Im Fernsehen

Ein großes „Dankeschön“ – „Singila mingi“ an Euch alle, die Ihr in Deutschland auf die Lage der vielen Menschen in der Zentralafrikanischen Republik aufmerksam macht und die Ihr uns durch viele Solidaritätsaktionen unterstützt.

Eine davon ist die von Giovanni und Martino Saviano aus Köln. Und so kommen wir jetzt sogar ins Fernsehen.

Die Mail von Brigitte und Ottavio, ihren Eltern, setze ich einfach in diesen Blog:

„Nachdem Giovanni und Martino Mitte Mai einen Brief an die Redaktion der Kindernachrichten „logo!“ schickten mit der Bitte, über den neu entflammten Bürgerkrieg und die Flüchtlingskrise in der Zentralafrikanischen Republik zu berichten, gibt es nun Neuigkeiten:

Voraussichtlich jetzt am Sonntag (2.7.17) um 19.50 Uhr wird in den logo-Nachrichten auf KIKA (Kinderkanal von ARD und ZDF) die Situation in Zentralafrika und der Geflüchteten thematisiert – und Olaf Derenthal (per Telefon aus dem Grenzgebiet DR Kongo), Giovanni und Martino helfen dabei.

Bis zum Folgetag kann man die aktuelle Sendung noch anschauen unter:

http://www.tivi.de/fernsehen/logo/start/index.html

Für 6 Tage steht sie dann noch in der Mediathek unter:

http://www.tivi.de/mediathek/7-tage-rueckblick-886446/

Herzliche Grüße,

Brigitte und Ottavio“

Vielen, vielen Dank Euch allen – und ich bin echt gespannt!

 

 

Ein bisschen Geographie

Mobaye, Gbadolite, Kambo… manchmal erwähne ich in diesem Blog Ortsnamen, als ob ein jeder die kennen müsste. Vielleicht kann die Karte ein wenig Überblick verschaffen, wie es hier in der Grenzregion aussieht.

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Die Zeichnung ist nur ein simples Schema und gibt die Entfernungen zueinander nicht genau wieder, aber das macht nichts.

In der Mitte des Bildes befindet sich der Grenzfluss Ubangui, oberhalb die Zentralafrikanische Republik, unterhalb die Demokratische Republik Kongo.

Am rechten Bildrand liegt „unser“ Mobaye, genauer gesagt „Mobaye Mbanga“, das zentralafrikanische Mobaye mit unserer Pfarrei. Gegenüber befindet sich „Mobaye Mbongo“, das kongolesische Mobaye. Östlich unserer Kleinstadt haben wir vor vier Wochen übergesetzt und sind dann mit zwei Motorradtaxis weiter nach Gbadolite gefahren, am unteren Bildrand. Dort lebt der Bischof der hiesigen Diözese, die aber nicht „Gbadolite“ heißt, sondern „Molegbe“, denn der traditionelle Bischofssitz befindet sich in dem 20Kilometer entfernten, weitaus kleineren Ort Molegbe.

Westlich von unserem Mobaye habe ich vier Dörfer eingezeichnet, von Lembo bis Mafunga. In jedem dieser Orte steht eine Kapelle; das sind vier der 18 Außenstationen, für die ich verantwortlich bin. Diese Orte sind heute fast menschenleer. Die Bewohner haben alle in den Kongo übergesetzt und sich in den gegenüberliegenden Orten niedergelassen. In Lembo-Ngbangba zum Beispiel, in dem zuvor ein paar Familien wohnten, leben jetzt über 2.000 Personen aus unserem Mafunga. Dort war ich gestern.

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Flüchtlingsfamilie in Lembo-Ngbangba. Auf der anderen Seite des Ubangi ihr Heimatdorf Mafunga.

