Minister und Berater kommen und gehen…

In einem vorherigen Eintrag hatte ich das Friedensabkommen von Khartum erwähnt (Februar 2019), das bis heute die Richtlinie für die zentralafrikanische Politik darstellt. Darin haben sich die Regierung und die zahlreichen untereinander verbündeten oder verfeindeten Rebellengruppen auf einen Waffenstillstand und eine Lösung der nunmehr 6 Jahre andauernden Krise geeinigt.

Einige bewaffnete Gruppen legen ihre Gewehre und Macheten tatsächlich ab – oder verstecken sie in ihrem Haus. Man weiß ja nie, was kommen mag.

Vereinzelte Gewaltakte dauern jedoch an. Auch in Mobaye.

Als Folge des „Friedensvertrages“ hat es mittlerweile schon zwei „Regierungsanpassungen“ gegeben, denn das Abkommen sieht eine stärkere Beteiligung der Rebellengruppen in der Regierungsverantwortung vor. Einige Minister wurden ausgewechselt, neue Ministerien und Beraterposten geschaffen.

Als „Militärberater“ für die Sicherheit der Region „Nord“ und „Ost“, also auch für unsere Basse-Kotto, wurde der Anführer der Selekafraktion UPC (zu deutsch: „Union für den Frieden in der Zentralafrikanischen Republik“) ernannt, Ali Darassa. Die UPC umfasst jenen Teil der Rebellen, die auch bei uns in Mobaye herrschen.

Eine unabhängige zentralafrikanische Internet-Nachrichtenseite liefert mehr Informationen. Auch wer französisch nicht versteht, versteht, in welcher Situation sich unser Land zurzeit befindet:

http://centrafrique-presse.over-blog.com/2019/03/centrafrique-des-chefs-rebelles-nommes-conseillers-militaires.html

 

PS: Wenn alles gut geht, machen wir uns morgen wieder auf den Rückweg nach Mobaye.

 

 

Erweiterter Ordensrat in Bangui

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Die Teilnehmer mit Kardinal Dieudonné Nzapalainga, dem Erzbischof von Bangui. Auch Spiritaner.

Von Dienstag bis Samstag fand in unserem Provinzhaus St Charles in Bangui unser Erweiterter Ordensrat statt. Alle drei Jahre treffen sich die Mitglieder des Spiritanerordens, die in der Zentralafrikanischen Republik arbeiten (Einheimische sowie Mitbrüder aus anderen Provinzen – so wie ich) und zentralafrikanische Spiritaner, die in anderen Ländern tätig sind oder im Ausland studieren.

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Während einer kurzen Pause

Es geht darum zu schauen, ob und inwieweit die Beschlüsse des Ordenskapitels von 2016 in die Tat umgesetzt wurden, ob wir Dinge neu durchdenken müssen, ob sich uns neue Aufgaben stellen. Es geht um die Ausbildung von jungen Männern, die Spiritanermissionar werden wollen und es geht – leider Gottes viel zu viel – um’s „liebe Geld“.

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links: P.William bei seinem Besuch in Gbadolite während unserer Zeit im Kongo

Außerdem neigt sich die erste Amtszeit unseres Provinzials P. William Anfang Oktober dem Ende zu – und so standen schon jetzt Neuwahlen auf dem Programm. P. William ist euch sicher von dem ein- oder anderen Blogeintrag ein Begriff. Er hat in kurzer Zeit viele Dinge unseres Ordens in Zentralafrika neu strukturiert und konsolidiert, neue Projekte ins Leben gerufen und nicht zuletzt unsere kleine Kommunität in Mobaye tatkräftig unterstützt.

Vorgestern votierte eine knappe Mehrheit der Versammlung für P. Blaise, der zurzeit noch in Rom studiert und ab Herbst die Leitung unserer Provinz übernehmen wird.

Wien auf Platz 1, Bangui auf Platz 230 (von 231)

Beim Lesen der Nachrichten der letzten Tage im Internet bin ich auf die neue Ranking-Liste des Beratungsunternehmen „Mercer“ gestoßen, das die Lebensqualität in den großen Städten dieser Welt beurteilt. Seit 10 Jahren verteidigt Wien seinen ersten Platz. Unsere Hauptstadt Bangui landet auf Platz 230. Nur in einer Stadt sei die Lebensqualität geringer: in Bagdad (Platz 231 und gleichzeitig Schlusslicht). Selbst in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen (Platz 229), lebe es sich „besser“… (siehe: https://www.dw.com/de/ranking-wien-bleibt-stadt-mit-der-weltweit-h%C3%B6chsten-lebensqualit%C3%A4t/a-43045890).

IMG_20161009_174017 2Ich komme ins Grübeln… Im Vergleich zu unserem Mobaye und den Dörfern der Basse-Kotto ist das hier ein „Paradies“. Es gibt Strom, Geschäfte, unzählige Straßenbars, Internet, Telefon rund um die Uhr.

Aber natürlich nur für den, der die Mittel hat.

