Weiter Gefechte

Nun wird es Zeit, Euch wieder mithilfe dieses Blogs über die jüngsten Ereignisse in der Basse-Kotto zu informieren. Aus Sicherheitsgründen kann ich das aber nur in groben Strichen tun; viele Einzelheiten möchte ich nicht veröffentlichen, um niemanden zu gefährden.

Die Offensive des zentralafrikanischen Militärs mit entscheidender Unterstützung russischer Söldnertruppen geht weiter. Stadt um Stadt, in der noch Rebellengruppen das Sagen haben, soll befreit werden. Meist fliehen die militärisch viel schwächer ausgerüsteten Rebellen schon vorher, manchmal kommt es auch zu blutigen Gefechten.

Bei uns in Mobaye hatten wir seit April auf den Einmarsch der Alliierten gewartet. Jeder versuchte, die Rebellen zu überzeugen, dass es besser sei, die Stadt so rasch wie möglich zu verlassen. Einige haben das getan, manche sind über den Ubangi in den Kongo geflohen, aber die meisten haben bis zur sprichwörtlich letzten Minute gewartet. Am Vormittag des 4. Mai war es soweit. Seit einigen Tagen lag Anspannung in der Luft, und ab Mittag begannen die Rebellen, in aller Hektik ihre Sachen und Waffen zusammen zu packen und die Stadt zu verlassen, zu Fuß oder mit Motorrad.

Gegen 14 Uhr 30 hörten wir die ersten Schießereien. Eine halbe Stunde später war Mobaye in der Hand der Russen. Dann durchkämmten die Söldner zusammen mit zentralafrikanischen Soldaten Viertel um Viertel. Die Bilanz: Zwei Tote, nämlich ein Seleka-Kämpfer und ein Mann, der sich in seinem Haus eingeschlossen und die Tür nicht schnell genug geöffnet hatte, als die Russen ihn dazu aufforderten. Da haben sie geschossen. Der Ausnahmezustand rechtfertigt alles…

Am späten Nachmittag bin ich dort vorbeigegangen. Familie und Freunde hatten den Mann vor seinem Haus aufgebahrt. Er war seit einigen Jahren desorientiert gewesen, litt unter Persönlichkeitsstörungen. Jeder in der Stadt kannte ihn. Am nächsten Morgen, nach der Messe, habe ich ihn beerdigt.

Am folgenden Tag gingen die Hausdurchsuchungen weiter. Dabei haben die Militärs einen jungen verletzten Seleka-Rebellen aufgespürt, der am Vortag angeschossen worden war und sich nun versteckt hielt. Den haben sie festgenommen und am nächsten Tag erschossen. Gefangene werden nicht gemacht. Ausnahmezustand eben…

Am Freitag sind die Russen wieder abgezogen und haben sich auf den Weg nach Bangassou gemacht. Ungefähr zwanzig Soldaten der zentralafrikanischen Streitkräfte sind geblieben. Die haben zwei Tage später einen muslimischen Kaufmann verhaftet. Er hatte mit den Selekas jahrelang satt kollaboriert, manchmal sogar ihre Uniform getragen und an ihrer Seite gekämpft und geplündert. Sieben seiner Kinder sind Schüler in unserer Grundschule. Den haben sich auch erschossen. Ausnahmezustand eben…

Seitdem versucht die Bevölkerung, nach acht Jahren Rebellenherrschaft wieder ein „normales Leben“ zu beginnen. Aber so einfach geht das nicht. Soviel innere Verletzungen, Wut und Zorn, das Wissen um Mitläufertum, Verrat, Betrügereien und Diebstahl, soviel Täter und soviel Opfer zugleich…

Politisch-militärisch ist zudem noch nichts gelöst: Hunderte von Seleka-Rebellen, die aus Kwango, Alindao und Mobaye vor den Russen geflohen sind, warten jetzt in Zangba, 50 Kilometer westlich von Mobaye, dort, wo unser Krankenhaus steht, auf das Eintreffen der Alliierten. Es heißt, sie wollen es auf einen letzten Kampf ankommen lassen. Aber das ist absurd, das wäre nichts weiter als ein sinnloses Massaker, denn militärisch sind sie den Russen mit deren Kriegstechnologie (zum Beispiel werden Drohnen eingesetzt) weit unterlegen.

Gibt es Hoffnung auf Verhandlungen? Zurzeit nicht. Weiter gilt die Devise der russischen Politik in Zentralafrika, die ich im März auf diesem Blog zitiert habe: „Gespräche können erst beginnen, wenn das Land, das zur Zeit von bewaffneten Gruppen beherrscht wird, vollständig befreit ist.“

Auch in anderen Orten der Basse-Kotto regieren weiter die Seleka-Rebellen: in Kongbo, Dimbi, Kembe, Mingala. Und sie sind unberechenbarer geworden. Sie verstecken sich in den Wäldern und haben vereinzelt angefangen, Dörfer und Fahrzeuge auszurauben. Gegen diesen beginnenden Guerillakrieg können auch russische Söldner kaum etwas tun.

Für mich bleibt unsere „Befreiung“ eine zweischneidige Angelegenheit. Ein Gefühl der Erleichterung will sich auch heute noch nicht einstellen.


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