Wieder im Kongo. Diesmal geflohen

Oft habe ich in den vergangenen Monaten immer wieder von den Seleka-Rebellen schreiben müssen, die die Bevölkerung tagtäglich drangsalierten. Trotz der Schikanen war dennoch ein gewisser Alltag möglich. Vor ungefähr drei Wochen jedoch ist der Konflikt in unserer Region, in unserer Diözese von Alindao eskaliert. Ein kleiner Funke reichte, um auf den ganzen Südosten des Landes Feuer zu werfen.

Es begann in Alindao selbst. Eine kleine Gruppe von Gegenrebellen, genannt „Anti-Balaka“, hatte die Familie eines Seleka-Chefs entführt, um die Freilassung von zwei ihrer Waffenbrüder zu erzwingen. Dieses Ereignis setzte eine ganze Spirale von Gewalt in Gang: Innerhalb von drei Tagen wurden in Alindao 160 bis 180 Menschen umgebracht. Zivilpersonen. Sofort begannen die Leute, Schutz in der Kathedrale zu suchen. Nach drei Tagen kamen endlich Blauhelmsoldaten in Alindao an und sicherten das Kirchengelände. Das ist bis heute so. Über 10.000 Menschen leben dort als „Binnenflüchtlinge“ (so sagt man, glaube ich).

Die Nachricht der Massaker an der Zivilbevölkerung verbreitete sich rasend schnell, auch bei uns in Mobaye. Panik ergriff die Menschen. Klar. Plötzlich wurden es auch immer mehr Seleka-Rebellen bei uns. Sie verhielten sich aggressiver als zuvor, Marktplatz und Ortszentrum waren beherrscht von mit Kalaschnikows bewaffneten jungen Männern. Gerüchte von „Anti-balakas“ auch in unseren Dörfern machten die Runde.

Wir haben das große Glück, direkt an der Grenze zum Kongo zu leben. Und so begannen die Leute, ihre Sachen zu packen, den Fluss zu überqueren und sich auf kleinen Inseln in der Mitte des Flusses oder auf Sandbänken auf der anderen Seite niederzulassen, unter freiem Himmel zu schlafen, unter Planen vielleicht, oder in notdüftigen Hütten.

Die Rebellen und die Verwaltung der Stadt wurden immer nervöser. Man berief Sicherheitstreffen ein, in denen zum Bleiben aufgerufen wurde. Später wurden aus diesen Aufrufen Drohungen. Man habe nichts zu fürchten, alles sei unter Kontrolle, so die Rebellen: „Ye oko ayeke da ape!“

Ach ja, Blauhelmsoldaten sind auch in Mobaye. Doch denen traut schon längst niemand mehr. Sie kommen aus Mauretanien und machen gemeinsame Sache mit den Rebellen. Das ist ein offenes Geheimnis.

Eines Morgens vor ungefähr vor zwei Wochen hörten wir dann in einiger Entfernung zwar, aber doch deutlich vernehmbar das Donnern schwerer Geschütze und Gewehrschüsse. Sofort liefen die Menschen zu uns, um Schutz zu suchen. Nach einer Stunde verstummten die Waffen. Wer? Woher? – Das wusste niemand.

An jenem Tag wurde unsere Kirche zu einem kleinen Flüchtlingslager. Jede Nacht haben zwischen 150 und 250 Menschen in der Kirche geschlafen. Ich auch. Wir haben angefangen, Abend für Abend Reisbrei zu verteilen und Gebäck. Damit vor allem die Kinder nicht mit leerem Magen einschlafen müssen. Ja, es waren viele, viele Kinder mit ihren Müttern und alte Leute, die zu uns kamen.

Und dann immer wieder Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte: Von einem bevorstehenden Angriff der „Anti-Balakas“ auf die Stadt, von willkürlichen Verhaftungen, von Massakern in den umliegenden Dörfern. Der Exodus ging weiter: Jeden Tag setzten Menschen in den Kongo über. Für uns als Spiritaner galt: Solange noch Leute hier sind und in unserer Kirche Schutz suchen, bleiben wir.

Von Anfang an habe ich jede Gelegenheit genutzt, den Kommandanten der Minusca, d.h. unserer Blauhelmsoldaten davon zu überzeugen, dass wir ihren Schutz  vor allem in der Nacht brauchen. Manchmal kam tatsächlich eine Patrouille vorbei, oft aber auch nicht. In Angst lässt sich jedoch schlecht schlafen.

Unsere Kirche befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft der Rebellen. Das Haus des Generals und die der Offiziere sind am Eingang der kleinen Zufahrtstraße zu unserem Grundstück, ihre Militärbasis im ehemaligen Sozialzentrum der Stadt ist ein Steinwurf entfernt. Nachts stehen Seleka-Posten direkt neben unserem Gotteshaus.

Unter den Schutzsuchenden in der Kirche war auch eine schwerkranke Frau mit einer schizophrenen Störung. Eines Nachts schrie sie in der Kirche mehrmals laut auf. Schmerzen? Alpträume? Die Seleka-Posten draußen hörten das natürlich auch, wurden vielleicht unruhig, riefen, dass die Frau still sein sollte. Aber wie kann man das einem schwerkranken Menschen deutlich machen? Schließlich rief einer der Rebellen: „Denkt Ihr etwa, nur weil Ihr in Eurer Kirche seid, können wir nicht auf Euch schießen?“

Das war die vorletzte Nacht in unserem Gotteshaus. Am nächsten Tag, Père Christ, Prince und ich saßen noch beim Mittagessen, kam der Militärkommandant der Rebellen vorgefahren, begleitet von zwei seiner Mitarbeiter und sieben bewaffneten Jungs, die sich sofort um unser Haus postierten.

