Ein Präfekt und sechs Unterpräfekten

Endlich – gestern sind sie angekommen: Der neue Préfet (Präfekt) der Basse-Kotto und die sechs Sous-préfets (Unterpräfekten – ziemlich schräg, diese wörtliche Übersetzung, aber die steht tatsächlich auch so in meinem französischen Wörterbuch). Nach sieben Monaten der Anarchie ( – Macht hat, wer eine Kalaschnikow besitzt – ) gibt es wieder eine legitime staatliche Autorität in unserer Präfektur. Eine Präfektur entspricht in etwa einem Bundesland, eine Unterpräfektur lässt sich vielleicht am ehesten mit einem Regierungsbezirk vergleichen.

Mit einem Hubschrauber der mauritanischen Blauhelm-Soldaten sind die Beamten gestern aus Bangui bei uns eingetroffen. Da unser Pick-up anscheinend das einzige funktionierende zivile Auto in Mobaye ist, durfte ich gleich den Chauffeur des Präfekten spielen: Vom Hubschrauberlandeplatz (Feld hinter dem geplünderten Gymnasium) bis zu seiner Residenz.

Riesige Hoffnungen ruhen nun auf dem Regierungsvertreter. Dabei wissen wir alle, dass auch er keine Wunder vollbringen kann. Aber tief durchgeatmet haben erst einmal alle Bewohner Mobayes: wir auf zentralafrikanischer, aber ganz bestimmt auch die Geflohenen auf kongolesischer Seite.

Nach der Ankunft gab es einen Empfang mit einer Flasche Limonade und Vorstellungsrunde, am Nachmittag schließlich ein einstündiges Treffen mit einigen zivilen Vertretern der Stadt (zu denen auch immer der Imam, der evangelische Pastor und der katholische Pfarrer zählen). Danach traf der Präfekt die militärischen „Gesandten“: den Befehlshaber der UNO-Soldaten, die beiden Generäle der Seleka-Rebellen und einen Vertreter der Anti-Balaka-Kämpfer. Aber da waren wir dann nicht mehr dabei. Wir haben eben keine Kalaschnikow. Wollen wir auch gar nicht.

 

Schulgottesdienst

Am 15. Dezember hatte unsere kleine Grundschule wieder seinen Betrieb aufgenommen – mit 20 Kindern und einem Lehrer. Mittlerweile sind es knapp 100 Schülerinnen und Schüler und fünf Lehrer. Die „Lehrer“, das sind allesamt „maîtres parents“, das heißt Eltern, die unterrichten. Einige von ihnen haben schon einmal einen zweiwöchigen Ausbildungskurs mitgemacht, andere nicht.

Und so haben wir gestern den ersten Schulgottesdienst gefeiert und Gott um Frieden für dieses Schuljahr gebeten. Christliche und muslimische Kinder gemeinsam, wie das untenstehende Foto zeigt…

Papa Faustin und seine zwei Söhne

Dies ist die traurige Geschichte von Faustin und seinen beiden Söhnen Isidore und Désiré.

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Faustin ist einer unserer Katecheten. Zusammen mit seinem Kollegen Antoine leitet er die kleine katholische Gemeinde in dem Dorf Bandou 2, etwa 15 Kilometer landeinwärts von Mobaye entfernt. Als die Kämpfe zwischen Seleka-Rebellen und Antibalaka-Kämpfern Ende Mai aufflammten, ist er mit seiner Familie in den Busch geflohen, in die weitläufige Umgebung seines Dorfes. Viele Bewohner haben das genauso gemacht: Versteckt zwischen Feldern und Wald leben sie zwar in ständiger Unsicherheit, aber die Natur liefert das Nötigste an Nahrung. Aus Angst vor Hunger und Schikanen im Kongo sind sie nicht ins Nachbarland geflohen.

So hat Faustin für sich und seine Familie eine kleine Hütte gebaut. Darin wollten sie leben und ausharren, bis dass der Spuk des Krieges vorüberziehen würde. Doch eines Tages, es war der 16. August 2017, haben Seleka-Rebellen aus dem Ort Langandji Jagd auf die geflohene Zivilbevölkerung gemacht. Faustin war gerade aufgebrochen, um einen Bekannten zu besuchen, als die Mörder das Versteck seiner Familie entdeckten: seine Mutter, seine im 8. Monat schwangere Frau, seine sechs Kinder und ein Patenkind mussten zunächst die armselige Habe aus der Hütte schaffen und sich dann auf den Boden legen. Dann haben sie auf sie geschossen. Faustin hat die Gewehrsalven gehört, wusste aber nicht, woher sie kamen und ist davongelaufen. Gegen 18.00 Uhr hat er sich zurückgeschlichen und hat fast seine ganze Familie tot aufgefunden. Wie durch ein Wunder haben seine zwei jüngsten Söhne überlebt: Désiré, 4 Jahre alt, und Isidore, 6 Jahre alt, mit einer Kugel im Oberschenkel. Am vergangenen Samstag hat man das Geschoss im hiesigen Krankenhaus herausgeholt.

