Der kleine Jean, 5. und letzter Teil

Wir sind wieder für ein paar Tage in Bangui, deshalb habe ich wieder Zugang zum Internet.

Der kleine Jean hat es endlich geschafft. Eine Woche nach unserer Rückkehr aus Bangui hat er die Schwelle zu jenem Land überschritten, in dem er kein Morphin mehr braucht. In den frühen Morgenstunden des 20. September ist er gestorben, am Nachmittag desselben Tages habe ich ihn beerdigt.

Der kleine Jean ist für mich zu einem Symbol der tragischen Seite der Zentralafrikanischen Republik geworden. Er ist an einer Krebserkrankung gestorben, die man im Frühstadium zu 95% hätte heilen können. Im September 2018 hatte ihn sein Vater ins Krankenhaus von Mobaye gebracht; schon vor einem Jahr hatte unser Arzt dringend geraten, den Jungen nach Bangui zu bringen. Aber zu jener Zeit war die Straße von Rebellen versperrt, auch eine Reise über den Ubangui war wegen den Posten der Anti-Balaka-Milizen gefährlich und ein Flug unerschwinglich. Also saß der kleine Junge fest, und der Tumor wucherte weiter. Das Land bleibt gelähmt und fordert seine unzähligen Opfer. Aber wer ist bereit, diese Erstarrung zu lösen?

Am Horizont zeichnen sich schon die nächsten Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr ab. Erste Kandidaten machen sich von Bangui aus auf den Weg ins Hinterland, auch nach Mobaye, um um die Gunst der Wähler mit kleinen Geldscheinen und großen Versprechungen zu buhlen.

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Und was hat das mit dem Tod des kleinen Jean zu tun? – Vieles! Denn wenn die Mächtigen dieses Landes zu Komplizen von gewaltbereiten Rebellen und korrupten Geschäftsleuten werden, dann haben die Armen und Vergessenen keine Chance auf ein menschenwürdiges Leben, und noch nicht einmal auf ein menschenwürdiges Sterben.

„Da rief [Jesus] ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen. […] Hütet Euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage Euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters“ (Mt 18, 2-3.10. Das war das Evangelium auf der Beerdigung des kleinen Jean)


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