Vom Versagen der Blauhelmsoldaten

CIMG1039 2
Hubschrauber der Blauhelmsoldaten über unserer Kirche

CIMG0062 2

Schützen sollen sie die Zivilbevölkerung. Und helfen, die staatliche Autorität wieder herzustellen in Gebieten, in denen Rebellen herrschen so wie bei uns.

Am vergangenen Mittwoch bin ich wieder Zeuge geworden, wie die mauretanischen UN-Soldaten ein widerlich falsches Theaterspiel inszenieren.

Ich kann es auf diesem Blog nicht oft genug in Erinnerung rufen: Wir leben in einem Gebiet totaler Anarchie. Du kannst hier einen Menschen töten,  ohne dass Du Konsequenzen zu fürchten hättest.

In den letzten Wochen erreichen uns aus den Dörfern immer wieder Meldungen von „Hexerei“, und es ist immer wieder dasselbe Schema: der scheinbar unerklärliche Tod einer Person (in den meisten Fällen eine unbehandelte Malaria) führt zu Misstrauen, Verdächtigungen, Verleumdungen. Irgendjemand erinnert sich dann, dass der Verstorbene kurz vor seinem Tod noch den einen oder anderen Namen gemurmelt habe, und schon sitzt die zumeist alte Frau oder der Mann auf der Anklagebank. Vor Ausbruch der Rebellion wurden diese Dinge vor dem „makunzi“ (Dorfchef) oder vor dem Gericht verhandelt. Heute nehmen die „Anti-Balaka“-Rebellen das Heft in die Hand.

Und so sind am vergangenen Freitag zwei Männer in Pengue, dem Dorf mit der Marienwallfahrtsstätte in ein paar Kilometer Entfernung von Mobaye brutal umgebracht worden. Ich erspare Euch die Einzelheiten.

Die beiden Opfer waren Katholiken, engagierte Mitglieder unserer Gemeinde in Pengue. Als ich von den Lynchmorden hörte, war ich wütend: die „Anti-Balakas“ hatten sechs Personen verhaftet und gefoltert; vier von ihnen waren in der Lage gewesen, sich freizukaufen, die zwei älteren Männer hatten nicht das geforderte Geld aufbringen können. Das hat ihnen das Leben gekostet…

Am Mittwoch habe ich mich auf den Weg nach Pengue gemacht. Ich wollte Gottesdienst feiern, nicht in der Kirche, sondern am Grab der beiden Getöteten. Um ein Zeichen zu setzen. Als der Präfekt von meiner Absicht hörte, hat er sich sofort entschlossen, mitzukommen. Auch um ein Zeichen zu setzen.

Vor Ort war die Lage sehr angespannt. Die „Anti-Balakas“ hatten ihr Lager am Haus des Dorfchefs eingerichtet. Als sie unser Auto kommen sahen, sind sie geflohen. Einer ist geblieben. Der Präfekt hat ihn verhaftet, mithilfe des einen zentralafrikanischen Soldaten, der immer an seiner Seite ist. Als Bodyguard.

In der Tat hat der festgenommene „Anti-Balaka“ einen der beiden Männer am vergangenen Freitag ermordet. Das haben die Dorfbewohner behauptet, und er selber hat es auch zugegeben.

Wir haben ihn in unserem Wagen mit nach Mobaye genommen. Die Idee des Präfekten war, ihn den Blauhelmsoldaten zu übergeben, damit diese ihn nach Bangui bringen, wo ihm der Prozess gemacht werden sollte.

DSC07712 2
Der vorherige Oberst der mauretanischen Blauhelmsoldaten in Mobaye am Tag der Erklärung des Waffenstillstands. (Vom aktuellen Befehlshaber habe ich kein Foto.)

Der Präfekt geht den mauretanischen Hauptmann, den Chef der UN-Militärbasis suchen. Nach einiger Zeit kommen beide in die Präfektur, wo ich noch warte. Da erklärt mir der Präfekt, dass der Befehlshaber keinen Raum habe, um den Festgenommenen einzusperren. Der Hauptmann schlage deshalb vor, den „Anti-Balaka“-Kämpfer an die Seleka-Rebellen in der Stadt auszuliefern, damit diese ihn in Gewahrsam nehmen.

Als ich das gehört habe, habe ich jegliche „Diplomatie“ über Bord geworfen. Ich glaube, ich habe den Offizier richtig angeschrien: „Non! Non! Non!“ Wie könne er so etwas ernsthaft in Erwähnung ziehen? Die Selekas sind Rebellen, die unser Land zerstört haben. Er, als Vertreter der Vereinten Nationen, sei die einzige legitime Gewalt in der Stadt. Und er wolle jetzt einen Rebellen der verfeindeten Rebellengruppe ausliefern. Die Selekas würden ihn foltern und noch in derselben Nacht umbringen.

Der Hauptmann hat daraufhin klein beigegeben. Scheinbar. Er sagte, er werde seine Vorgesetzten in Bambari fragen.

Dabei ist es geblieben. Bis zum Abend hat er sich nicht mehr beim Präfekten gemeldet, geschweige denn, den Verhafteten in seine Obhut genommen. Als es dunkel wurde, war der Präfekt gezwungen, seinen Gefangenen freizulassen. Er hat ihn der Militärbasis der „Anti-Balakas“ in der Stadt überstellt.

DSC07754 2
Symbolträchtiges Bild: Ein UNO-Soldat mit zwei Seleka-Rebellen am 4.Dezember 2017. Freunde unter sich…

Man muss sich einmal klar machen, was hier passiert ist: Der Vertreter der Weltgemeinschaft „Vereinte Nationen“ kollaboriert mit einer der beiden Rebellengruppen, die ich ohne Übertreibung als „Mörderbande“ bezeichnen kann, und hebelt den Präfekten, den legitimen Vertreter der Zentralafrikanischen Republik, aus. Die UN-Truppen tun nichts, aber auch gar nichts zur Sicherheit der Bevölkerung oder zur Stabilisierung des Landes. Hier in Mobaye sind sie einfach nur da und machen Geschäfte mit der einen Rebellengruppe, den Selekas. Sie scheitern auf ganzer Linie. Ist ihr totales Versagen 1994 in Ruanda keine Lehre gewesen?

Fortsetzung folgt

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s