Die Leute schauen den ganzen Tag auf’s gegenüberliegende Ufer – und sehen ihre abgebrannten Häuser. Der Ort wurde zu 75% vernichtet. Als Racheakt für einen Angriff der Anti-Balaka haben Seleka-Rebellen zahlreiche Häuser in Brand gesetzt. Zum Glück waren zu diesem Zeitpunkt schon alle Bewohner geflohen. Heute beherrscht eine Anti-Balaka-Miliz das Dorf – junge Männer aus  Mafunga selbst, die eine bewaffnete Gruppe zur Selbstverteidigung gebildet haben. Und die bereit sind, jeden Muslim zu töten, den sie aufspüren.

Ganz links auf der Karte liegt der Ort Zangba. 40 Kilometer von Mobaye entfernt befindet sich hier unsere Nachbarpfarrei. Die Menschen von dort sind fast vollständig in das gegenüberliegende Kambo geflohen, unter ihnen auch zwei Priester der Diözese. In Zangba befindet sich zudem das kleine katholische Krankenhaus, von dem ich in meinem letzten Eintrag schrieb. Mama Marie-Antoinette und ihre drei Kollegen mussten vor vier Wochen ebenfalls Hals über Kopf nach Kambo fliehen und arbeiten nun seit zwei Wochen unter den Flüchtlingen. Jeden Tag behandeln sie zwischen 50 und 80 erkrankte Flüchtlinge. Gratis, mit Hilfe Eurer Spendengelder (dazu in einem späteren Eintrag aber mehr).

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Das mobile Krankenhaus in Kambo

Mittlerweile hat uns die Nachricht erreicht, dass die Seleka-Rebellen unser Krankenhaus in Zangba geplündert haben und Medikamente und Ausrüstung nun in „ihrem“ Gesundheitsposten verwenden…

Aus unserem Dorf „Bôh“ ist das Team des staatlichen kleinen Gesundheitspostens auch geflohen ins gegenüberliegende Lembo-Sango. Der Krankenpfleger von dort ist aktives Gemeindemitglied; neulich habe ich noch drei seiner Kinder getauft. Einige Medikamente und Ausrüstung hat Abraham mit hinüber retten können, so dass auch er, als Flüchtling, nun in Lembo-Sango Flüchtlinge behandelt. Aus dem noch funktionierenden Krankenhaus von Mobaye (Mbanga) hat er einige Medikamente dazu bekommen, aber die Überfahrten werden immer riskanter. Und teurer, denn wenn man Waren aus der zentralafrikanischen Republik in den Kongo bringen will und von den höchstaktiven Zollbeamten erwischt wird, dann kostet das eine Menge Geld. Also habe nun auch ich im Namen unserer Diözese von Alindao begonnen, ihm Medikamente zur Verfügung zu stellen, die ich hier in Gbadolite einkaufe. Wie Mama Marie-Antoinette macht auch Abraham seine Arbeit richtig gut.

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Flüchtlingsfamilie beim Hausbau in Kambo

Die Herausforderungen sind gewaltig. Aber das Gottvertrauen ist größer.

Weiterhin im Kongo

Schon über drei Wochen sind vergangen, dass wir Mobaye verlassen haben.

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Der kleine Achille unter den Flüchtlingen, den ich vor ein paar Wochen getauft habe.(Wenn Ihr etwas runterscrollt und auf den Eintrag vom 7. April geht, findet Ihr ihn dort.)

 

 

 

 

 

 

Immer wieder erreichen uns Nachrichten aus der Stadt und aus der ganzen Region; Nachrichten, die zumeist schlecht sind. Von gewaltsamen Aufeinandertreffen von Seleka und Anti-Balaka, von Drangsalierungen der verbliebenen Bevölkerung und von Plünderungen von Häusern, deren Bewohner geflohen sind.