Faustin hat alles verloren. Geblieben sind ihm seine beiden quirligen und lebensfrohen Jungs, die jetzt vier Tage bei uns gewohnt haben, bis dass der kleine chirurgische Eingriff bei Isidore gemacht war.

Die Mörder laufen unterdessen weiter unbehelligt in Langanji herum. Faustin kennt sie. Aber da es hier keine Justiz, keine Polizei, keine staatliche Gewalt gibt, zieht sie niemand zur Verantwortung. In der Basse-Kotto hat derjenige das Sagen, der eine Kalaschnikow in den Händen hält. Und Waffen tragen die Rebellen beider Seiten weiterhin. Trotz der ausgehandelten Waffenruhe.

Und Faustin? – Faustin will unbedingt wieder in sein Dorf Bandou 2 zurück. Gottesdienste feiern und Religionsunterricht geben. Damit der Glaube lebt.

In Zangba

 

Überall entlang des Ubangui-Flusses die tastenden Versuche, wieder in die Heimat zurückzukehren. Tausende von Zentralafrikanern wollen zurück.

Flüchtling sein in der Demokratischen Republik Kongo ist nicht leicht. Immer noch weitgehend auf sich gestellt leiden die Geflohenen unter den schweren Lebensbedingungen im Nachbarland. Der Staat ist durchwuchert von lähmender Bürokratie und tödlicher Korruption. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) scheint mehr den kongolesischen Funktionären zu dienen als den zentralafrikanischen Opfern von Rebellion und Bürgerkrieg, und den Hilfsorganisationen wird weiterhin die Daumenschraube angelegt, um möglichst viel für die eigene Tasche abzugreifen. Nach über einem halben Jahr als Zeuge „internationaler Flüchtlingsarbeit“ im Kongo bin ich völlig desillusioniert.

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Mama Marie-Antoinette und ihr Team vom Krankenhaus in Zangba gehen auch wieder heim. Wir ziehen uns aus der Gesundheitsstation von Kambo (Kongo) zurück, ab Montag arbeiten die vier Kollegen wieder in Zangba auf unserer Seite des Flusses. In einem früheren Eintrag hatte ich schon erwähnt, dass unser kleines Gesundheitszentrum von den Seleka-Rebellen völlig geplündert worden war. Genauso sollten wir es vorfinden.

Am vergangenen Mittwoch ist Mama Marie-Antoinette nach Mobaye gekommen. Von „Cordaid“, einer niederländischen Nicht-Regierungsorganisation haben wir eine kleine Hilfslieferung von Medikamenten in Empfang nehmen können und uns damit auf den Weg nach Zangba gemacht.  Auf zwei Motorrädern.

Alle Dörfer, die wir durchquert haben, sind fest in der Hand der Anti-Balaka-Bewegung. Jeder Ort hat seine Straßensperre. Als wir die etwa 45 Kilometer lange Strecke um die Mittagszeit zurücklegten, waren alle Schranken geöffnet – die bewaffneten Jungs hielten wohl Mittagsschlaf. Auf dem Rückweg mussten wir dreimal anhalten und verhandeln, dass wir ohne Bezahlung durchgelassen werden. Am späten Nachmittag unterwegs zu sein, ist nicht gut: Da sind Rebellen betrunken und haben Hunger.

Die beiden Gebäude unseres kleinen Krankenhauses sind intakt, die verbliebenen Bewohner von Zangba haben das Gelände immer in Ordnung gehalten. Jedoch: die Räume sind völlig leer, bis auf zwei Regale, die vielleicht  zu schwer für die Plünderer waren.

Und so heißt es wohl: Wieder von vorn anfangen, in der Hoffnung, dass es nachhaltiger sein wird als der Neuanfang im Januar letzten Jahres.

Verheerender ist es um das Pfarrhaus von Zangba bestellt. Während die Kirche unbeschädigt geblieben ist, haben die Rebellen das Haus der beiden Priester nicht geschont. Die Bilder sprechen mal wieder für sich.

Unglaublich, mit welchem Optimismus sich die Rückkehrenden ans Werk machen. Aber: Vorsicht ist weiterhin geboten. Und die Mehrheit der Flüchtlinge bleibt trotz allem im Kongo. Noch. Sie wollen die Ankunft der staatlichen Autoritäten abwarten. Denn: der Präfekt, von dessen erhofftem Eintreffen ich schon vor etlichen Wochen schrieb, und alle anderen staatlichen Behörden sind weiterhin in Bangui.

