Neun Tage in den Dörfern (Fortsetzung)

In Ngbassa ist die katholische Gemeinde zahlenmäßig sehr klein, im benachbarten Libanga dagegen sehr stark. Dort komme ich am zweiten Tag an, spreche mit dem Katecheten über das Leben der Gemeinde und treffe schon einmal die Eltern und Paten der fünf kleinen Kinder, die ich am Sonntag taufen darf. Alle Mütter kommen zum vereinbarten Treffen, alle Patinnen – von den Vätern kommen nur zwei. Irgendwie ist Kirche weltweit doch ähnlich…

Am nächsten Morgen breche ich aber erst einmal auf ins 12 Kilometer entfernte Kpossengue. Der Ort liegt im Inneren, also legen wir die Strecke zu Fuß zurück.

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In dem großen Dorf angekommen, gibt es erst einmal den berühmten Palmwein zur Begrüßung, danach machen wir uns mit den Verantwortlichen bekannt.

Nicht nur das Gemeindeleben interessiert mich; ich frage überall auch nach den beiden neuralgischen Punkten „Schule“ und „Gesundheit“. Es gibt in Kpossengue einen großen Unterstand mit Grasdach. Das ist die Dorfschule. Die über einhundert Kinder werden in zwei Gruppen unterrichtet.

Bis vor wenigen Jahren gab es niemandem im Ort, der irgendeine Gesundheitsausbildung absolviert hätte. Dann hat sich Bruno, ein junger Mann aus der Gemeinde entschlossen, die Ausbildung zum „secouriste“ zu machen, eine Art „Ersthelfer“, die in den Distriktkrankenhäusern drei bis sechs Monate lang ausgebildet werden. Danach ist man dann praktisch der Arzt im Dorf. Schon als ich von 2008 bis 2011 mit der „Equipe Mobile“ unterwegs war, habe ich viele solcher „secouristes“ kennengelernt. Einige von ihnen waren großartig und beherrschten Dinge, die ich mit meiner Krankenpflegeausbildung in Deutschland nicht kannte; andere dagegen praktizierten seltsame und manchmal auch höchstgefährliche Methoden.

Eine der entscheidenden Fragen, die sich auftun, ist die Frage nach den Medikamenten. In den vielen, vielen abgelegenen Dörfern, in einer Provinz, die von unberechenbaren Rebellen beherrscht wird, wie kommt man dort an ein gutes Medikament? Manche Gesundheitshelfer betreiben nebenher eine kleine Apotheke. Das ist natürlich hilfreich für die Patienten, aber woher kommen das Paracetamol, die Antibiotika, die Malariamittel? Wie sind sie transportiert und gelagert worden in einem Land, in dem es täglich über dreißig Grad Celsius hat? – In Zukunft werde ich bestimmt noch oft über Gesundheitsprobleme schreiben

In Kpossengue habe ich einen sehr verantwortungsvollen Mann kennengelernt. Während die meisten „Ersthelfer“ Kranke bei sich zu Hause untersuchen und behandeln, hat Bruno eine kleine Hütte gebaut, neben seinem Haus. Dieser Gesundheitsposten ist sogar vom Gesundheitsdistrikt offiziell anerkannt. Aber es fehlt ihm an vielem, was die medizinische Ausstattung angeht. Wir sind in Planungen, bald mit unserer Equipe Mobile nach Kpossengue  zu kommen und mit ihm zusammen zu arbeiten.

Nachmittags haben wir Gottesdienst gefeiert. Schön war’s.

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Abends, als wir noch mit einigen Leuten aus der Gemeinde vor dem Haus des Katecheten sitzen, holt uns die politische Wirklichkeit wieder ein: Drei Seleka-Rebellen, immer mit ihren Kalaschnikow-Gewehren bewaffnet, eilen schnellen Schrittes durch das Dorf.

Am nächsten Morgen brechen wir um halb sechs auf. Zwölf Kilometer Fußweg liegen wieder vor uns, und für zehn Uhr steht der Sonntagsgottesdienst mit Taufen in Libanga auf dem Programm. Nach zwei Kilometern sehen wir die Rebellen von gestern Abend wieder. In einem benachbarten, kleinen Dorf halten sie „Gericht“. Morgens, um zehn vor sechs. Die kleine Dorfgemeinschaft ist versammelt, an einem Tisch sitzen die drei selbsternannten Richter. Unter den Leuten erkenne ich einige wieder, die zu unserer Gemeinde gehören und gestern beim Gottesdienst dabei waren. Also gehe ich zu ihnen hinüber, um sie zu grüßen. Die Leute kommen mir entgegen, wir schütteln Hände. Auch einer der drei Rebellen ist aufgestanden, ein junger Mann mit Turban, und grüßt mit Handschlag, die beiden anderen sind am Tisch sitzen geblieben. Begrüßungsfloskeln, ich weiß gar nicht mehr, was ich genau gesagt habe. Danach gehen wir unseren Weg weiter, und die Menschen kehren an ihren Platz zurück. Abstruse Begegnungen am frühen Morgen.

Später habe ich dann erfahren, worum es ging. Die Seleka suchten einen Mann, der in irgendwelche Familienstreitigkeiten verwickelt war. Davon hatten die Rebellen gehört und sich eingemischt, denn das verspricht Geld. Der Mann war geflohen und hatte bei seinem Bruder übernachtet; bei jenem, vor dessen Haus das „Gericht“ stattfand. Als die drei Seleka gestern Abend dort eintrafen, war der Mann schon wieder verschwunden – aber nun wurde der Bruder bestraft. Weil er Unterschlupf gewährt hatte. 50.000 Francs CFA, das sind in etwa 76 Euro. Eine gigantisch hohe Summe für eine Familie, die nur von dem lebt, was sie mit der Hand auf ihrem Feld erntet. Konkret heißt das, dass die Familie sich nun verschuldet, bei Freunden und Nachbarn, dass sie die eine Zeige, die sie vielleicht hat, verkaufen muss. Aber sie wird alles tun, die Summe aufzutreiben, denn von den Rebellen in Haft genommen zu werden, heißt, körperlich bestraft zu werden. Folter ist das.

Fortsetzung folgt

 

 

 

 

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