Rostock und Waren 2015/2016

Bruder Olaf4 --bearbeitet - Kopie

 

 

 

Erfahrungen in der Pastoral von Mecklenburg

 

„Katholisch in Mecklenburg?“ (sprich: Meeklenburg!) haben Sie gesagt? Der Anteil der Katholiken im Ostteil der Erzdiözese Hamburg liegt bei 3-4 %; es handelt sich also schon um eine ganz besondere Diaspora-Situation, in der ich mein Diakonatsjahr verbringen darf.

 

Als Spiritaner gehöre ich zu unserer Kommunität von Rostock, meine eigentliche Ausbildungsgemeinde liegt jedoch in Waren an der Müritz. Dort leben 3 Franziskaner, die mich als viertes Mitglied ihrer Gemeinschaft vom ersten Tag an herzlich willkommen geheißen haben.
Und so entdecke ich nach sieben Jahren im Ausland (Zentralafrika und Frankreich) wieder „Kirche in Deutschland“. Klar, an der Oberfläche fallen sofort die „Fakten“ ins Auge, die landauf-landab Anlass zur Klage geben: die Kirchenbesucherzahlen sinken, junge Familien und Kinder finden kaum noch einen Weg in die Kirche, die finanzielle Situation der Gemeinden verschlechtert sich und so weiter. Auch in Waren an der Müritz. Aber davon möchte ich hier nicht schreiben, denn Zahlen und Strukturen, so wichtig sie auch sein mögen, sind keine der Namen Gottes.
Vielmehr sind es die vielen kleinen Momente, die den Alltag bereichern: die Gottesdienstgemeinschaft, die Ökumene, die interkulturelle Begegnung.
„Überall auf der Welt glauben Kinder an Gott“, so hieß das Motto der „ökumenischen Kinderkirchentage“, die wir in den Winterferien durchgeführt haben. Mit über 50 Jungen und Mädchen im Grundschulalter haben wir uns vier Tage lang auf eine Phantasiereise in fremde Länder begeben, haben entdeckt, wie Kinder dort leben, von welcher Zukunft sie träumen und wie wir mit ihnen allen durch den Glauben verbunden sind. Echte Geschwister eben.
Schön, wenn die Kinder in diesen Tagen entdeckt haben, dass wir „mit unserem Gott Mauern überspringen“ können (vgl. Psalm 18,8).
Mauern mussten wir bei unserer Sternsingeraktion zwar nicht überspringen, aber doch durch etliche Türen gehen. Mutig machten sich unsere drei Kindergruppen als Sterndeuter aus dem Morgenland Anfang des Jahres auf den Weg durch die Straßen von Waren. Meist wurden wir herzlich aufgenommen, und in dem einen oder anderen Wohnzimmer gab es auch eine heiße Schokolade. Manchmal jedoch hörten wir auch den Satz „Nee, ich hab mit der Kirche nix zu tun, da braucht ihr nicht zu kommen.“ Oder: „Aber nix an die Tür schreiben, dass die Nachbarn das nicht sehen“. In diesen Tagen waren unsere Jungs und Mädels doch echte Missionare!
Am anderen „Generationenende“ meiner Pastoralarbeit steht die Begegnung mit älteren und alten Menschen in unserer Gemeinde: Seniorennachmittage gestalten, Hausbesuche machen und die Krankenkommunion bringen. Ganz oft höre ich dabei die Geschichten aus vergangenen Zeiten: von Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen, aus dem Sudetenland und anderswo. Diese Menschen bilden ja den Stamm der katholischen Kirche im traditionell lutherisch geprägten Mecklenburg. Sie sind Katholiken, die nach dem Krieg ihre Heimat verlassen mussten, um „weiter im Westen“ bei null wieder anzufangen. Und dann: die DDR. Für mich absolut ungewohnt, im Alltag eine solche Zäsur zu setzen: „vor der Wende“ – „nach der Wende“. Aber hier höre ich diese „Zeitangabe“ täglich. Ich kann nur erahnen, welche Auswirkungen dieser Umbruch bedeutete, auch und gerade für gläubige Menschen. Die Erinnerung an die Verfolgung/Unterdrückung/Benachteiligung der Katholischen Kirche in der DDR ist immer noch ganz präsent und prägt das Christ-sein bis heute. So scheint es mir.
Taufen gibt es nicht viele hier in der Diaspora, und so bleibt mir meine erste Tauffeier ganz besonders in Erinnerung. Die Mutter Deutsche, der Vater aus Ghana, und eine ganz bunt gemischte Gemeinde zur Feier des Tages. Jamal heißt der kleine Mann, der in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen wurde. Und er gedeiht ganz prächtig.
Ganz interkulturell und interreligiös geht es für mich jeden Donnerstag und Freitag zu. Seit zwei Monaten engagiere ich mich in dem kleinen Team der ehrenamtlichen Deutschlehrer für syrische Flüchtlinge in Waren. In der Tat liegt der entscheidende Schlüssel für eine gelingende Integration der Menschen im Erwerb unserer Sprache, er öffnet die Tür zu Schule, Ausbildung und Arbeit. Richtig Spaß bereitet mir diese Aufgabe, und ich wünsche Sadrac, Hamsa, Mouataz und all den anderen Geflohenen eine Zukunft in Frieden und Sicherheit, wo auch immer das sein mag. In der Flüchtlingsfrage gerade auch als Kirche Farbe zu bekennen, erscheint mir dringend geboten. Eine Vertreterin der NPD sitzt im Stadtrat von Waren und eine Gruppe „Sympatisanten“ hat auch schon eine sogenannte „Bürgerwehr“ gegründet. Da darf Jesu Wort „Ich war fremd […] und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25, 35) nicht ohne Konsequenzen bleiben.
Und so erlebe ich meine Zeit hier in Mecklenburg als eine sehr reiche und herausfordernde, entdecke neue Themen und habe ganz gewiss ebenso viele Fragen. Universalrezepte angesichts der Probleme kenne ich keine, nur das Vertrauen, dass Gottes Geist „weht, wo er will“ (Joh 3,8).

 

Priesterweihe

in der Basilika Knechtsteden am 24. Juli 2016

 

 

1
Der internationale MaZ-Chor
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Familie
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Danke – Merci – Singila!
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mit dem MaZ-Chor
8
Primizfeier in St. Liborius Eissen am 31. Juli 2016
7
Primizfeier in St Liborius Eissen am 31. Juli 2016

 

 

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