Issa und Ismaïl, Teil 2. Oder: Warum der Krieg in Zentralafrika kein Krieg der Religionen ist.

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Ismaïl
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Issa

Die Namen verraten es schon, und ihre Volkszugehörigkeit auch: Issa (das ist übrigens der Name „Jesus“ auf Arabisch) und Ismaïl sind Muslime.

 

Eine ganz große Tragik liegt auf diesem Land, der Zentralafrikanischen Republik: Dass nämlich auf den Konflikt von Anfang an die Religion aufgepfropft wurde. Aus der Tatsache, dass die meisten Seleka-Rebellen Muslime sind und die meisten Anti-Balaka-Kämpfer irgendwann als Kinder mal getauft wurden (ich schreibe bewusst nicht: „… und die meisten Anti-Balaka-Kämpfer Christen sind…“), erwuchs rasend schnell die Kurzschluss-Interpretation: Da kämpfen Muslime gegen Christen, also ist es ein Krieg der Religionen. Die Bilder von zerstörten Kirchen und abgebrannten Moscheen scheinen diese Vorstellung zu illustrieren. Und diese gefährlich falsche Deutung macht nicht nur in den Weltnachrichten die Runde (auch die „Tageschau“ bildet da keine Ausnahme), sondern – und das ist fatal – auch in den Köpfen und Herzen vieler Zentralafrikaner. Wo man früher friedlich miteinander lebte, herrscht nun höchstes Misstrauen oder sogar Hass. In den Augen vieler Muslime sind alle Christen potentielle Anti-Balaka-Kämpfer, in den Augen vieler Christen sind alle Muslime potentielle Selekas. Das führt dazu, dass Seleka-Rebellen Guillaume, Héno und Dominique umbringen wollen, und dass Anti-Balakas auf Issa und Ismaïl schießen.

Es stimmt aber auch nicht, in verkürzter Weise zu behaupten, der Krieg habe nichts mit Religion zu tun. Ich sehe es eher so, dass da ein diffuses, ethnisch-religiös geprägtes Gefühl von Zusammengehörigkeit und Abgrenzung entsteht, das Öl ins Feuer gießt. Man ist Teil einer bestimmten Volksgruppe, die durch die gemeinsame Sprache und gemeinsame Traditionen geprägt ist – und wird damit zum Feind der anderen. Darauf pfropft sich nun auch noch die religiöse Zugehörigkeit und verstellt damit den Blick auf die wahren Ursachen des Konfliktes.

Geldscheine FCFA
Geldscheine der Zentralafrikanischen Republik

In Wirklichkeit geht es um den Machtwahn einiger Kriegsherren und darum, dass sich die großen Befehlshaber ihre großen Taschen füllen, und die kleinen ihre kleinen. Es geht um Geld, Gold, Diamanten und Rinderherden. Auf beiden Seiten. Das ist alles.

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Ein Mbororo mit seinen Rindern vor unserer Kirche am vergangenen Sonntag

Und damit keine Zweifel aufkommen, damit sich der kleine Rest Menschlichkeit, der in jedem Menschen zu Hause ist, nicht regt, betäuben die jungen Männer ihr Gewissen und sicher auch ihre Angst mit Drogen. Ist einmal die irrationale Gewalt entfesselt, wer kann sie wieder bändigen…? Gott kommt in all dem nicht vor.

Es ist, als sei der Osten der Zentralafrikanischen Republik das Schlachtfeld geworden, auf dem zwei teuflische Kräfte miteinander kämpfen. Sieger gibt es nicht. Nur Verlierer, und der größte ist die Zivilbevölkerung.

Kein Akt der Gewalt lässt sich auch nur im geringsten mit Gott rechtfertigen; mit jenem nicht, der im Islam als der „Allbarmherzige“ angebetet wird, und auch nicht mit jenem, der im Christentum als die „Liebe“ bekannt wird. Ist am Ende ja eh derselbe.

Die Geschichte von Kain und Abel, der Urmythos vom Brüdermord, wiederholt sich in diesen Tagen in der Zentralafrikanischen Republik. Warum tötet Kain seinen Bruder Abel? – Aus purem Neid. Warum töten Selekas Christen, und warum töten Balakas Muslime? – Aus demselben Grund.

Gott sei Dank gibt es aber auch die Anderen, die, die mit diesem Brudermord nichts zu tun haben wollen. Viele von ihnen sind in den Kongo geflohen, und sie sehnen sich nur danach, so schnell wie möglich wieder heimzukehren, um in Frieden und Sicherheit miteinander leben zu können: Sangos und Mbororos, Christen und Muslime. Aber leicht wird das nicht werden: Zu viele Menschen sind schon gestorben, zu viele Häuser verbrannt, zu viele Habseligkeiten geraubt.

Der Einzige, der da helfen kann, ist Gott. Deshalb bete ich auch in der Messe, beim Eucharistischen Hochgebet, für Issa und Ismaïl.

Ismaïl hat mir übrigens versprochen, in Mobaye vorbeizukommen und uns einen Liter frische Milch zu bringen. Wenn wieder Frieden ist.

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