Kurzbesuch in Pengue, Teil 2

Pengue ist nicht nur ein Wallfahrtsort, sondern auch ein großes Dorf; ein Dorf wie so viele andere auch in der Basse-Kotto und in der gesamten Zentralafrikanischen Republik. Die Menschen leben von dem, was ihre Felder,  Hühner und Ziegen hergeben und was sich anschließend auf dem Markt in Mobaye verkaufen lässt: Maniok, Bohnen, Papayas, Kochbananen. Manche haben es durch den Kaffeanbau zu bescheidenem Wohlstand gebracht, das heißt, sie wohnen in einem Haus mit einem Dach aus Wellblech und nicht aus Gras.

Wie so viele andere Dörfer aber auch ist Pengue zum Opfer von Rebellion und Krieg geworden. Aus Zorn und Wut über die seit vier Jahren andauernden Schikanen der Seleka-Rebellen hat sich eine starke Gruppe von Anti-Balaka-Kämpfern in Pengue gebildet. Dies wiederum hat im Juli Vergeltungsaktionen hervorgerufen. In mehreren „Expeditionen“ haben die Rebellen von Mobaye den Ort angegriffen, die Bewohner vertrieben, die Häuser geplündert und anschließend in Brand gesetzt. Die Bilder sprechen für sich.

Die Gebäude mit Wellblechdach im Hintergrund gehören zum Wallfahrtsgelände. Aus Kirche und Sakristei sind vor allem zahlreiche Bänke, aber auch einige Alben, Messgewänder und ein Kelch gestohlen worden. Vielleicht tauchen sie irgendwie irgendwo einmal wieder auf… Wer immer so etwas kauft oder verkauft, weiß, dass es sich um Diebesgut handelt. Aber das ist alles halb so schlimm. Viel schlimmer sind die Lebensbedingungen der Menschen; praktisch alle sind bei den Angriffen in den Busch geflohen; einige von ihnen sind mittlerweile nach Pengue zurückgekehrt, einige harren noch aus. Sie trauen dem in Mobaye vor einem Monat geschlossenen Waffenstillstand nicht… Wie durch ein Wunder sind unter der Zivilbevölkerung „nur“ zwei Opfer zu beklagen. Ein Familienvater und eine junge Frau, die sich in ihrem Haus versteckt hatte, bevor die Rebellen kamen und es in Brand setzten. Bestattet ist sie neben ihrem kleinen Kind, das nur ein paar Monate zuvor gestorben war.

Vom wahren Frieden, der uns an Weihnachten verkündet worden ist, sind wir noch weit entfernt. Als Charles und ich am Mittwoch Pengue erreichten, war uns das sofort klar: Am Ortseingang erwartete uns eine Barriere mit einem roten, dreieckigen Wimpel. Will heißen: „Achtung – dieses Dorf ist Anti-Balaka-Gebiet“. An der Schranke wurden wir herzlich begrüßt. Von einem unserer jungen Pfadfinder, der jetzt zu jener bewaffneten Gruppe gehört, die das Dorf „schützt“.

CIMG8894 2

Pengue steht stellvertretend für alle Dörfer in der Basse-Kotto. Die ganze Präfektur ist verwüstet. Die Kriegsherren erklären lauthals den Frieden. Die Bevölkerung leidet stummgeschlagen weiter. Doch die Sehnsucht nach und die Hoffnung auf Frieden lassen uns immer wieder in unseren Gottesdiensten tanzen…

 

 

Kurzbesuch in Pengue

Heute war ich – nach acht Monaten – wieder einmal ein Pengue, unserem Wallfahrtsort in 7 Kilometer Entfernung von Mobaye. Mit unserem Katechisten Charles haben wir uns zu Fuß auf den Weg gemacht, um Kirche und Gemeinde zu besuchen, ganz spontan und ohne Vorankündigung. In meinem nächsten Eintrag schreibe ich mehr davon, für heute nur ein Neujahrsgruß, den ich in der Hand eines Jungen fand – in den Farben der Zentralafrikanischen Republik:

CIMG8874

„Ein frohes neues Jahr 2018 – Euch allen!“

Ausklang

Angelangt am Ende des Jahres
sagen wir Dank für all das Vergangene
und „Bitte“ für die Zukunft.

CIMG7158

Vieles hat sich eingeschrieben in unser Herz,
was jetzt der Vergangenheit angehört.
Nichts war vergebens,
bei Dir gibt es keine Unzeiten,
keine verlorene Zeit.

Alles, was in diesem Jahr gewesen ist, jede Stunde unseres Lebens,
ist bei Dir aufgehoben.

Schuld und Versagen,
Herr, heile durch deine Liebe.
Schönes und Gutes,
das bewahre, Herr, für eine Zukunft, die niemals vergeht.