Und unsere Pfarrei? – Am vergangenen Samstag haben wir für ein paar Stunden übergesetzt, um in Pfarrhaus und Kirche nach dem Rechten zu sehen. Es stimmt, auch bei uns hat man versucht einzubrechen, aber nicht viel gestohlen. Eine halbe Stunde etwa, nachdem wir eingetroffen waren, kam einer der führenden Rebellen zu uns, hat uns herzlich begrüßt und konnte es einfach nicht verstehen, dass auch wir in den Kongo gegangen sind. Und dass in Mobaye doch Frieden herrsche, und dass wir alle so rasch wie möglich zurückkommen sollten.

Frieden?

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Wir haben noch einige Sachen mit in den Kongo genommen, andere anderswo versteckt, um dann wieder über den Ubangi zurück nach Mobaye Mbongo (das kongolesische Mobaye gegenüber) und Gbadolite zu gehen.

Wie lange soll die Situation noch so andauern? – Wir haben einen Transporthubschrauber der UNO gesehen, der die Minusca-Truppen aus Mauretanien verstärkt hat. Reicht das? – Ich zweifle.

Unterdessen wird die Situation unter den Flüchtlingen immer dramatischer. Die letzten Reserven neigen sich dem Ende zu, mithilfe unserer Leute versuchen wir zu helfen, wo und soweit wir können. Ein Tropfen auf dem heißen Stein.

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Flüchtlingsfamilie

Eine politische Lösung aus der Hauptstadt Bangui? – Nichts ist in Sicht. Nur unzählige Gerüchte, von Armeeeinsätzen, Aussitzen, Unterstützung der Gegenrebellen durch die Regierung usw. Gerüchte, die beunruhigen.

 

Seit einer Woche arbeitet das Team des Krankenhauses von Zangba unter den zahlreichen Flüchtlingen in Kambo. Klasse, was die tun, unter schwierigsten Bedingungen.

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Mama Marie-Antoinette untersucht einen kranken Jungen.
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Auf Kurzbesuch mache ich ein wenig mit: Einen Tropfen Blut abnehmen für einen Malaria-Schnelltest.

Flüchtlinge

Ich wollte schon seit langem einmal geschrieben haben über ein weiteres Gesundheitsprojekt unserer Diözese von Alindao: Der Wiedereröffnung des kleinen katholischen Krankenhauses in unserer weit abgelegenen Nachbarpfarrei von Zangba. Aber bei meinen letzten Besuchen hatte ich keinen Fotoapparat dabei, und ohne Foto wollte ich nichts ins Netz setzen, und so haben sich die Ereignisse nun überschlagen…

Als Leiterin des Hauses konnte ich im vergangenen Dezember schon meine frühere Kollegin Marie-Antoinette gewinnen. Sie war zwischenzeitlich wieder in ihr Land, den Kongo zurückgegangen, aber seit einem halben Jahr ist sie wieder bei uns. Das heißt, jetzt ist wieder im Kongo, aber unter den Flüchtlingen. Zusammen mit Mama Albertine, einer Hebamme, Papa David, der die Apotheke und den Schreibkram macht, und David, einem jungen „Praktikanten“ und Helfer für alles, sind auch sie geflohen. Wie Mobaye auch liegt Zangba am Ubangi, und dort ist dasselbe geschehen wie bei uns: Die Leute fliehen zu Hunderten, zu Tausenden, auf die andere Seite des Flusses, in den Kongo.

Mama Marie-Antoinette und ihr Team sind jetzt also in Kambo. Der kleine kongolesische Ort muss plötzlich Raum bieten für mehr als 2000 Menschen zusätzlich.

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Die Dorfschule wird Unterkunft für Flüchtlinge.

Sie schlafen bei Leuten, die sie in ihre Häuser aufnehmen, in öffentlichen Gebäuden, in provisorischen Unterständen und Hütten.

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Ein neue Unterkunft entsteht.
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Die provisorische Unterkunft für Mama Marie-Antoinette und die Familie ihrer Kollegin, Mama Albertine.