Krankenhäuser sind in einem desolaten Zustand, die staatlichen Schulen reichen nicht aus und sind zerfressen von Korruption, sauberes Trinkwasser aus den Brunnen im Viertel muss man kaufen. Und dann die Frage der Sicherheit. Die Regierung steht auf wackligen Beinen, manche Stadtviertel sind ein Pulverfass.

All das ist Bangui. Und mittendrin: die vibrierenden Kirchen, die geschichtsträchtige katholische, aber auch die vielen (lauten) evangelischen und evangelikalen.

„Lebensqualität“ ist eben nicht objektiv erfassbar.

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von links nach rechts: Annette (AGEH-Fachkraft), Abiba (Ökonomin der Diözese von Alindao), Eric (einer der beiden neugeweihten Diakone der Diözese von Alindao) und P. Prince (den kennt Ihr ja schon aus Mobaye)

Und als Nachtrag die Worte eines afrikanischen Kommentators ( siehe https://mondafrique.com/avant-bagdad-bangui-est-la-ville-offrant-la-moins-bonne-qualite-de-vie/). Sarkastisch, aber ebenso realistisch :

„Wenn schon Bangui so schlecht bewertet wird, dann lässt sich die dramatische Situation der Bevölkerung außerhalb der Hauptstadt nur erahnen. Dagegen könnte diese neue Mercer-Untersuchung für das auswärtige Personal, die Experten, die Blauhelme und die Diplomaten vor Ort eine willkommene Gelegenheit sein, eine erneute Erhöhung ihrer Zulagen zu fordern.“

Beginn der Fastenzeit

An jenem Sonntag, als wir die Seleka-Rebellen bei ihrer Rückkehr nach Mobaye sahen, haben wir trotzdem Gottesdienst gefeiert, den ersten Sonntag der Fastenzeit, mit Austeilung des Aschenkreuzes. Aufruf zu Besinnung und Umkehr. Will bei uns heißen, ganz konkret: keine Gewalt mehr. Stattdessen Friede und Gerechtigkeit im Namen der Opfer. Doch der Weg ist noch sehr sehr weit.

Die Vereinbarung von Khartum – gebrochen in Mobaye

Seit vorgestern bin ich wieder in Bangui. Nach zwei Jahren sind wir zum ersten Mal wieder auf dem Landweg in die Hauptstadt gefahren. Zuvor wäre die Fahrt durch die Rebellengebiete zu gefährlich gewesen, monatelang hatten verschiedene bewaffnete Gruppen die Wege blockiert, Brücken unpassierbar gemacht, Straßensperren errichtet.

In Mobaye funktioniert das Internet nur noch selten. Deshalb jetzt ein Lagebericht, den ich letzte Woche geschrieben habe. Die Lage in unserer Stadt ist aber bis heute unverändert angespannt:

accord 2Vielleicht ging es vor wenigen Wochen auch durch die deutschsprachigen Medien. Eine weitere Übereinkunft zwischen der zentralafrikanischen Regierung und den zersplitterten Rebellengruppen ist erreicht worden. Die achte, glaube ich. In Khartum, der Hauptstadt des Sudan.

Der knappe Bericht auf „Radio Vatikan“ beschrieb die Angelegenheit wie folgt:

„Ein neues Friedensabkommen

Mitte Februar, noch vor dem aktuellen Regierungswechsel, hatten Touadera und sein damaliger Ministerpräsident ein erneutes Friedensabkommen mit 14 bewaffneten Milizengruppen geschlossen. Beobachter glauben allerdings kaum, dass das Friedensabkommen halten wird, da viele Milizen sich nicht durch die Unterzeichner vertreten sehen. Die Afrikanische Union und die UN-Friedensmission Minusca hatten die Übereinkunft bestätigt. Mit dieser verbinden die Initiatoren die Hoffnung, den 2012 in der Zentralafrikanischen Republik ausgebrochenen Kämpfen zwischen muslimischen und christlichen Milizen endlich ein Ende setzen. Bei den Konflikten geht es weniger um religiöse Motive als um Kontrolle über Weidegebiete und Rohstoffe wie Diamanten, Gold und Uran. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen haben rund 1,2 Millionen der 4,7 Millionen Einwohner des Landes zu Flüchtlingen gemacht, im eigenen Land wie in denNachbarstaaten.“ (vatikan news / kn-cs)

Ich teile die Skepsis. Denn trotz aller Aufforderungen durch die hiesigen Regierungsvertreter, will heißen der neuen Präfektin und dem Unter-Präfekten, sich an die Abmachung zu halten, wurde sie bei uns in Mobaye in den nächsten Tagen schon wieder verletzt.

Was war geschehen? Eine Anti-Balaka-Straßensperre hatte einen ranghohen Seleka-Rebellen entwaffnet und seine Kalaschnikow beschlagnahmt. Der Befehlshaber kehrte gedemütigt mit leeren Händen nach Mobaye zurück und schickte nun seinerseits seine „Soldaten“ auf Strafexpedition aus. Sie griffen an zwei Tagen den Ort der Straßensperre und das Hauptquartier des Anti-Balaka-Kommandanten an. Tote, Verletzte, einhundert niedergebrannte Häuser waren der Ertrag. Unzählige Menschen sind aus den betroffenen Dörfern geflüchtet und verstecken sich bis heute im Busch aus Angst vor weiteren Racheakten. Zwanzig bis dreißig Kilometer von Mobaye entfernt.

