadolite regelmäßig Medikamente und andere Ausrüstung kaufen und nach Kambo bringen. Euer Geld hilft zudem, die Taxi-Motorräder zu bezahlen, die monatlichen Gehälter sicher zu stellen (ca. 90 Euro für die Krankenschwester, 45 Euro für die Hebamme, 15 Euro für den Praktikanten…), eine Mahlzeit für die Mitarbeiter, Telefonkosten, Internetverbindung usw.

In einem anderen großen Dorf namens Lembo leben ebenfalls viele unserer Flüchtlinge, geschätzt zwischen zwei und drei Tausend.

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Der Gesundheitsposten in Lembo
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Bei Abraham und Mama Gisèle

Hier unterstützen wir einen kongolesischen Gesundheitsposten, in dem neben der Leitern Mama Gisèle mittlerweile auch Abraham arbeitet. Abraham ist „sécouriste“ – „Krankenpfleger“ und Chef des kleinen Gesundheitspostens in Bôh auf zentralafrikanischer Seite. Und gleichzeitig sehr engagiert in unserer dortigen Außenstation; vor ein paar Monaten habe ich noch drei seiner Kinder taufen können (mit seinen drei Frauen hat er eine ganze Menge davon). Wie alle anderen Dorfbewohner ist auch er vor zwei Monaten in den Kongo geflohen.

Auch hier erlauben Eure Spenden, dass Flüchtlinge und einheimische Bevölkerung für wenig Geld – in Härtefällen auch völlig kostenfrei – behandelt werden können. Gestern bin ich noch dort gewesen. Unter den wartenden Patienten waren fünf Kinder, alle in einem mehr oder weniger kritischen Zustand. Vier von ihnen boten das klassische Bild von Mangel- bzw. Unterernährung.

Die humanitäre Lage ist dramatisch. Aber sie macht keinen Lärm und wird deshalb auch nicht gehört vom Rest der Welt. Der dritte Monat nach der Flucht ist angebrochen. Noch ist keine nationale oder internationale Hilfsorganisation unter den Flüchtlingen aktiv.

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Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), das Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen (MSF) sind vor Ort in Gbadolite, aber nichts geschieht. Oder besser: Nichts kann geschehen. Denn die kongolesischen Behörden geben kein grünes Licht. Sie verweigern den Zugang zu den Flüchtlingen. Die Mühlen der Bürokratie mahlen sehr, sehr langsam. So sagt man uns.

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Seit 10 Tagen bin ich im Gespräch mit einem Team von „Ärzte ohne Grenzen“, das aus Bangui gekommen ist. Sie stehen quasi „in den Startlöchern“.  Es fehlt die Arbeitserlaubnis aus Kinshasa. Aber Kinshasa ist weit weg. Und die innenpolitische Lage in diesem gewaltig großen Land höchst instabil. Bleibt nur: Warten.

Im zentralen Afrika kann man es mit eigenen Augen sehen und erleben: Wie nationale und internationale interessengeleitete Politik die Armen dieser Erde zermalmt.

Aber – Gott sei Dank – ist da immer noch ein Fünkchen Hoffnung, das bleibt.

 

Regenzeit – Raupenzeit

Aber natürlich geht auch der Alltag weiter – wenn auch unter stark veränderten Vorzeichen. Aber er geht weiter.

Es regnet in diesen Wochen oft, fast täglich. Das bringt Abwechslung auch auf den Teller. Ernährungswissenschaftler deuten mit Blick auf die Zukunft an, dass die wachsende Menschheitsfamilie nur dann ausreichend Nahrung zur Verfügung haben wird, wenn sie (unter anderem) das Reich der Insekten als Proteinlieferant entdeckt. Wir fangen schon einmal an…

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Maurice kommt gerade vom Markt zurück.

 

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Ein typisch zentralafrikanisches Gericht: Maniok, Raupen, Fisch im Lianenbett

Ein Jahr später

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Viele von Euch waren vor gut einem Jahr in Knechtsteden mit dabei. Da haben wir unseren Gott gefeiert, der uns das Leben schenkt und Menschen aller Völker zu Brüdern und Schwestern macht.

 

Die Erinnerungen an meine Priesterweihe am 24.Juli 2016 begleiten mich hier im Grenzgebiet zwischen der Zentralafrikanischen Republik und dem Kongo Tag für Tag.

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Und sie machen mir Mut und schenken mir Zuversicht – trotz aller Bedrohung, der das Leben ausgesetzt ist, und trotz allen Hasses, den viele Menschen im Herzen tragen.

