Bangui: Spannungen zwischen Regierung und Katholischer Kirche

Die politisch-militärische Lage in der Zentralafrikanischen Republik ist höchst komplex. Verschiedenste lokale, nationale und internationale Mächte konkurrieren und streiten sich um bares Geld, Rohstoffe und geopolitischen Einfluss. Wie bei einem Stück der „Augsburger Puppenkiste“ sieht man nur die tanzenden Figuren, nicht aber die Hände, die die Fäden ziehen. Das Bühnenstück könnte den Titel tragen „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer. Wie aus Lummerland ein Trauerland wird“.

Es scheint, niemand kann und – vor allem – will diese Dynamik stoppen, die so viel Gewalt und Leid produziert. Die Kriegsgewinnler sind zu mächtig: Korrupte Politiker, die gemeinsame Sache mit Rebellen machen; Diamanten-und Goldhändler, die auf die zentralafrikanische Ware im Südsudan, im Tschad oder im Kongo warten; MINUSCA-Truppen, die ihre eigenen Interessen verfolgen; bewaffnete junge Männer, die sich erst dann als „echte Männer“ fühlen, wenn sie mit einer Waffe die Zivilbevölkerung bedrohen. Die Zentralafrikanische Republik ist aus den Fugen geraten, seit Jahren schon,  und löst sich auf.

Bislang war die Katholische Kirche in all dem ein loyaler Partner der zentralafrikanischen Regierung gewesen, der einzigen legitimen Macht im Land. Auch wenn ihr „Machtbereich“ allein auf die Hauptstadt Bangui und die benachbarte Präfektur der Lobaye begrenzt blieb.

Nachdem es allerdings am 15. November zu Gewaltexzessen in Alindao gekommen war, kritisierten Vertreter unserer Katholischen Kirche zum ersten Mal öffentlich die Passivität der Regierung und die Komplizenschaft der Blauhelmsoldaten mit den Seleka-Rebellen. Um ein Zeichen zu setzen, veröffentlichte die Bischofskonferenz einige Tage später folgende Erklärung:

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Diese Verlautbarung erschien kurz vor dem 1. Dezember, dem Nationalfeiertag der Zentralafrikanischen Republik. Als besonders heikel sollte sich in den folgenden Tagen der zweite Punkt herausstellen, nämlich der Aufruf der Bischöfe, allen offiziellen staatlichen Festlichkeiten in der Hauptstadt und auf dem Land fernzubleiben. Stattdessen sollten alle Katholiken und alle Menschen guten Willens zu Hause bleiben und in Trauer der Opfer der Gewalt gedenken.

Es geht dabei nicht um einen politischen Boykott. Es geht um die Würde der Ermordeten.

Die Regierung reagierte in Person des Premierministers verärgert, ja sogar wütend mit einer Gegenerklärung, in der sie erklärte, dass es Staatspflicht eines jeden Zentralafrikaners sei, an den Feierlichkeiten aktiv teilzunehmen.

In jenen Tagen war ich auf Sansibar, aber tatsächlich ist ein Großteil der Bevölkerung dem Traueraufruf der Bischöfe gefolgt. Die evangelischen Kirchen haben sich dagegen auf Seiten der Regierung gestellt und mitgefeiert.

Auch in Mobaye hat P. Prince diesen Konflikt genauso durchgestanden wie die Menschen in der Hauptstadt. Es fanden ein Marschumzug und Ansprachen statt, Gottesdienste in der evangelischen Kirche und in der Moschee. Aber nicht bei uns, in der katholischen Kirche.

CIMG0074 2Die Spannungen schwelen weiter. Selbst unter den Ministern der Regierung ist einer den Feierlichkeiten ferngeblieben: der katholische Außenminister Charles Armel Doubane. Das hat ihn gestern seinen Posten gekostet. Der Präsident hat ihn aus dem Kabinett entlassen.

Wenn ich mich hier in der Hauptstadt umhöre, stehen fast alle Katholiken hinter der Entscheidung der Bischöfe, deren prominentester Vertreter natürlich der Erzbischof von Bangui und unser Spiritanermitbruder Dieudonné Kardinal Nzapalainga ist (Rechts: Ansprache während seines Besuches bei uns in Mobaye im April 2018). Und auch wir, einheimische sowie ausländische Priester, teilen ohne „wenn und aber“ die Position unserer Kirchenleitung. Man kann sich nicht selber feiern, wenn das eigene Volk zugrunde geht.

 

 

 

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