Der Kommandant war bei einem Gefecht einige Tage zuvor verwundet worden. Ein Verband über seinem rechten Auge zeugte davon. Ist er Zentralafrikaner? Eher nicht. Er versteht zwar Sango, aber er hat einen Übersetzer dabei, denn er spricht meist arabisch.

Wir seien alles Komplizen der „Anti-Balakas“, so der Vorwurf. Er gibt uns einen Tag Zeit, um die Leute nach Hause zu schicken. Niemand dürfe mehr in der Kirche übernachten. Ansonsten würden sie tun, was sie andernorts auch schon getan hätten. (In Bangui und in einem Dorf bei Bambari hatten sie nachts Kirchen angegriffen und die Menschen, die dort Schutz gesucht hatten, umgebracht.) Und dann folgte ein ganzer Schwung von wirren, widersprüchlichen Erklärungen, dass für die Menschen kein Grund bestehe, auf die Sandbänke zu flüchten – wenn sie aber nicht zurückkehrten, werde man auf sie schießen. Notfalls auch auf kongolesische Seite. Außerdem wisse man ganz genau, dass die Pastoren und Priester die Gegen-Rebellen unterstützten; sie, die Seleka-Rebellen, besäßen eine Namensliste der Verräter. Und sie wüssten auch, welche Informationen wir täglich nach Bangui durchgeben würden.

Mit dieser Drohung, die sie ebenso gegenüber dem evangelischen Pastor und später auch den Verantwortlichen der Stadt aussprachen, war für uns eine rote Linie überschritten. Um die Menschen bei uns nicht in Panik zu versetzen, sind wir noch eine  Nacht geblieben, haben den Schutzsuchenden aber gesagt, dass wir ab morgen das Gotteshaus auf Druck der Rebellen schließen müssen. Und so haben wir ein letztes Mal in der Kirche übernachtet, ohne Schutz von Blauhelmsoldaten, nur im Gebet, dass die Rebellen nicht auf uns schießen mögen. Geschlafen habe ich in dieser Nacht kaum. Am Sonntagmorgen haben wir trotz allem oder gerade deshalb Messe gefeiert. Ungefähr 50 Gläubige kamen. Was sollte ich predigen in einer solchen Situation? Dass der wahre Frieden nur von Gott kommt; wenn ich mich recht erinnere, habe ich darüber gesprochen.

Als unser Katechist Charles bei den Bekanntmachungen schließlich sagte, dass in der kommenden Woche keine Messen gefeiert würden, war allen unseren Christen klar, dass nun auch die Priester gehen. Und so packten die verbliebenen Menschen ihre Sachen, um sich auf den Weg auf die andere Seite des Flusses zu machen.

Einige junge Leute aus unserer Gemeinde haben etwas persönliches Gepäck von einem jeden von uns ans Flussufer unterhalb der Kirche geschafft, um es von dort aus mit der Piroge rüberzubringen. Das ist immer etwas gefährlich, denn die Rebellen patrouillieren am Ubangui. Wir selber sind noch zwei Kilometer flussaufwärts gegangen und haben dort übergesetzt.

Und so sind wir seit Sonntag im Kongo. Mittlerweile habe ich auch ein ordentliches Visum für 134 Dollar, denn als Deutscher sei ich kein Kriegsflüchtling. Ach so.

Der Bischof der hiesigen Diözese von Molegbe hat uns herzlich aufnehmen lassen (er selber ist grad in Kinshasa) und uns gebeten, erst einmal in das Gästehaus der Diözese nach Gbadolite zu kommen, ca. 25 km von der Grenze entfernt. Fast jeden Tag fahren wir aber dorthin, um unsere Gemeinde zu besuchen, die fast vollständig auf sicherem (!) kongolesischem Boden angekommen ist. Gott sei Dank!

 

Advertisements

3 Gedanken zu “Wieder im Kongo. Diesmal geflohen

  1. Lieber Olaf,
    es fehlen mir die richtigen Worte, um das ausdrücken zu können, was ich denke und empfinde, wenn ich Deine Zeilen lese. Es scheint soooo unwirklich. Was müssen und können Menschen aushalten?
    Auf dem Weg zum Pfingstfest in Stuttgart begleiten meine Gebete um den Heiligen Geist Euch.
    Ich bete um den Heiligen Geist, der Dir und Euch beschützt und beschützt hat. Möge er auch für Euch mit Feuerzeugen herunterkommen.
    Tief verbunden im Gebet
    Peter

    Gefällt mir

  2. Mensch, das ist ja wirklich schrecklich! So viele Tote. Gut, dass ihr erst mal relativ sicher seid. Im Gebet mit euch verbunden. Liebe Grüße Brigitte

    Gefällt mir

  3. Lieber Olaf,
    Sind von ganzem Herzen und in Gedanken mit Dir, mit Euch Allen und morgen denken wir an Euch und beten mit Euch. Que l’Esprit Saint vous protège, vous guide et vous accompagne. Danke fuer due Zusammenfassung. Auch von der ganzen Familie, Bruxelles, Pittsburgh und Frederick, und London herzliche Gruesse.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s