Die Vereinbarung von Khartum – gebrochen in Mobaye

Seit vorgestern bin ich wieder in Bangui. Nach zwei Jahren sind wir zum ersten Mal wieder auf dem Landweg in die Hauptstadt gefahren. Zuvor wäre die Fahrt durch die Rebellengebiete zu gefährlich gewesen, monatelang hatten verschiedene bewaffnete Gruppen die Wege blockiert, Brücken unpassierbar gemacht, Straßensperren errichtet.

In Mobaye funktioniert das Internet nur noch selten. Deshalb jetzt ein Lagebericht, den ich letzte Woche geschrieben habe. Die Lage in unserer Stadt ist aber bis heute unverändert angespannt:

accord 2Vielleicht ging es vor wenigen Wochen auch durch die deutschsprachigen Medien. Eine weitere Übereinkunft zwischen der zentralafrikanischen Regierung und den zersplitterten Rebellengruppen ist erreicht worden. Die achte, glaube ich. In Khartum, der Hauptstadt des Sudan.

Der knappe Bericht auf „Radio Vatikan“ beschrieb die Angelegenheit wie folgt:

„Ein neues Friedensabkommen

Mitte Februar, noch vor dem aktuellen Regierungswechsel, hatten Touadera und sein damaliger Ministerpräsident ein erneutes Friedensabkommen mit 14 bewaffneten Milizengruppen geschlossen. Beobachter glauben allerdings kaum, dass das Friedensabkommen halten wird, da viele Milizen sich nicht durch die Unterzeichner vertreten sehen. Die Afrikanische Union und die UN-Friedensmission Minusca hatten die Übereinkunft bestätigt. Mit dieser verbinden die Initiatoren die Hoffnung, den 2012 in der Zentralafrikanischen Republik ausgebrochenen Kämpfen zwischen muslimischen und christlichen Milizen endlich ein Ende setzen. Bei den Konflikten geht es weniger um religiöse Motive als um Kontrolle über Weidegebiete und Rohstoffe wie Diamanten, Gold und Uran. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen haben rund 1,2 Millionen der 4,7 Millionen Einwohner des Landes zu Flüchtlingen gemacht, im eigenen Land wie in denNachbarstaaten.“ (vatikan news / kn-cs)

Ich teile die Skepsis. Denn trotz aller Aufforderungen durch die hiesigen Regierungsvertreter, will heißen der neuen Präfektin und dem Unter-Präfekten, sich an die Abmachung zu halten, wurde sie bei uns in Mobaye in den nächsten Tagen schon wieder verletzt.

Was war geschehen? Eine Anti-Balaka-Straßensperre hatte einen ranghohen Seleka-Rebellen entwaffnet und seine Kalaschnikow beschlagnahmt. Der Befehlshaber kehrte gedemütigt mit leeren Händen nach Mobaye zurück und schickte nun seinerseits seine „Soldaten“ auf Strafexpedition aus. Sie griffen an zwei Tagen den Ort der Straßensperre und das Hauptquartier des Anti-Balaka-Kommandanten an. Tote, Verletzte, einhundert niedergebrannte Häuser waren der Ertrag. Unzählige Menschen sind aus den betroffenen Dörfern geflüchtet und verstecken sich bis heute im Busch aus Angst vor weiteren Racheakten. Zwanzig bis dreißig Kilometer von Mobaye entfernt.

Während des zweiten Angriffs war ich in einer unserer Außenstationen unterwegs und habe die Seleka-Rebellen bei ihrer Rückkehr gesehen. „Hallo, Père Olaf“, winken sie mir zu, gut gelaunt. Wir kennen uns aus Mobaye. Da wusste ich noch nicht, was geschehen war.

Angst und Anspannung bleiben bis heute im Herzen der Bevölkerung. Die Blauhelmsoldaten reagieren nicht.

Im 106 Kilometer entfernten Alindao ist seit Wochen zentralafrikanisches Militär stationiert. Die Präfektin beteuert, sie habe sich mehrfach an Bangui gewandt, damit die Soldaten vor Ort einschreiten und Sicherheit schaffen. Nichts geschieht. Nichts bewegt sich. Und niemand versteht mehr irgendetwas in diesem Land totaler Anarchie.

 

 

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