Während des zweiten Angriffs war ich in einer unserer Außenstationen unterwegs und habe die Seleka-Rebellen bei ihrer Rückkehr gesehen. „Hallo, Père Olaf“, winken sie mir zu, gut gelaunt. Wir kennen uns aus Mobaye. Da wusste ich noch nicht, was geschehen war.

Angst und Anspannung bleiben bis heute im Herzen der Bevölkerung. Die Blauhelmsoldaten reagieren nicht.

Im 106 Kilometer entfernten Alindao ist seit Wochen zentralafrikanisches Militär stationiert. Die Präfektin beteuert, sie habe sich mehrfach an Bangui gewandt, damit die Soldaten vor Ort einschreiten und Sicherheit schaffen. Nichts geschieht. Nichts bewegt sich. Und niemand versteht mehr irgendetwas in diesem Land totaler Anarchie.

 

 

Unsere Schule „Maanicus“

Inmitten von Rebellengruppen, die ihre Waffen einfach nicht niederlegen wollen, inmitten von Rückschlägen und Enttäuschungen gibt es immer wieder jene Momente, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft machen.

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Fahnenappel und Nationalhymne am Montag Morgen

Einer dieser Lichtblicke ist unsere Schule „Antoine Maanicus“. Vielleicht erinnert Ihr Euch: Im Dezember 2017, nach den Angriffen auf Mobaye, der Flucht in den Kongo und dem anschließenden Waffenstillstand, hatte ich von einem neuen Anfang  geschrieben. Mit einem Lehrer und 16 Schülerinnen und Schülern.

Heute zählt der Schulkomplex über 700 Kinder: Zwei Kindergartengruppen, eine 1a und eine 1b, eine 2a und eine 2b, sowie die Klassen drei bis sechs.

Im vergangenen Schuljahr hat uns die lokale Nichtregierungsorganisation „Kinder ohne Grenzen“ mit UNICEF-Geldern vollends unterstützt: Übernahme der monatlichen Bezahlung der Lehrkräfte sowie einiger Neuanschaffungen. Dasselbe Versprechen haben sie uns für das laufende Schuljahr gemacht. Aber wie es so häufig bei den großen Finanzgebern der Fall ist, löste sich die Zusage plötzlich in Luft auf. UNICEF habe die Gelder nicht mehr bewilligt. Aber wir hatten schon neue Lehrkräfte eingestellt und neue Klassen eröffnet, mit der Zusage an die Eltern, auch in diesem Jahr noch keine Schulgebühren zu verlangen. „Einspringen“ tun nun Freunde aus den Niederlanden, Familien und Bekannte eines Spiritanerpaters, der zwanzig Jahre lang hier in Mobaye gewirkt hat. Mit ihrer Unterstützung wird die Schule ohne Schwierigkeiten das gesamte Schuljahr bestreiten können.

Und all das wird von beruflichen „Laien“ geleistet. „Maître-parents“ heißen sie auf Französisch. Eltern, die selber ein paar Jahre Schule durchlaufen haben und jetzt jeden Morgen vor ihrer Klasse stehen und unterrichten, ohne jegliche berufliche Qualifikation. Und das bei einer Klassenstärke von nicht unter fünfzig Schülerinnen und Schüler. Einige der „maître-parents“ haben vielleicht einen zwei-Wochen-Einführungskurs in die Lehrtätigkeit absolviert, nur die wenigsten von ihnen haben das Abitur. Aber wir haben keine andere Wahl. Ausgebildete Lehrkräfte gibt es höchst selten in Mobaye.

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Und so ist es jeden Morgen ein gutes Gefühl, von lärmenden Schülern und Schülerinnen umgeben zu sein. Wenn Schule ein Spiegelbild der Gesellschaft von morgen wäre, dann sähe die Zukunft der Zentralafrikanischen Republik friedvoller aus als ihre Gegenwart: Etliche Kinder von Seleka-Rebellen und Anti-Balaka-Kämpfern sind dieses Jahr unter den Schülern. Und auch Mbororo-Kinder und Waisen, deren Eltern von Rebellen ermordet worden sind. In ihrer jeweiligen Klasse „friedlich“ vereint. Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht die Verbrechen ihrer Väter eines Tages wiederholen.

 

 

 

 

 

Die Schwestern sind da

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von links nach rechts: Sr Hortance, Sr Xavière und Sr Blandine

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In einem vorherigen Eintrag hatte ich es schon einmal erwähnt: seit knapp drei Monaten leben und arbeiten wieder Schwestern in Mobaye. Eine diözesane Ordensgemeinschaft aus dem gegenüberliegenden Bistum von Molegbe (Kongo) hat den Sprung über den Ubangi gewagt und das verwaiste Schwesternhaus neu bezogen. Herzlich willkommen!