Wenn ich schreibe „viele“, dann meine ich damit freilich nicht alle. Im Gegenteil: Die allermeisten Menschen wünschen sich nichts sehnlicher, als wieder in Frieden und Sicherheit daheim leben zu können. Nur ist das nicht im Sinne der Kriegsherren im Land…

Oft kommen mir in diesen Tagen die Texte der Lesungen in den Sinn, die in dem Festgottesdienst vor einem Jahr vorgetragen wurden. Da war die Rede von Gottes Bund mit allen Menschen auf der Erde unter dem Zeichen des Regenbogens… „Nzapa ayeke ndoye“ – „Gott ist die Liebe“, hieß es im Ersten Johannesbrief… Jesus, der die fünf Brote und zwei Fische vermehrt und unter den hungrigen Menschen verteilt…

Worte und Gesten aus biblischer Zeit, die mehr ausdrücken von dem, was uns alle hier bewegt, als die beschönigenden und beschwichtigenden Reden mancher Rebellen und Politiker, die doch alle nur Kriegsgewinnler sind. Einen Krieg zu beginnen, ist leicht. Einen Krieg zu beenden ist unendlich schwerer.

Gestern Morgen haben wir Gottesdienst gefeiert in „unserem“ Mobaye auf zentralafrikanischer Seite. Père Christ, vier Leute aus der Gemeinde und ich. Jetzt bin ich wieder im Kongo.

Und so nutze ich diesen Eintrag, um Euch ein „Dankeschön“ zu sagen für Euer An-Uns-Denken, Mitfühlen und Mitbeten. Wir geben jedenfalls jene Hoffnung nicht auf, die uns im Lukasevangelium verheißen ist:

„Und sie werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, und zu Tische sitzen im Reiche Gottes.“ (Lk 13,29).

Heute hier, morgen dort

Die Lage in der Zentralafrikanischen Republik, in der Basse-Kotto, in Mobaye, ändert sich nicht. Die Fronten bleiben verhärtet. Und die Herzen auch.

Die Seleka-Rebellen und die sogenannten Anti-Balaka-Kämpfer stehen sich hasserfüllt gegenüber. Das eine Dorf von den Anti-Balakas kontrolliert, der Nachbarort von den Selekas. Immer wieder gewalttätige Zusammenstöße, Verletzte und Tote.

Die meisten Dörfer unserer großen Pfarrei, die Außenstationen, sind menschenleer, 90% der Bevölkerung hat sich in den Kongo geflüchtet. Mafunga, Libanga, Mbissoula, Damba… sind niedergebrannt, zumeist von den Seleka-Rebellen. Das ist oft ein Racheakt, wenn die Anti-Balakas angegriffen und sich dann wieder in den Wald zurückgezogen haben.

Père Christ und ich haben begonnen, regelmäßig in „unser“ Mobaye überzusetzen, nach dem Rechten zu schauen, uns vor Ort über die Lage zu informieren.

Da während des vergangenen Monats niemand mehr in der Pfarrei war, haben die ersten Einbrüche nicht lange auf sich warten lassen. Aber das Meiste und das materiell Wertvolle haben wir vorher retten können. Und Bücher interessieren die Rebellen nicht.

Minusca vor Kirche
Ein Minusca-Fahrzeug auf Patrouille vor unserer Kirche. Doch der Schein trügt. Die Stadt ist auf Gedeih und Verderben den Rebellengruppen ausgeliefert.

Die Stadt ist ruhig. Zu ruhig, wie ich finde. Bewaffnete Seleka-Rebellen allgegenwärtig, ebenso die Blauhelm-Soldaten aus Mauretanien. Ihr Mandat lautet, Übergriffe auf die Zivilbevölkerung zu verhindern. Aber allein die Tatsache, dass 90% der Bevölkerung geflohen ist, legt den Verdacht nahe, dass ihre Mission gescheitert ist. Gescheitert aufgrund ihrer Passivität und Parteilichkeit. Die Vereinten Nationen versagen in diesem vergessenen Land im Herzen Afrikas.

 

Und doch: ganz langsam kehren Menschen vereinzelt wieder zurück. In der Sonntagsmesse vor zwei Tagen waren mehr Gläubige dabei als noch am Sonntag zuvor. Ist das so, weil die Sicherheitslage besser geworden wäre? – Keinesfalls. Hunger und Krankheiten in den provisorischen Hütten auf kongolesischer Seite zwingen die ersten Familien dazu, wieder zurückzugehen. Beten wir, dass das alles irgendwie gut ausgeht.

Und so pendele jetzt zwischen den Welten, zwischen unserer Pfarrei Mobaye in der Zentralafrikanischen Republik und unseren Flüchtlingen im Kongo. Ein Gefühl der Ohnmacht macht sich breit. Ganz stark.