Krankheiten, vor allem der Kinder, lassen da nicht lange auf sich warten. Aus der Klinik retten konnte das Personal kaum etwas. So haben wir hier am Mittwoch ein paar Medikamente gekauft, und gemeinsam mit Mama Marie-Antoinette bin ich in das Dorf gefahren, nur 18 Kilometer von unserer Stadt Gbadolite im Landesinneren entfernt.

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Die Medikamente für die Erstversorgung der Flüchtlinge.

Wir haben mit dem „Ortsvorsteher“ gesprochen, und er hat unsere Initiative willkommen geheißen: Er stellt einen Unterstand zur Verfügung, und seit Donnerstag arbeitet das Team: Sprechstunde und Behandlung gratis. Für die Flüchtlinge, aber auch für die kongolesischen Dorfbewohner. Das war die Bedingung, und die macht Sinn. Denn ansonsten schafft man Neid und Zwietracht zwischen den Einheimischen und den Geflohenen.

Das ist alles sehr improvisiert und vielleicht nicht genügend professionell.

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Die großen Organisationen der humanitären Hilfe werden kommen – Ärzte ohne Grenzen, UN-Flüchtlingshilfe usw. Hoffentlich. Aber der Notfall ist jetzt. Und den wollen wir überbrücken. Auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist.

 

Bleiben oder gehen?

Diese Frage hat uns in unseren letzten Tagen in Mobaye immer wieder umgetrieben. Was ist die richtige Entscheidung?

Die Seleka-Rebellen und die Verantwortlichen der Stadt versuchten, Druck auf uns auszuüben. Als religiöse Führer sollten wir, zusammen mit den evangelischen Pastoren und dem Imam, unsere Leute dazu drängen, wieder in die Stadt zurück zu kommen oder erst gar nicht zu fliehen.

Aber Tag für Tag wuchs die Anspannung. Und die Angst. Tag für Tag verließen die Menschen Mobaye. Zurück blieben Mütter mit kleinen Kindern und alte Menschen. Solange sie noch da sind und wir in der Kirche Schutz bieten können, bleiben wir. Das war unsere Leitlinie.

Zu fliehen ist schließlich auch mit vielen Risiken verbunden: Man kann kaum Reserven mitnehmen, man ist in einem fremden Land, man lässt ein Haus oder eine Hütte zurück, die irgendwann höchstwahrscheinlich geplündert werden wird.

„Bleiben oder Gehen? Was will Gott, dass wir tun?“ – Das fragten uns die Menschen.

Ich habe immer geantwortet: Jesus hat beides getan. Als er kleines Kind war, hat sein Vater Josef ihn und seine Mutter Maria geschnappt, und sie sind Hals über Kopf nach Ägypten geflohen, um dem Tod durch die Soldaten des Herodes zu entkommen. Da war Jesus ein Flüchtling gewesen. Später dann, im Garten von Gethsemane, ist er nicht davongelaufen, als die Soldaten kamen und ihn festnahmen. Da hat er auf Gewalt mit Gewaltlosigkeit geantwortet. Was auch immer Du tust, ob Du gehst, ob Du bleibst, Gott ist mit Dir. Höre auf dein Herz und Deinen Verstand und dann handle.

So sind jeden Tag viele unserer Gemeindemitglieder gegangen. Und am Ende auch wir.

Das ist nicht leicht. Vor wenigen Wochen erst haben wir den „Sonntag vom Guten Hirten“ gefeiert. Der Hirt bleibt bei seiner Herde, auch und gerade, wenn der Wolf kommt. Wenn Du Priester bist, ist das fundamental.

Aber: unsere „Herde“ ist mittlerweile vollständig hier im Kongo. Nicht nur unsere Gemeinde aus der Stadt Mobaye, sondern auch aus allen Dörfern am Fluss, die zu meinem Pfarrsektor gehören. Und weit darüberhinaus.

