Frustration, Angst und auch etwas Wut

Wieso immer noch Menschen in Mobaye auf zentralafrikanischer Seite bleiben, wobei sie doch in das sichere Nachbarland übersetzen könnten, ist mir und uns hier im Kongo ein Rätsel. Jeden Moment können die „Anti-Balakas“ wieder angreifen und ein Massaker unter der Bevölkerung anrichten. Denn in ihren Augen ist jeder, der bleibt, Kollaborateur der Seleka-Rebellen.

Sicher, das Leben als Flüchtling in Lembo oder Kambo oder sonst wo ist extrem schwierig, ist ohne Übertreibung eine Frage des puren Überlebens. Aber mit viel gutem Willen, Tatkraft und gelebter Solidarität untereinander ist das möglich. Geht es darum, den Besitz daheim zu sichern? Das Haus? Den Kaffee, der jetzt auf den Feldern zur Ernte ansteht (aber wer kann es wagen, die Stadt zu verlassen? – Niemand!) Oder will man sich nicht eingestehen, dass man auch als „Patriot“ sein Land guten Gewissens für eine Zeit lang verlassen kann? Ist das gekränkter Stolz? Stunden- und tagelang zermartern wir uns den Kopf über diese Fragen… In Angst um unsere Leute. Und in Frustration, weil wir sie nicht verstehen.

Am vorletzten Wochenende waren wir für zwei Tage dort, haben am Sonntag Gottesdienst gefeiert – und mussten uns den heftigen Vorwurf gefallen lassen, sie, die Menschen vor Ort, im Stich zu lassen. Ich glaube, es gibt für einen Priester nichts Schlimmeres als eine solche Anklage.

Aber aus meinem inneren Ringen mit und Zweifeln an mir selbst ist mittlerweile ein Stück Wut geworden: Warum lässt sich eine kleine Minderheit in diesen sinnlosen Krieg hineinziehen? Und vor allem: Warum ziehen sie ihre Kinder dort mit hinein??

Als sich Ende Mai für jede Familie die Frage stellte „Gehen oder Bleiben?“, da haben wir Antworten auch in der Heiligen Schrift gesucht und im Matthäusevangelium dies gefunden: „… da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; […] denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.“ (Mt 2,13f)

Heute, mit Blick auf unsere Gemeindeglieder, die in Mobaye bleiben, kommt mir noch eine andere Stelle in den Sinn. Als Jesus 40 Tage in der Wüste lebt und fastet, stellt ihn der Teufel dreimal auf die Probe. Und einmal, da nimmt er ihn mit in die Heilige Stadt Jerusalem, stellt ihn auf den Tempel und sagt zu ihm: „Wenn du Gottes Sohn bist, so stürz dich von hier hinab; denn es steht geschrieben: Seinen Engeln befiehlt er deinetwegen, dich zu behüten; und: Sie werden dich auf ihren Händen tragen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt.“ (Lk 4,9-11). – Und? Springt Jesus? Nein, tut er nicht: „Da antwortete ihm Jesus: Es ist gesagt: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht auf die Probe stellen“ (Lk 4,12). Jesus zieht sich zurück, und ich stelle mir vor, dass er die Stufen wieder hinuntergeht wie jeder andere Mensch auch.

Wenn zwischen zwei äußerst gewaltbereiten Gruppen Krieg herrscht, scheint es mir das Menschlichste, sich zurückzuziehen. Auch aus Mobaye. Um Gott nicht zu versuchen, sondern um das Wichtigste zu schützen, das Er einem und einer Jeden von uns geschenkt hat: das Leben!

CIMG8636 2

 

 

Ich weiß nicht, wie meine Gedanken auf Euch in Europa wirken. Wahrscheinlich unendlich weit weg, womöglich sogar abstrus. Aber das sind die Dinge, mit denen wir uns hier – auch – „herumschlagen“.

Was dann aber immer wieder schön ist und aufrichtet, das ist das „Bei-unseren-Flüchtlingen-Sein“, sei es durch die Gesundheitsprojekte, sei es durch Gottesdienste und die vielen kleinen Begegnungen „am Rande“.

 

CIMG8621 2

Messe in Kpekambo II mit „unseren“ Flüchtlingen auf kongolesischer Seite

CIMG8638 2   CIMG8656 2

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s