Unsere Zeit, unser ganzes Leben steht in Deinen Händen.

Voll Vertrauen empfangen wir nun das kommende Jahr aus Deiner Hand.

Verfasser: Unbekannt

„… weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ (Lk 2,7)

In der Sango-Übersetzung dieses Verses aus dem Weihnachtsevangelium heißt es, ins Deutsche rückübersetzt: „… weil sie im Ort keinen Platz zum Schlafen fanden.“

CIMG8585 2Da ist die Wirklichkeit von Bethlehem für ganz viele Menschen in Mobaye, in der Basse-Kotto, ja in der ganzen Zentralafrikanischen Republik harte Realität: keinen Platz zum Schlafen haben, das erleben viele, der vor der Gewalt geflohen sind, in Flüchtlingscamp, in den Busch oder in den Kongo. Notdürftig haben die Menschen Hütten errichtet, in denen man die Nächte verbringt. Und manchmal wird darin sogar ein Kind geboren… Bethlehem 2017 in Zentralafrika.

Aber die Geschichte geht ja weiter. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens!“ (LK 2, 14).

Diese Zusage ist es, die uns hier Gott feiern lässt, gerade an Weihnachten. Auf welchen Wegen der wahre Friede kommt, das wissen wir noch nicht. Aber dass er kommt ist uns verheißen.

Weihnachr Afrika Kieffer
(c) Kieffer, Mille images d’Eglise

Mit  dieser Freude im Herzen und in den Füßen

(denn in den Gottesdiensten werden wir bestimmt auch tanzen)

wünsche ich Euch allen Gottes reichen Segen

zur Weihnacht!

Aus dem Herzen Afrikas,

Euer Olaf

Eine gute Nachricht: Schule

Vieles fand Ende Mai, als der größte Teil der Bevölkerung von Mobaye in den Kongo floh, ein abruptes Ende. Auch der Betrieb unserer kleinen Grundschule „Mgr Maanicus“ – benannt nach dem niederländischen Spiritanerpater und Bischof Maanicus – fiel der Rebellion zum Opfer.

CIMG8820 2

Als erstes hatte vor einigen Wochen die evangelische Grundschule wieder geöffnet; am Montag haben auch wir mit den Einschreibungen für das Schuljahr 2017/2018 begonnen: Sechzehn Schülerinnen und Schüler und ein Lehrer waren am ersten Tag dabei; gestern waren es schon knapp vierzig…

Die allgemeine Situation bleibt ja unverändert: auch wenn sich einige Momente der Entspannung abzeichnen, so harrt doch der weitaus größte Teil der Bevölkerung, und damit auch der Kinder, auf der anderen Seite des Flusses aus.

Normalerweise zahlen die Eltern zu Beginn eines Schuljahres eine Aufnahmesumme von 10.000 FCFA ( ≈15 Euro) und dann monatlich 1.000 FCFA Gebühren (wobei die meisten Familien die Einschreibungskosten nur ratenweise im Laufe des Jahres abbezahlen). Aufgrund der Situation von Rebellion und Flucht haben wir gesagt, dass wir die ersten drei Monate den Unterricht zunächst einmal gratis anbieten – Dank Eurer Spendengelder, mit denen wir die anfallenden Kosten für Material und Lehrerlohn bestreiten. Dank Euch dafür!

Wir können Sicherheit nicht herbeizaubern. Aber den Kindern ein ganz kleines Stück „Normalität“ verschaffen: Schule! Vielleicht schafft es ja die kommende Generation, aus der Zentralafrikanischen Republik ein stabileres und vor allem friedvolleres Land zu machen. Schön wäre es ja.

Weiter zwischen Hoffnung und Vorsicht

CIMG8782 2Irgendwie scheint es zu klappen: Drei Wochen lang schon leben Seleka-Rebellen, Anti-Balaka-Kämpfer, Blauhelmsoldaten und wir, die Zivilbevölkerung, gemeinsam in Mobaye, ohne dass ein Schuss gefallen wäre. Zwar sind die „Schwerter“ noch nicht zu „Pflugscharen“ geworden (siehe Jesaja 2,4), oder auf unseren Kontext übertragen:

Vers£öhnung 2
(c) Kieffer, Mille images d’Evangile

Zwar sind die Jagdgewehre und Kalaschnikows noch nicht zu Füßen der Blauhelmsoldaten abgelegt,aber vielleicht geschieht ja ein Wunder und die Waffenruhe bleibt stabil. Die Lesungen der Adventszeit machen uns Mut und schenken uns Hoffnung. Jeden Tag.