Und am Ende sagten uns die verbliebenen Leute: „Geht!“

Es war tatsächlich so: Wenn wir als Priester bleiben, senden wir das Signal aus: „Es gibt noch Sicherheit. Ihr könnt bleiben.“ Von daher war unsere Entscheidung zu gehen auch das Zeichen an alle: „Sicherheit gibt es hier nicht mehr“. Das haben die Leute verstanden. Und sind an jenem Tag fast vollzählig auf die gegenüberliegende Seite des Flusses gegangen.

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Père Christ-Roi und Pastor Sambo von der Elim-Kirche bei den Flüchtlingen.

Was weh tut ist der Gedanke, die Kirche und das Pfarrhaus ohne Schutz zurückgelassen zu haben. Wir müssen mit Plünderungen und Zerstörung rechnen. Aber ich glaube trotz allem, dass es doch eine richtige Entscheidung war zu gehen. Die Zukunft wird uns lehren.

Danke für all Eure Gebete und Mut machenden Worte!

Nachtrag: ein paar Fotos

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Die letzten Tage in unserer Gemeinde. Die Kirche wird zu einem kleinen Flüchtlingslager. Es sind vor allem Mütter mit ihren Kindern und alte Menschen, die den Tag und vor allem die Nacht bei uns verbringen.
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Abends bei der Ausgabe von Reisbrei und Gepäck in der Kirche
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Vor allem unter den Kindern werden viele krank – oder sie sind es schon: Hier ein Mädchen mit Unterernährung. Ein verlâssliches und einfaches Mittel der Diagnostik ist, den Oberarmumfang zu messen. Er muss im grünen Bereich liegen. Gelb heißt „Achtung“, Unterernährung droht. Rot bedeutet: Schnell handeln, das Kind ist krank!
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Die Menschen fliehen aus Mobaye und setzen mit der Piroge auf eine Sandbank in der Mitte des Ubangi über.
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Erst einmal in Sicherheit…
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Die Menschen richten sich notdürftig ein.
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So sehen die Stadtviertel von Mobaye heute aus. Normalerweise wimmelt es hier von spielenden Kindern, arbeitenden Frauen und herumlaufenden Hühnern.

Wieder im Kongo. Diesmal geflohen

Oft habe ich in den vergangenen Monaten immer wieder von den Seleka-Rebellen schreiben müssen, die die Bevölkerung tagtäglich drangsalierten. Trotz der Schikanen war dennoch ein gewisser Alltag möglich. Vor ungefähr drei Wochen jedoch ist der Konflikt in unserer Region, in unserer Diözese von Alindao eskaliert. Ein kleiner Funke reichte, um auf den ganzen Südosten des Landes Feuer zu werfen.

Es begann in Alindao selbst. Eine kleine Gruppe von Gegenrebellen, genannt „Anti-Balaka“, hatte die Familie eines Seleka-Chefs entführt, um die Freilassung von zwei ihrer Waffenbrüder zu erzwingen. Dieses Ereignis setzte eine ganze Spirale von Gewalt in Gang: Innerhalb von drei Tagen wurden in Alindao 160 bis 180 Menschen umgebracht. Zivilpersonen. Sofort begannen die Leute, Schutz in der Kathedrale zu suchen. Nach drei Tagen kamen endlich Blauhelmsoldaten in Alindao an und sicherten das Kirchengelände. Das ist bis heute so. Über 10.000 Menschen leben dort als „Binnenflüchtlinge“ (so sagt man, glaube ich).

Die Nachricht der Massaker an der Zivilbevölkerung verbreitete sich rasend schnell, auch bei uns in Mobaye. Panik ergriff die Menschen. Klar. Plötzlich wurden es auch immer mehr Seleka-Rebellen bei uns. Sie verhielten sich aggressiver als zuvor, Marktplatz und Ortszentrum waren beherrscht von mit Kalaschnikows bewaffneten jungen Männern. Gerüchte von „Anti-balakas“ auch in unseren Dörfern machten die Runde.