 

 

 

Gottesdienst zum Fest der Heiligen Drei Könige

3 Könige

 

„Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Bethlehem in Judäa geboren worden war, siehe, da kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen…“ (Mt 2,1f)

Mit viel Freude und Hoffnung im Herzen haben auch wir am Sonntag das Fest der Heiligen Drei Könige gefeiert:

 

Kurzbesuch in Pengue, Teil 2

Pengue ist nicht nur ein Wallfahrtsort, sondern auch ein großes Dorf; ein Dorf wie so viele andere auch in der Basse-Kotto und in der gesamten Zentralafrikanischen Republik. Die Menschen leben von dem, was ihre Felder,  Hühner und Ziegen hergeben und was sich anschließend auf dem Markt in Mobaye verkaufen lässt: Maniok, Bohnen, Papayas, Kochbananen. Manche haben es durch den Kaffeanbau zu bescheidenem Wohlstand gebracht, das heißt, sie wohnen in einem Haus mit einem Dach aus Wellblech und nicht aus Gras.

Wie so viele andere Dörfer aber auch ist Pengue zum Opfer von Rebellion und Krieg geworden. Aus Zorn und Wut über die seit vier Jahren andauernden Schikanen der Seleka-Rebellen hat sich eine starke Gruppe von Anti-Balaka-Kämpfern in Pengue gebildet. Dies wiederum hat im Juli Vergeltungsaktionen hervorgerufen. In mehreren „Expeditionen“ haben die Rebellen von Mobaye den Ort angegriffen, die Bewohner vertrieben, die Häuser geplündert und anschließend in Brand gesetzt. Die Bilder sprechen für sich.

Die Gebäude mit Wellblechdach im Hintergrund gehören zum Wallfahrtsgelände. Aus Kirche und Sakristei sind vor allem zahlreiche Bänke, aber auch einige Alben, Messgewänder und ein Kelch gestohlen worden. Vielleicht tauchen sie irgendwie irgendwo einmal wieder auf… Wer immer so etwas kauft oder verkauft, weiß, dass es sich um Diebesgut handelt. Aber das ist alles halb so schlimm. Viel schlimmer sind die Lebensbedingungen der Menschen; praktisch alle sind bei den Angriffen in den Busch geflohen; einige von ihnen sind mittlerweile nach Pengue zurückgekehrt, einige harren noch aus. Sie trauen dem in Mobaye vor einem Monat geschlossenen Waffenstillstand nicht… Wie durch ein Wunder sind unter der Zivilbevölkerung „nur“ zwei Opfer zu beklagen. Ein Familienvater und eine junge Frau, die sich in ihrem Haus versteckt hatte, bevor die Rebellen kamen und es in Brand setzten. Bestattet ist sie neben ihrem kleinen Kind, das nur ein paar Monate zuvor gestorben war.

Vom wahren Frieden, der uns an Weihnachten verkündet worden ist, sind wir noch weit entfernt. Als Charles und ich am Mittwoch Pengue erreichten, war uns das sofort klar: Am Ortseingang erwartete uns eine Barriere mit einem roten, dreieckigen Wimpel. Will heißen: „Achtung – dieses Dorf ist Anti-Balaka-Gebiet“. An der Schranke wurden wir herzlich begrüßt. Von einem unserer jungen Pfadfinder, der jetzt zu jener bewaffneten Gruppe gehört, die das Dorf „schützt“.

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Pengue steht stellvertretend für alle Dörfer in der Basse-Kotto. Die ganze Präfektur ist verwüstet. Die Kriegsherren erklären lauthals den Frieden. Die Bevölkerung leidet stummgeschlagen weiter. Doch die Sehnsucht nach und die Hoffnung auf Frieden lassen uns immer wieder in unseren Gottesdiensten tanzen…

 

 

Kurzbesuch in Pengue

Heute war ich – nach acht Monaten – wieder einmal ein Pengue, unserem Wallfahrtsort in 7 Kilometer Entfernung von Mobaye. Mit unserem Katechisten Charles haben wir uns zu Fuß auf den Weg gemacht, um Kirche und Gemeinde zu besuchen, ganz spontan und ohne Vorankündigung. In meinem nächsten Eintrag schreibe ich mehr davon, für heute nur ein Neujahrsgruß, den ich in der Hand eines Jungen fand – in den Farben der Zentralafrikanischen Republik:

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„Ein frohes neues Jahr 2018 – Euch allen!“