Dabei hatten wir vorgestern alle wieder ein sehr ungutes Gefühl: General Gaëtan, der den Waffenstillstand ausgehandelt hatte, war kurz nach seinem Besuch in Mobaye wieder ins Landesinnere aufgebrochen, weil dort Kämpfe  neu aufgeflammt waren. In meinem letzten Eintrag hatte ich von ihm geschrieben, und er ist auf dem einen Foto, eingerahmt von zwei Leibwächtern, auch deutlich zu sehen. Am vergangenen Montag ist er, einer der führenden Köpfe der Anti-Balaka-Bewegung, in einem Gefecht bei Ippy getötet worden. Von Seleka-Rebellen.

Nun ist die Angst natürlich bei uns allen groß, dass die Anti-Balakas an den Seleka-Rebellen Rache nehmen. Auch bei uns in Mobaye. Gott sei Dank ist es aber weiterhin ruhig, und die Führer beider Seiten beschwichtigen die Gruppen, den Waffenstillstand einzuhalten.

Während ich diese Zeilen schreibe, um sie morgen im Büro von „Cordaid“ abzuschicken, höre ich ein paar deutsche Adventslieder. In T-Shirt und kurzer Hose. Es ist heiß und trocken. Und ich stelle mir vor… Kerzen, Glühwein und Lebkuchen.

Ein „Friedensschluss“ auf zentralafrikanisch

CIMG8793 2

Seit einer guten Woche bin ich wieder zurück in unserem Mobaye. In der Tat, nach Monaten des Stillstands, der gelegentlichen Gewaltakte und der permanenten Bedrohung hat es in der vergangenen Woche eine große Veränderung gegeben. Ob sie auch nachhaltig ist, werden die nächsten Tage und Wochen zeigen.

Ein hochrangiger Vertreter des Anti-Balaka-Bündnisses ist in der Basse-Kotto unterwegs, und es gelingt General Gaëtan tatsächlich, die meisten der zersplitterten Gegenmilizen in den Dörfern dazu zu bewegen, einem Waffenstillstand mit den Seleka-Rebellen zuzustimmen. Und so sehen wir seit knapp 10 Tagen viele junge Männer mit Amuletten um ihren Hals und Waffen in ihren Händen nach Mobaye strömen. Etliche von ihnen begrüßen mich auf der Straße, viele sind Katholiken. Irgendwann hat ein jeder von ihnen den Entschluss gefasst, sich ritueller schwarzer Magie zu unterziehen und sich den bewaffneten Gruppen anzuschließen. War das aus echter Überzeugung? War das Gruppenzwang? Kinder sind unter ihnen. 12, 13jährige Jungs gehören dazu. Alle scheinen mir Täter und Opfer zugleich.

Und so haben wir heute in Mobaye

1) eine Militärbasis der Seleka-Rebellen,

2) eine Militärbasis der Anti-Balaka-Milizen, und

3) eine Militärbasis der MINUSCA-Truppe, der Blauhelmsoldaten aus Mauretanien.

Na, dann steht dem wahren Frieden ja nun nichts mehr im Wege… Aber Zynismus beiseite: Dieser Zustand soll solange andauern, bis dass staatliche Autoritäten das sogenannte DDR-Programm beginnen: Démobilisation –Désarmement (=Entwaffnung) – Réinsertion (=Wiedereingliederung von ehemaligen Rebellen in das zivile Leben).

Wann das sein wird? – Keine Ahnung! Gestern bin ich beim neuen Kommandanten der MINUSCA-Truppe vorstellig geworden und habe den Ortschef der Anti-Balaka-Kämpfer getroffen. Letztere nennen sich nunmehr RDR (Rassemblement des Républicains = Vereinigung der Republikaner). Das klingt ziviler. Ich habe beiden Kommandanten gesagt, dass, solange beide Rebellengruppen mit Waffen ausgerüstet in der Stadt umherziehen, kaum ein Flüchtling aus dem Kongo zurückkommen wird. Und betont, dass wir als katholische Kirche von Mobaye auf dem DDR-Programm und der Einsetzung der staatlichen Autoritäten bestehen. Der Kommandant der Blauhelmsoldaten hat nur gegrinst und gesagt, dazu hätten sie zurzeit kein Mandat. Und das würde in diesem Jahr auch nix mehr.

Advent: Zeit des Wartens auf den Friedensfürsten.

CIMG8794 2
Verkündigung des Waffenstillstands

Aus Sicherheitsgründen habe ich auf diesem Blog bislang keine Fotos von „Soldaten“ veröffentlicht. Da der Friedensschluss vom vergangenen Dienstag jedoch ein öffentliches Ereignis war, will ich es heute einmal tun. Um zu zeigen, wie unser Alltag in Mobaye auch aussah und bis heute aussieht…

CIMG8808 2
Seleka-Rebellen
CIMG8810 3
Anti-Balaka-Kämpfer