Wir haben das große Glück, direkt an der Grenze zum Kongo zu leben. Und so begannen die Leute, ihre Sachen zu packen, den Fluss zu überqueren und sich auf kleinen Inseln in der Mitte des Flusses oder auf Sandbänken auf der anderen Seite niederzulassen, unter freiem Himmel zu schlafen, unter Planen vielleicht, oder in notdüftigen Hütten.

Die Rebellen und die Verwaltung der Stadt wurden immer nervöser. Man berief Sicherheitstreffen ein, in denen zum Bleiben aufgerufen wurde. Später wurden aus diesen Aufrufen Drohungen. Man habe nichts zu fürchten, alles sei unter Kontrolle, so die Rebellen: „Ye oko ayeke da ape!“

Ach ja, Blauhelmsoldaten sind auch in Mobaye. Doch denen traut schon längst niemand mehr. Sie kommen aus Mauretanien und machen gemeinsame Sache mit den Rebellen. Das ist ein offenes Geheimnis.

Eines Morgens vor ungefähr vor zwei Wochen hörten wir dann in einiger Entfernung zwar, aber doch deutlich vernehmbar das Donnern schwerer Geschütze und Gewehrschüsse. Sofort liefen die Menschen zu uns, um Schutz zu suchen. Nach einer Stunde verstummten die Waffen. Wer? Woher? – Das wusste niemand.

An jenem Tag wurde unsere Kirche zu einem kleinen Flüchtlingslager. Jede Nacht haben zwischen 150 und 250 Menschen in der Kirche geschlafen. Ich auch. Wir haben angefangen, Abend für Abend Reisbrei zu verteilen und Gebäck. Damit vor allem die Kinder nicht mit leerem Magen einschlafen müssen. Ja, es waren viele, viele Kinder mit ihren Müttern und alte Leute, die zu uns kamen.

Und dann immer wieder Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte: Von einem bevorstehenden Angriff der „Anti-Balakas“ auf die Stadt, von willkürlichen Verhaftungen, von Massakern in den umliegenden Dörfern. Der Exodus ging weiter: Jeden Tag setzten Menschen in den Kongo über. Für uns als Spiritaner galt: Solange noch Leute hier sind und in unserer Kirche Schutz suchen, bleiben wir.

Von Anfang an habe ich jede Gelegenheit genutzt, den Kommandanten der Minusca, d.h. unserer Blauhelmsoldaten davon zu überzeugen, dass wir ihren Schutz  vor allem in der Nacht brauchen. Manchmal kam tatsächlich eine Patrouille vorbei, oft aber auch nicht. In Angst lässt sich jedoch schlecht schlafen.

Unsere Kirche befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Rebellen. Das Haus des Generals und die der Offiziere sind am Eingang der kleinen Zufahrtstraße zu unserem Grundstück, ihre Militärbasis im ehemaligen Sozialzentrum der Stadt ist ein Steinwurf entfernt. Nachts stehen Seleka-Posten direkt neben unserem Gotteshaus.

Unter den Schutzsuchenden in der Kirche war auch eine schwerkranke Frau mit einer schizophrenen Störung. Eines Nachts schrie sie in der Kirche mehrmals laut auf. Schmerzen? Alpträume? Die Seleka-Posten draußen hörten das natürlich auch, wurden vielleicht unruhig, riefen, dass die Frau still sein sollte. Aber wie kann man das einem schwerkranken Menschen deutlich machen? Schließlich rief einer der Rebellen: „Denkt Ihr etwa, nur weil Ihr in Eurer Kirche seid, können wir nicht auf Euch schießen?“

Das war die vorletzte Nacht in unserem Gotteshaus. Am nächsten Tag, Père Christ, Prince und ich saßen noch beim Mittagessen, kam der Militärkommandant der Rebellen vorgefahren, begleitet von zwei seiner Mitarbeiter und sieben bewaffneten Jungs, die sich sofort um unser Haus postierten.

Der Kommandant war bei einem Gefecht einige Tage zuvor verwundet worden. Ein Verband über seinem rechten Auge zeugte davon. Ist er Zentralafrikaner? Eher nicht. Er versteht zwar Sango, aber er hat einen Übersetzer dabei, denn er spricht meist arabisch.

Wir seien alles Komplizen der „Anti-Balakas“, so der Vorwurf. Er gibt uns einen Tag Zeit, um die Leute nach Hause zu schicken. Niemand dürfe mehr in der Kirche übernachten. Ansonsten würden sie tun, was sie andernorts auch schon getan hätten. (In Bangui und in einem Dorf bei Bambari hatten sie nachts Kirchen angegriffen und die Menschen, die dort Schutz gesucht hatten, umgebracht.) Und dann folgte ein ganzer Schwung von wirren, widersprüchlichen Erklärungen, dass für die Menschen kein Grund bestehe, auf die Sandbänke zu flüchten – wenn sie aber nicht zurückkehrten, werde man auf sie schießen. Notfalls auch auf kongolesische Seite. Außerdem wisse man ganz genau, dass die Pastoren und Priester die Gegen-Rebellen unterstützten; sie, die Seleka-Rebellen, besäßen eine Namensliste der Verräter. Und sie wüssten auch, welche Informationen wir täglich nach Bangui durchgeben würden.

Mit dieser Drohung, die sie ebenso gegenüber dem evangelischen Pastor und später auch den Verantwortlichen der Stadt aussprachen, war für uns eine rote Linie überschritten. Um die Menschen bei uns nicht in Panik zu versetzen, sind wir noch eine  Nacht geblieben, haben den Schutzsuchenden aber gesagt, dass wir ab morgen das Gotteshaus auf Druck der Rebellen schließen müssen. Und so haben wir ein letztes Mal in der Kirche übernachtet, ohne Schutz von Blauhelmsoldaten, nur im Gebet, dass die Rebellen nicht auf uns schießen mögen. Geschlafen habe ich in dieser Nacht kaum. Am Sonntagmorgen haben wir trotz allem oder gerade deshalb Messe gefeiert. Ungefähr 50 Gläubige kamen. Was sollte ich predigen in einer solchen Situation? Dass der wahre Frieden nur von Gott kommt; wenn ich mich recht erinnere, habe ich darüber gesprochen.

Als unser Katechist Charles bei den Bekanntmachungen schließlich sagte, dass in der kommenden Woche keine Messen gefeiert würden, war allen unseren Christen klar, dass nun auch die Priester gehen. Und so packten die verbliebenen Menschen ihre Sachen, um sich auf den Weg auf die andere Seite des Flusses zu machen.

Einige junge Leute aus unserer Gemeinde haben etwas persönliches Gepäck von einem jeden von uns ans Flussufer unterhalb der Kirche geschafft, um es von dort aus mit der Piroge rüberzubringen. Das ist immer etwas gefährlich, denn die Rebellen patrouillieren am Ubangui. Wir selber sind noch zwei Kilometer flussaufwärts gegangen und haben dort übergesetzt.

Und so sind wir seit Sonntag im Kongo. Mittlerweile habe ich auch ein ordentliches Visum für 134 Dollar, denn als Deutscher sei ich kein Kriegsflüchtling. Ach so.

Der Bischof der hiesigen Diözese von Molegbe hat uns herzlich aufnehmen lassen (er selber ist grad in Kinshasa) und uns gebeten, erst einmal in das Gästehaus der Diözese nach Gbadolite zu kommen, ca. 25 km von der Grenze entfernt. Fast jeden Tag fahren wir aber dorthin, um unsere Gemeinde zu besuchen, die fast vollständig auf sicherem (!) kongolesischem Boden angekommen ist. Gott sei Dank!